Auf welchen Platz soll er sich nur setzen? Dieter Kosslick hat eine einmalige Wahl. Er ist ganz allein im Zoo Palast. 850 Sitze stehen im Großen Saal zur Auswahl. Noch. Denn während der Berlinale wird auch dieses frisch sanierte und grundauf erneuerte Kino endlich, nach drei Jahren Baustelle, wieder als Berlinale-Kino zur Verfügung stehen. Dann werden sich die Leute im frischesten Kino der Stadt drängeln. Es sitzt sich prima, findet der Festivalchef, der sofort mit dem Sitz in Liegeposition fährt. Auch der Saal habe sein Ambiente bewahrt. Nur dass im Foyer noch immer Popcorn eimerweise verkauft werde, ist dem bekennenden Slowfooder ein Graus.
In den Zoo Palast hat sich Kosslick, wie so viele, auf den ersten Blick verliebt. Das war 1983, er war frischgebackener Geschäftsführer des Hamburger Filmbüros. Er schwärmt noch heute von der Größe des ‚Zoos’ und dem wunderschönen blauen Himmel mit den Sternenlichtern. Noch genauer erinnert er sich aber, wie damals der Berlinale-Beitrag „Das Gespenst“ vom Innenminister Friedrich Zimmermann verboten wurde: „wegen Blasphemie oder ähnlichem.“ Die Filmbranche hatte sich darauf mit einer konzertierten Aktion vorbereitet: „Als er versuchte zu reden“, schmunzelt Kosslick, „zogen wir alle Leintücher über den Kopf. Tausend Gespenster riefen ‚Huhu, Huhu’. Eine gespenstische, aber friedliche Demonstration gegen Zensur und für die Kunstfreiheit.“
Die Test-Berlinale für den Zoo
Seit Kosslick die Berlinale leitet, hat sie ihren Sitz am Potsdamer Platz. Der Zoo Palast ist nicht mehr länger Dreh- und Angelpunkt des Festivals, hier wurden nur noch die Nebensektionen Panorama und Kinderfilmfestival bespielt. Das ist auch in diesem Jahr wieder so, darüber hinaus rollt Kosslick dem neuen Prämiumkino aber mehrfach den roten Teppich aus: Wie der Friedrichstadtpalast und das Haus der Berliner Festspiele werden hier auch drei Berlinale Specials gezeigt, den Alpenwestern „Das finstere Tal“ am Montag, die Highsmith-Verfilmung „The Two Faces of January“ am Dienstag und Schlöndorffs „Diplomatie“ am Mittwoch. Und wenn es nach ihm geht, soll es künftig noch mehr werden: „Das ist jetzt die Test-Berlinale für den Zoo Palast. Wir müssen beobachten, wie die Integration in das Gesamtkonzept mit dem Friedrichstadtpalast passt.“ Kosslick jedenfalls würde hier gern „in Zukunft mehr auftrumpfen“.
Und dann kommt ein großes Wort. Im Vorfeld zur Wiedereröffnung des Zoo Palastes war ja von einer Rückkehr des Festivals in den Alten Westen die Rede, was die Berlinale flugs dementierte. Nur die zusätzlichen Specials seien gemeint gewesen. Jetzt aber wird Kosslick wieder allgemeiner. „Wir wollen den Potsdamer Platz etwas entzerren.“ Der Mietvertrag laufe bis 2018, und am Potsdamer Platz seien ja auch die ganze Infrastruktur, all die Kinos, auch die Büros des Festivals. „Aber es gibt da auch viele kleine und größere Problemchen, die es zu lösen gilt.“ Kleine Pause. „Der Platz ist hart.“ Im Berlinale-Palast müsste etwa dringend die Technik aufgerüstet werden, sie hinke dem Zoo Palast weit hinterher. „Darüber wird aber wohl erst ab 2015 diskutiert werden.“
„Momentan ein wichtiges Kino für uns“
Könnte man denn überhaupt ganz in den Westen zurückkehren? „Ja, das ist das Hauptproblem“, gibt der Festivalchef zu. Kein Kino fasse so viele Plätze wie der Berlinale-Palast, und viele Kinos am Kudamm seien ja geschlossen worden. „Das kann man nicht einfach so ersetzen für ein großes Filmfestival.“ So viel allerdings wird deutlich: Kosslick ist nicht ganz zufrieden mit dem Potsdamer Platz. Wohl auch nicht mit den Anliegern, die vom Festival profitieren, ohne es zu unterstützen. Aber das sagt er nicht, das reimt man sich zusammen.
Für die nächste Zeit kann sich Kosslick aber konkret vorstellen, dass der Ehrenbär wieder am Zoo verliehen werden könne. „Das würde das ganze System nicht ins Wanken bringen.“ Und dieses Jahr sind schon fast alle Sektionen hier vertreten, Market-Sceenings in den Clubkinos inbegriffen. „Der Zoo Palast ist jedenfalls momentan ein wichtiges Kino für uns.“ Man hört viel Überdruss und viel Hoffnung aus diesen Sätzen heraus. Da pokert wohl auch jemand um bessere Konditionen. Und setzt den Zoo Palast geschickt als Alternative ein.




