Als mein großer Bruder mir Schneewittchen vorstellte

Mein Bruder und ich. Wir hatten immer etwas zu essen dabei, am liebsten Weißkohl, ungekocht, in feine Fäden geschnitten und leicht gesalzen in einer Plastikbox. Hört sich heute ein bisschen irre an. Aber unsere Mutter war trickreich, wir dachten tatsächlich, wir brauchen keine Chips. Wir schmuggelten unseren Snack ins Kino, denn die Kinobetreiberin des Roxy im niedersächsischen Holzminden wollte natürlich Eis und Cola verkaufen. Sie war schon alt, hatte graues Haar und ich kann mich nur an ihren Oberkörper erinnern, weil sie immer hinter der Kasse saß. Hinter einer Glasscheibe so wie die Postangestellten damals, als sie noch Beamte waren. Ihr Blick war stets skeptisch, selbst wenn es um einen Film ohne Altersfreigabe ging. Ich war erleichtert, wenn wir an ihr vorbei waren.

Mein erster Film war Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Mit vier Jahren saß ich zum ersten Mal auf einem blauen Klapp-Samtsessel mit einem in die Armlehne eingelassenen Aschenbecher an der Seite. Damals durfte noch geraucht werden im Kino und so roch es auch. Aber gestört hat mich das nie, der Geruch war Zutat auf dem Weg zu einer ersten Unabhängigkeit. Mein fünf Jahre älterer Bruder begleitete mich dabei, führte mich ein in eine dunkle und zugleich fantastische Welt. Die Farben, die Zwerge, das schöne Schneewittchen, die böse Stiefmutter, der armselige Vater – der Volltrottel. Natürlich fühlte ich mich wie Schneewittchen, sie hatte auch dunkles Haar und helle Haut. Und tatsächlich habe ich gerade erst darüber nachgedacht, ob ich in diesem Jahr zu Karneval als Schneewittchen gehen sollte und meine drei Freundinnen als meine Zwerge (wollen sie leider nicht). Weitere Folgeschäden hatte mein erster Kinobesuch, so glaube ich, nicht.

Als der Film zu Ende war, war es draußen schon dunkel. Ich war so glücklich und beschwingt. Heute würde ich sagen, wie nach einer Clubnacht mit Drinks und Tanz. Mein Bruder und ich gingen Hand in Hand die Hauptstraße runter. Bis wir zur Wohnung von Freunden unserer Mutter kamen, dort warteten wir im Wohnzimmer. Dann kam meine Mutter, in Jeans und gestreifter Bluse. Sie lachte und es gab überhaupt keinen Ärger. Heute weiß ich, dass wir damals vor dem Kino eigentlich hätten warten sollen. So war es ausgemacht. Meinem Bruder stand der Sinn wohl aber mehr nach einem kleinen Abenteuer. Die Hauptstraße war unser dunkler Wald.

Die Kinogänge mit meinem Bruder hörten auf, als ich etwa zehn Jahre alt war, von da an ging ich mit meinen Freundinnen. Schaute „Dirty Dancing“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Cocktail“. Ich hielt Händchen mit meinem ersten Freund, von dem ich mich gleich am Tag darauf wieder trennte. Das Roxy-Kino in Holzminden gibt es übrigens nicht mehr. Schade ist das. Diana Zinkler

Auf immer hypnotisiert vom Dschungelbuch

Ich hatte Glück. Mein erster Kinofilm war so großartig, dass er mich für immer zum Cineasten gemacht hat. Das „Dschungelbuch“ nach Rudyard Kipling war der letzte Film, den Walt Disney noch selbst produziert hat und ist längst ein Klassiker. Als wir mit meiner ersten Klasse zum Filmtheater aufbrachen, war er gerade erst in die Kinos gekommen. Ins Kino gehen und Filme gucken war für mich etwas ganz Besonderes. Meine Familie lebte in Namibia, Fernseher gab es dort noch nicht, und Kinder hielten sich vorzugsweise draußen, im Schwimmbad oder auf irgendwelchen Bäumen auf. Das änderte sich schlagartig, als ich Mowgli und seine Freunde, den klugen Panther Baghira und den fröhlichen Bären Balu, kennenlernte. Ich war hingerissen von der Elefantentruppe, und beim Tanz des Affenkönigs riss es uns Kinder fast von den Sitzen. Die leise Gefahr, die von der Schlange Kaa ausging, faszinierte mich, denn vor Schlangen hatte ich großen Respekt. Bei aller Begeisterung für das Niedliche im Film, vor allem Kaas hypnotischer Gesang hakte bei mir ein und begleitet mich bis heute. Später führte uns die Lehrerin in Winnetou-Filme – auch die habe ich geliebt, wenn auch nicht so nachhaltig. Wie es im Kino aussah, habe ich längst vergessen. Geblieben ist vor allem das: Gute Filme will ich im Kino sehen, auf großer Leinwand mit Samtvorhang und ab und zu mal Eiskonfekt. Gerlinde Schulte

Pippi Langstrumpf in der Endlosschleife

Wann ich „Pippi außer Rand und Band“ das erste Mal gesehen habe, weiß ich nicht mehr so genau. Fünf oder sechs Jahre alt war ich, als mein Vater zum ersten Mal vor Weihnachten mit meinen Schwestern und mir ins Kino ging, damit meine Mutter „in Ruhe mit dem Christkind sprechen“ konnte. Rote Samtklappstühle, eine Rolle Rolo, diese Karamellbonbons – und ein wahnsinnig spannender Film. Ich war froh, als sich Pippi, Annika und Tommy endlich wiederfanden. Meinen Eltern gefiel der Nachmittag offenbar, jedenfalls wurde der Kino-Besuch im Dezember zur festen Einrichtung. Im Jahr darauf studierte mein Vater das Kinoprogramm und kündigte einen „neuen Pippi-Langstrumpf-Film“ an. Spätestens bei „Konrads Spezialkleber“ wurde allen klar: Das kannten wir schon. Beim dritten Mal blieben wir dann einfach ganz gelassen, als Pippi in der Tonne durch den Wasserfall rutschte, das Bauernkind vor dem Stier rettete und auf dem Seil Geld für Kleidung sammelte. Zwölf Monate später hatte mein Vater eine besondere Überraschung für uns: Im „Residenz“ lief „Schneeweißchen und Rosenrot“. Na ja. Im Jahr darauf guckten wir wieder „Pippi Langstrumpf“. Anette Nayhauß

Was der Bär mir über Popcorn beibrachte

Ich weiß nicht mehr, wieso ausgerechnet „Der Bär“ mein erster Kinofilm war. Ich weiß nur noch, dass ich als Kind unbedingt ins Kino wollte. Was auf der Leinwand lief, war mir weniger wichtig, als endlich auch mal in einem Filmtheater zu sitzen. Irgendwann dachte sich meine Mama dann vermutlich, „Der Bär“ sei jetzt der geeignete Einstieg, und ging mit mir in die Nachmittagsvorstellung in Bad Reichenhall. Im Vorraum roch es nach zuckersüßem Popcorn. Das gehört für mich bis heute dazu. Dabei mag ich es nicht mal sonderlich gerne. Wenn ich selbst so einen Goldfischglas großen Kübel in der Hand habe, schaffe ich nicht mal die Hälfte. Die Sessel in dem Kino waren tief, plüschig und hatten so hohe Lehnen, dass ich kaum sah, was das Bärenbaby in dem Film anstellte. Geliebt habe ich es trotzdem. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich gar nicht unbedingt in ein Cineplex-Kino gehen muss, sondern mit einer dunklen Kinohöhle aus den 80er-Jahren zufrieden bin. Das Erlebnis ist für mich das gleiche. Für zwei bis drei Stunden verschwindet man in einer ganz anderen Welt. Und man kann immer wieder dorthin zurück. Sooft man will. Viktoria Solms

Wo war der Krieg der Knöpfe?

„Kinobesuch“ ging für Tempelhofer Kinder der späten 60er-Jahre so: In der Zeitung wurden die Lichtspielhäuser des Bezirks nach kindgerechtem Filmmaterial durchgesehen, bei dem allerspätestens um 19 Uhr der „The End“-Schriftzug zu sehen sein würde. „Kinos“ waren damals diese etwas ramponierten Räume mit Klappsitzen, in denen es nach den Zigaretten des Kartenabreißers roch, statt nach Popcorn-Fett und Kommerz. Den Begriff „Cineplex“ hätten wir wohl für ein altgriechisches Wort gehalten, das möglicherweise „Angst vor Kinos“ bedeutete. Der lokale Kinobesuch ist Tempelhofer Kindern heute ebenso fremd wie unsere Hobbys „Am Te-Damm die Ziele startender Flugzeuge raten“ und „LPs kaufen“. Tempelhof hat kein echtes Kino mehr. Wo ich meinen ersten Film „Krieg der Knöpfe“ gesehen habe, weiß ich nicht. Nur, dass es in Tempelhof war. Das „Mali“ gab es zuletzt noch, auch das „Viktoria“. Heute sehe ich auf dem Weg zur Schwiegermutter manchmal Supermärkte und Sportstudios mit auffällig breiten Treppen und liebevoll gestalteten Geländern. „War ich hier zum ersten Mal im Kino?“, denke ich dann. Patrick Goldstein

Auf der Suche nach der Romantik

Es war im Savoy auf dem Hamburger Steindamm. Ein Ort, der nicht unbedingt für Romantik bekannt ist. Warum ich damals mit meiner Freundin Angelika genau dort „Pretty Woman“ sah – keine Ahnung. Ist vielleicht auch besser so.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, die „Reicher-Kerl-liebt-Straßenmädchen“-Romanze war natürlich NICHT mein erster Kinofilm. Aber weiter zurück reicht meine Erinnerung nicht. Alles, was vorher gewesen sein mag, wird seit ein paar Jahren ausgelöscht von brutalen Elterndaseins-Erinnerungsvernichtern wie „Prinzessin Lillifee“, den „Croods“ oder der „Eiskönigin“. Schmachtfetzen – Fehlanzeige! Dabei bin ich seit damals (gut, sicher auch schon vorher) eine heillose Romantikerin. Ich liebe Liebesgeschichten. Je unglaubwürdiger, desto besser. Ist mir doch egal! Hauptsache ein grau melierter Mann mit Höhenangst steigt für mich auf die wackelige Feuerleiter. Seufz!

Ach, beinahe hätte ich es vergessen: „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen II“ – da gab es eine Romanze. Zwischen dem trotteligen Wissenschaftler und der bebrillten Wetteransagerin. Hach, war das schön – fast wie damals auf dem Steindamm. Britta Klar

Der Tollpatschdrache und ich

Wenn man vier Jahre alt ist, dann ist es nicht ratsam, ältere Schwestern zu haben. Mit drei Jahren kapiert man das noch nicht so, mit vier aber wird es einem schlagartig klar: Man ist ein Trottel und wird es vermutlich immer bleiben. Alle anderen können alles besser. In einem meiner größten Wutanfälle über meine eigene Unfähigkeit, und derer hatte ich einige, habe ich kurzentschlossen auf den Teppich gepinkelt. Das nämlich konnte ich besser als die anderen.

In dieser Situation traf ich auf Elliot, das Schmunzelmonster. Es war in einem Kino in Frankfurt am Main, in den späten Siebzigern. Elliot war ein Drache, der vor lauter Tollpatschigkeit dauernd Unheil anrichtete. Er setzte Dinge mit seinem Atem in Brand, wenn er aufgeregt war, und machte Zäune mit seinem Schwanz kaputt, wenn er sich freute. Irgendwie erinnerte mich dieser große Trottel an mich selbst. Nur, dass ich sehr viel kleiner war. Er konnte auch etwas besser als alle anderen: Er konnte mit seinem Feuer Äpfel braten. Irgendwie schien mir das sehr tröstlich. Außerdem war er lustig. Vielleicht, dachte ich mir, ist es doch nicht so schlimm, trottelig zu sein. Judith Luig

Heulen mit Cap und Capper

Es ist grotesk, welche Streiche einem die Erinnerung zuweilen spielt. Ich weiß, dass ich vor dem ersten Film, der bei mir haften geblieben ist, bereits einmal im Kino gewesen war; nur ist mir alles entfallen. Und mein zweites Kinoerlebnis war eher traurig: Es muss der achte Geburtstag des Nachbarsjungen gewesen sein. Seine Eltern hielten es für eine gute Idee, mit uns in den Zeichentrickstreifen „Cap und Capper“ zu gehen. Eine rührende Geschichte von der Freundschaft zwischen einem Hund und einem Fuchs. Die Örtlichkeit fand ich spektakulär; die riesige Leinwand, die Sessel, es war ein Traditionskino in Hannover. Die Gesellschaft aus aufgeregten Jungs – Mädchen spielten keine Rolle – bekam auch auf der Leinwand einiges geboten: Bevor zwischen Fuchs und Hund alles gut wurde, war jede Menge Heulen, Jammern, Zähneklappern und Jaulen angesagt. So viel, dass ich hinterher komplett fertig war, ich glaube, zu Hause gab’s Theater – und schlecht vom vielen Popcorn war mir obendrein. Na ja. Vermutlich mag ich deshalb bis heute am liebsten Gangsterstreifen. Da wird nicht geheult und gejault, sondern geschossen. Philip Cassier

Lasst die Puppen aufeinander los

Es ist etwas peinlich. Als Filmkritiker müsste man doch mit einem echten Meilenstein aufwarten. Einem Klassiker wie „Dschungelbuch“ oder wenigstens „Mary Poppins“. Von wegen. Mein erstes Kinoerlebnis war „King Kong gegen Godzilla“, ein japanischer Trashfilm von 1974. Heute würde ich den kindisch finden, aber das war wohl genau der Grund, warum ich ihn damals sehen musste. Da kämpft Godzilla, der für Japan das ist, was King Kong fürs US-Kino ist, gegen einen Cyborg, der eigentlich Mechagozilla heißt. Aber King Kong machte sich im Titel wohl besser. Der naive Scifi-Quatsch lebt davon, dass die Filmleute auf der Leinwand mit ihren Figuren nichts anderes machten wie ich mit meinen Kleinfiguren im Kinderzimmer: die Puppen aufeinander loslassen. Mit viel Bummbumm.

Viel wichtiger als der Fakt, welchen Film ich da sah, war aber, überhaupt ins Kino zu gehen. Unsere Eltern haben das nie mit uns gemacht. Aber anno 1974, ich war gerade acht, durfte ich mit meinem Bruder erstmals ins Kino. Sie steckten uns das Geld dafür zu. Wir Nordstädtler durften dafür sogar in die verrufene Südstadt radeln. Allein. Wir kamen uns sehr erwachsen vor. Peter Zander

Ein Horrorstreifen namens „Quo Vadis“

Mein erster Kinobesuch? Oh, das ist lange her. 1954 war’s, Deutschland war gerade Fußball-Weltmeister geworden. Ich war 13 Jahre jung, das Geld knapp, das vor ein paar Wochen eröffnete neue Kino „Bali“ im Ballsaal eines nicht mehr besonders gefragten Hotels mangels Taschengeld terra inkognita. Weil von Schlangen vor der Kinokasse zunächst keine Rede sein konnte (in meiner Heimatstadt Bad Oldesloe gab es bereits zwei alteingesessene Filmbühnen), versuchte der Neuinvestor aus Hamburg mit ein paar Freikarten für sich zu werben. So kam ich an einem kalten Dezember-Nachmittag zu meinem ersten Kinoerlebnis. Der Film hieß „Quo Vadis“, Historien-Schinken aus Amerika. Ein grausames Spektakel. Das fing schon damit an, dass mich zur Begrüßung der legendäre MGM Löwe anbrüllte. Aber doch ein vergleichsweise harmloser Auftakt, wie sich bald erweisen sollte.

„Quo Vadis“, zu deutsch „Wohin gehst du?“, erzählt die Geschichte des römischen Generals Marcus Vinicius, der nach siegreichem Feldzug nach Rom zurückkehrt und sich in die christliche Geisel Lygia verliebt. Höhepunkte sind die Christenverfolgung und die Brandstiftung Roms durch Kaiser Nero. Auch wenn sich am Ende Marcus und Lydia „kriegen“ – die Jagd auf die Christen, wie die Gläubigen den Löwen im Amphitheater zum Fraß vorgeworfen wurden, haben mich geschockt. Ich hatte in den ersten Nächten Albträume. Bis heute sind diese Szenen nicht aus meinem Gedächtnis gelöscht. Vielleicht hat dieses Schreckerlebnis dazu beigetragen, dass aus mir ein Kinomuffel geworden ist. Daran konnten auch Peter Ustinov als Kaiser Nero, die bezaubernde Deborah Kerr als Lygia und Robert Taylor als rettender christlicher Konvertit nichts ändern. Jochim Stoltenberg