Berlinale

Florian Stetter ist der Mann, den Sie lieben und hassen werden

In „Die geliebten Schwestern“ mimt er den jungen Friedrich Schiller, in „Kreuzweg“ einen fanatischen Pater: Florian Stetter könnte der Star der Berlinale werden – obwohl er gar keiner sein will.

Foto: Reto Klar

Es ist seine Berlinale. Andere Schauspieler können schon froh sein, wenn sie mit einem Film im Wettbewerb des Festivals vertreten sind. Florian Stetter aber darf hier gleich zwei Beiträge vorstellen. Er ist da nicht ganz allein. Auch Bill Murray ist am Donnerstag erst im Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“ zu sehen und zwei Tage später in „Monuments Men“ von George Clooney. Aber das sind nur Neben-, eigentlich nur Gastrollen. Ein anderer deutscher Schauspieler, Ronald Zehrfeld, taucht ebenfalls in zwei Wettbewerbsfilmen auf. Aber nur einer kommt auf zwei echte Hauptrollen, die sich einprägen. Und das ist eben der 34-jährige Stetter.

Er ist der Mann, den Sie lieben werden. In Dominik Grafs Historiendrama „Die geliebten Schwestern“ spielt er Friedrich Schiller, aber nicht nur so sehr den Dichter und Denker, schon gar nicht im großen Doppel mit Goethe in Weimar, sondern als Stürmer und Dränger, als jungen Liebenden, nach dem sich gleich zwei Schwestern verzehren, die Lengefelds. Eine Ménage à trois mit klassischer Note. Er ist der Mann, den Sie hassen werden. Denn in Friedrich Brüggemanns Kirchenabrechnung „Kreuzweg“ spielt er einen fanatischen Pater, der seine Firmlinge zu „Soldaten Gottes“ formen will und mit einer gleichsam verblendeten Mutter ein 14-jähriges Mädchen erst in den Wahn und dann in den Tod treibt.

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Wir treffen uns in einem gemütlichen Café am Zionskirchplatz. Klar, im angesagten Mitte, wo die meisten Schauspieler wohnen. Und wirklich ist es auch sein Kiez. Er wohnt nicht weit, in einer ruhigen Nebenstraße, die aber eben gar nicht so in ist. Und es ist kein schwärmerischer, rebellierender Schiller, der uns da gegenübersitzt und Rührei und Blutorangensaft bestellt, aber auch kein fieser Fanatiker, der uns von irgendwas, von sich gar, überzeugen will. Stetter, das fällt gleich auf, ist ein sehr ruhiger, fast stiller Mann, was in seinem Beruf recht selten ist.

Wie fühlt es sich an, gleich doppelt im Wettbewerb zu laufen? Die Augen strahlen, aber der Rest des Körpers hält sich merklich zurück, als wolle er sich die Freude nicht allzu sehr anmerken lassen. „Das ist ein ganz tolles Geschenk“, sagt Stetter mit Bedacht. „Weil mir beide Filme am Herzen liegen.“ Und, da wird er jetzt doch euphorischer, „weil ich mich da emotional total ausgeschüttet habe.“ Später wird er noch von einem Rucksack sprechen, den er da mitbringe und aufschnüre.

Hand aufs Herz, grätschen wir in das Rührei, macht man sich da auch Bärenhoffnungen? „Ich bin schon wahnsinnig froh, dass wir im Wettbewerb sind. Dass wir dieses Sprungbrett bekommen. Ganz egal, wie das ausgeht.“ Auch das klingt erst mal nur höflich. Dann blitzen wieder die Augen auf. „Aber ich würde lügen, wenn ich das total ausblenden würde.“ Erhöht das die Chancen, wenn man zwei Mal vertreten ist? Oder halbiert es sie? „Das weiß ich eben auch nicht.“ Da wirkt er jetzt wirklich ein wenig nervös. „Grundsätzlich ist es bestimmt nicht schlecht.“ Beide Filme seien so unterschiedlich, die zeigten eine ziemliche Bandbreite. Sie laufen dann auch kurz hintereinander, „Die geliebten Schwestern“ am ersten Sonnabend, „Kreuzweg“ nur einen Tag später. Das sei, gibt er zu, aber auch ein bisschen unfair gegenüber anderen, die sich nur in einem Film beweisen können.

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Wir müssen an dieser Stelle ein bisschen ausholen. Florian Stetter hat gleich für sein Filmdebüt, Philipp Grönings „L’amour, la mort, l’amour“ in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis als bester Darsteller bekommen. 13 Jahre ist das her. Er hat dann mit Matthias Schweighöfer und Jessica Schwarz in Dominik Grafs „Die Freunde der Freunde“ mitgespielt, der einen Grimme-Preis bekam. Schweighöfer und Schwarz haben daraufhin kometenhafte Karrieren hingelegt.

Auch Florian Stetter hat man einen solchen Werdegang prophezeit. Der Neuberliner, der vor sieben Jahren aus München hierher zog, war schon einmal auf der Berlinale im Wettbewerb, 2005 mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“. Er hat im Nazidrama „Napola – Elite für den Führer“ mitgewirkt. Und 2010, in „Nanga Parbat“, hat er Reinhold Messner gespielt. Und nicht nur von diesem größtes Lob eingeheimst. Aber der ganz große Durchbruch war ihm bislang nicht vergönnt. Das könnte nun diese Berlinale bringen.

Seine Haare sind dunkelblond, die Augen blau. Rein äußerlich sieht Stetter erst mal nicht wie Schiller aus. Ein Matthias Schweighöfer mit seinen roten Haaren und Sommersprossen wäre da naheliegender. Und der hat ihn ja auch, 2005 im Fernsehfilm „Schiller“, wirklich verkörpert. Wie ist das, eine solche XXL-Rolle zu spielen, bei der jeder Deutschlehrer, jeder halbwegs Gebildete sein eigenes Bild, seine eigenen Vorstellung hat? Muss man da nicht automatisch an Erwartungen scheitern? Stetter nickt. Die Frage hat er sich wohl auch gestellt. Aber die Entscheidung war ganz pragmatisch.

Gefangen im „Schiller-Irrsinn“

„Dominiks Drehbuch war so brillant, so schlüssig, dass ich es relativ schnell greifen konnte. Das ist eine Figur, die lebt, da wird kein Heiliger verklärt, keine Dichterfigur auf ein Podest gestellt.“ Natürlich habe er angefangen, das, wie er es nennt, „komplette Sortiment“ zu lesen. Das Werk des Dichters, die Sekundärliteratur und, und, und. Das sei aber „Bullshit“ gewesen, wie er meint, das sei immer riesiger, immer monströser gewachsen. „Das ging immer weiter von mir weg.“ Da habe er sich lieber überlegt, was in der Szene für ihn wichtiger sei, was ihn da persönlich beschäftige. „So bin ich wieder zu mir gekommen.“

Das sei wohl auch der Grund gewesen, wieso Dominik Graf ihn haben wollte. „Weil er wusste, dass ich mich nicht so in einen Schiller-Irrsinn verliere.“ Das sei der größte Horror für den Regisseur, dass sich ein Schauspieler zu stark auf eine Rolle vorbereite, von einem Coach geleitet werde und dann beim Dreh zu sehr in seiner eigenen Vorstellung gefangen sei. So dass der Regisseur gar nicht mehr an ihn herankomme. Das sei „dem Dominik“ schon einmal passiert, Namen werden natürlich nicht genannt, und das wollte er explizit nicht noch mal erleben. Graf sei aber auch sehr früh mit dem Projekt an Stetter herangetreten, zwei Jahre, bevor der Film überhaupt gedreht wurde und die Finanzierung noch gar nicht feststand. Das sei das größte Kompliment für ihn gewesen, meint Stetter.

Offensichtlich sieht man den Dichter und Denker in ihm. Im Schweighöfer-„Schiller“ war Stetter auch schon zu sehen, als dessen Freund Scharffenstein. Und für Philipp Stölzls rotzfrechen „Goethe!“-Film, in dem der Dichterfürst zum schmachtenden Junglover wurde, ist Stetter ebenfalls gecastet worden, auch wenn die Rolle letztlich an Alexander Fehling ging. Stetter weiß auch nicht, was die Leute da in ihm sehen, nimmt es aber eher amüsiert. Und klar, „jeder hat das Bild im Kopf, wie Schiller in Weimar vor dem Theater steht.“ Aber der Film zeige ja eine sehr persönliche und ziemlich unbekannte Seite des Literaten. Kein Biopic, sondern ein Liebesdrama.

Militanter Pater gesucht

Just in die Dreharbeiten am fernen Starnberger See rief plötzlich ein junger Regisseur aus Berlin an, Friedrich Brüggemann. Ob er sich nicht mit Stetter zu einem Casting treffen könne. Man wohne doch in Berlin, ginge doch schnell. Ging es aber nicht. Stetter steckte im Rokokokostüm. Und in einer anderen Welt. Brüggemann musste zwangsweise jemand anderen für seinen militanten Pater finden. Doch der passte nicht, so dass das Handy bald wieder klingelte. Ob er nicht doch...? Es ging immer noch nicht.

So machte man ein Ferncasting, das immer häufiger zur Regel wird. Man bekommt ein paar Seiten Drehbuch gemailt, stellt sein Iphone aufs Waschbecken und filmt sich dabei, wie man die Szene spielt. Stetter hat das wirklich in einer Drehpause in seinem Trailer zwischen zwei Schiller-Takes absolviert. Doch die Dreharbeiten fanden in einem absoluten Funkloch statt, und die Dateimenge war so groß, dass sie ohnehin kaum zu versenden war. Über Nacht hat es irgendwie doch geklappt, gleich am Morgen kam die Nachricht: Du hast die Rolle. Und nach der letzten Klappe Schiller ging es sofort zurück nach Berlin, zum Dreh von „Kreuzweg“.

Das ist ein radikaler Film, auch formal. Von Liebe ist hier keine Spur. Das Martyrium eines 14-jährigen Mädchens wird analog zu den 14 Stationen auf dem Kreuzweg Jesu erzählt, in 14 Szenen, die jeweils ganz ohne Schnitt in einer einzigen Einstellung gedreht wurden. Gleich die erste Szene ist ein Viertelstünder, in der Stetter quasi einen Monolog spricht.

Eine sehr große Aufgabe

„Das war mit die größte Aufgabe, die ich je hatte“, stöhnt er noch heute. Wenn da in der 13. Minute gepatzt wurde, musste alles noch mal gedreht werden. Und der Tag war erst zu Ende, wenn die Szene im Kasten war. „Die geliebten Schwestern“ wurden über Jahre entwickelt, vier Monate gedreht und noch ein Jahr geschnitten – für die zweistündige Kinoversion, die dreistündige Berlinale-Fassung, und den Zweiteiler, der dann im Fernsehen gezeigt wird. „Kreuzweg“ hatte exakt 14 Drehtage. Und einen Tag für den Schnitt. Die letzte Klappe fiel erst im November, und schon läuft der Film auf der Berlinale. Das ist fast Instant-Kino.

Das führt uns natürlich zu der gemeinen Frage, welchen der beiden Filme Stetter mehr favorisiert. „Schwestern“ oder „Kreuzweg“? „Das ist gar nicht gemein, das ist eine legitime Frage.“ Für „Kreuzweg“ habe er große Sympathien, auch weil er so überraschend zu dem Film gekommen sei und dieser so radikal schnell entwickelt wurde. Aber sein Herzblut hänge mehr an den „Schwestern“, schon weil ihn eine so lange Freundschaft mit Dominik Graf verbinde und der Film ihn über zwei Jahre so emotional beschäftigt habe.

Wie bereitet man sich nun auf so einen Berlinale-Auftritt vor? Gleich zwei Filme hintereinander weg. Den Irrsinn mit rotem Teppich, Pressekonferenz, Party und so weiter. Ein kleines Lächeln huscht über Stetters Lippen. Pragmatisch managt er auch das. „Schau“, sagt er, ein Wort, das der gebürtige Regensburger und langzeitige Münchner übrigens oft gebraucht, „schau, wir haben zu Hause zwei kleine Kinder. Da haben wir so etwas wie einen Familienkalender, Tabellen, in die wir uns eintragen. So werde ich das auch auf der Berlinale machen. Das sind meine zwei Kinder während des Festivals, da kriegt jeder eine Spalte und ich trage ein, wann welcher meine Aufmerksamkeit kriegt.“

Berlinale-Plan nach Familien-Tabelle

Stetter ist eigentlich kein großer Berlinale-Gänger. Filme würde er schon gerne sehen. Aber als Schauspieler müsse man ja vor allem auf die zahllosen Empfänge und Partys, zum Networken. Das sei gar nicht so spannend und glamourös, wie es immer klingt. Seine Kinder sieht er ohnehin nicht so oft, wenn er für Monate woanders dreht. Da verbringt er die Zeit lieber zu Haus. Josef ist noch zu klein, aber die Ida ist jetzt fünf, die mault schon, wenn der Papa mal länger weg war. Es ist ganz klar dieses Leben als Familenvater, das Stetter so erdet.

Deshalb ist es ihm auch ganz recht, wenn er nicht so populär ist. Stetter ist ein Stiller, der den Star-Rummel nicht braucht. „Schau“ (schon wieder dieses süddeutsche „Schau“), „ich bin ganz froh, wenn ich mit meinen Kindern unbemerkt auf dem Spielplatz sein kann. Wenn ich mich öffentlich frei bewegen kann.“ Ein Test im Café, das sich allmählich füllt: Wirklich achtet niemand auf unseren Tisch am Fenster, niemand guckt neugierig herüber oder lauscht gar. Stetter weiß nicht, warum andere berühmter geworden sind als er. Das grämt ihn aber nicht, darum ging es ihm nie. „Ich bin nur froh, dass ich immer Filme machen konnte, hinter denen ich hundertprozentig stehe.“ Das waren oft eher sperrige Filme. Aber das reize ihn eben auch am meisten. Das könnte eine Phrase sein, bei Stetter klingt es überzeugend. Fast müsste man ihm wünschen, dass er keine Bären-Chance hat. Damit das auch weiterhin so bleibt.