Film

Hanna Schygulla wagt einen Neustart in Berlin

Nach über 30 Jahren in Paris kehrt Hanna Schygulla nach Deutschland zurück. Die Hauptstadt soll für sie eine Baustelle der Zukunft werden. Zum Willkommen schenkt Berlin der Schauspielerin eine Ausstellung.

Foto: Reto Klar

Sie war Fassbinders Muse. Sie war das Gesicht des Neuen Deutschen Films. Und dann auch eines des europäischen Autorenkinos. Aber darüber ist Hanna Schygulla Deutschland verloren gegangen. Über drei Jahrzehnte hat sie in Paris gelebt. Jetzt aber will die Schauspielerin, die am 25. Dezember ihren 70. Geburtstag feierte, noch einmal einen Neustarts wagen – und zieht nach Berlin. Die Stadt dankt es ihr mit der Ausstellung „Traumprotokolle“, die vom 1. Februar bis 30. März in der Akademie der Künste zu sehen ist. Dort werden Schygullas hierzulande nie gezeigte Kurzfilme präsentiert.

Berliner Morgenpost: Frau Schygulla, wieso brechen Sie jetzt, mit 70 Jahren, noch einmal alte Zelte ab?

Weil ich eben schon so lange in Paris gelebt habe. Um vielleicht noch mal ein neues Leben, eine neue Lebensphase anzufangen. Ich will zurück in die Muttersprache. Noch pendele ich, ich lebe noch in Paris, teile aber auch schon hier in Charlottenburg eine Wohnung mit Freunden. Wenn ich mich endgültig entscheide, wird das ein ziemlicher Umzug.

Wieso aber Berlin. Hier haben Sie noch nie gewohnt?

Genau darum. Ich will nicht, dass es eine Rückkehr ins Gewohnte wird. Es soll etwas Neues werden. Und Berlin, heißt es ja immer, ist eine Baustelle der Zukunft. Warum also nicht auch für mich? Meine Zukunft ist zwar relativ klein geworden, aber dann wird das eben auch noch eine Baustelle.

Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre. Aber Sie waren nie besonders verbunden mit der Stadt?

Ich habe hier mal mit Fassbinder gedreht, und wir waren das eine oder andere Mal auf der Berlinale. Aber das war es dann auch schon. Nein, längere Aufenthalte hatte ich nie. Aber das ist dann gerade das Spannende.

Berlin schenkt Ihnen quasi als Willkommensgeschenk gleich eine Ausstellung.

Der Akademie habe ich schon 2006 mein Archiv übergeben. Und wenn ich umziehe, werde ich bestimmt noch ein paar Kartons abgeben. Deshalb wollten sie eine klassische Ausstellung für mich machen, mit Fotos, Drehbüchern undsoweiter. Aber ich wollte lieber etwas machen, was nicht so klassisch ist, was man noch nicht so von mir kennt.

Und das sind Ihre Kurzfilme. Das ist wirklich ein Novum. Wie kamen sie zustande?

Weil etwas anderes nicht zustande kam. Nach „Die Ehe der Maria Braun“ wollte Fassbinder einen Film mit mir machen, bei dem ich nicht nur spielen sollte, sondern den wir wirklich gemeinsam machen wollten. Ein Film über die surrealistische Autorin Unica Zürn und ihre schizophrenen Traumwelten. Aber dann hat sich sein Freund Armin Meier das Leben genommen. Fassbinder hat dann „In einem Jahr mit 13 Monden“ gedreht. So hat sich das leider zerschlagen. Das habe ich sehr bedauert. Ich hatte mich ja intensiv darauf vorbereitet. Ich wohnte damals in einer Künstlerkolonie in Peterskirchen, und meine Freunde dort haben mich ermutigt: Mach doch selber was, kauf dir eine Kamera. Und das habe ich dann auch gemacht.

Und Sie haben selbst gedreht, ohne Kameramann, ohne Assistenten?

Ich war da ganz allein mit mir. Ich habe dann auch Material genommen, das aus mir selber kam. Das waren meine eigenen Träume, die ich immer in Traumprotokollen festgehalten habe. Die habe ich dann performance-mäßig nacherlebt. Das habe ich gar nicht unbedingt getan, um es anderen zu zeigen. Es war eher so etwas wie ein kreatives Fieber, weil das andere nicht zustande gekommen ist. Das war eine ganz andere Art der Darstellung, ich habe mich oft über mich selbst gewundert, was dabei herausgekommen ist.

Wieso hat das so lange gedauert, bis wir diese Filme nun sehen dürfen?

Ich habe das sehr lange von einer Wohnung in die andere getragen. Erst als das MoMA in New York eine Retrospektive über mich gemacht hat, habe ich die Filme zu Ende geschnitten. Und noch einige neue Filme dazu gedreht. Für die Berliner Ausstellung habe ich das aber wieder entzerrt. Das Neuhinzugedrehte läuft extra, die ursprünglichen Traumprotokolle, die so vier bis sechs Minuten dauern, werden installationsmäßig wie eine Art Traumwald zu sehen sein.

Wenn Sie schon mal Kurzfilme gemacht haben, drängt sich natürlich die Frage auf: Hätten Sie auch gern einmal einen langen Spielfilm inszeniert?

Wenn ich darum nicht kämpfen müsste - vielleicht. Ich weiß aber, wie mühsam es ist, ein Projekt durchzukriegen. Dazu habe ich keine Lust. Ich dachte mir oft, eigentlich können Regisseure am Ende gar keine Lust mehr haben, das noch zu machen. Als Schauspieler bin ich von so etwas unabhängig und kann frei sein.

Sie sind gerade 70 geworden, haben Ihre Autobiographie „Wach auf und träume“ geschrieben. Jetzt stellen Sie Ihre Traumprotokolle vor. Ziehen Sie schon Bilanz?

Keine Endbilanz, falls Sie darauf hinauswollen. Nein, damit will ich zeigen: Hier bin ich. So bin ich jetzt, auf dieser Altersplattform.

Also dürfen wir weiterhin mit Ihnen als Schauspielerin rechnen?

Ich hoffe doch. Wenn die Gesundheit mich nicht verlässt, auf jeden Fall.

Auf der Berlinale wird Schlöndorffs „Baal“ gezeigt, mit Fassbinder und Ihnen, der 44 Jahre nicht gezeigt werden durfte. Wie ist das, sich noch einmal so jung zu sehen?

Das ist, wie wenn Sie in einem Fotoalbum blättern: Aha, das war ich mal, jaja. Man ist es zum Teil ja immer noch. Ein Teil ist vergangen, aber einer ist immer noch da. Manchmal frage ich mich, wieso ich früher gedacht habe, ich müsse schöner sein. Das verstehe ich heute gar nicht, aber früher habe ich das oft gedacht. Was man so für fixe Ideen hat!

Gab es eigentlich je ein Interview mit Ihnen, wo die Rede nicht irgendwann zwangsweise auf Fassbinder kommt?

Nein.

Verfolgt Sie das, nervt das manchmal?

Na klar. Sie schließen sich dieser Verfolgung ja auch an. Das sind sehr gemischte Gefühle. Ich finde es natürlich gut, dass ich mit dazu beitrage, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Aber es nervt auch, wenn man immer wieder auf die Vergangenheit zurückgeworfen wird.

Als Sie 2010 auf der Berlinale einen Ehrenbär bekamen, haben Sie mir Ihre Hoffnung kund getan, dass vielleicht auch mal jüngere Regisseure bei Ihnen anklopfen. Das ist aber nicht passiert. Könnte das auch daran liegen, dass alle Angst haben, automatisch mit Fassbinder verglichen zu werden?

Weil sie sich dann messen müssten mit ihm? Mag sein. Aber man kann mit mir auch andere Dinge machen. Und ich bin sowieso nicht mehr die von damals. Vielleicht muss ich jetzt einfach in eine neue Sichtbarkeit treten. Dazu könnte diese doppelte Ausschüttung, mit dem Buch und der Ausstellung, ja auch beitragen.