Flüchtlinge

Erst kam der Berlinale-Bär, dann das Flüchtlingsheim

Nazif Mujic ist Schauspieler, er hat sogar den Silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen. Gebracht hat dem Flüchtling die Auszeichnung gar nichts - im Gegenteil.

Foto: Amin Akhtar

Die Plastikwanduhr über ihm zeigt 9.20 Uhr an, in seinem kargen Zimmer in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Gatow, als Nazif Mujic seine unglaubliche Geschichte erzählt. Sie klingt wie geschaffen für einen guten Filmabend, für die ganz große Leinwand: zurücklehnen, Vorhang auf, ein Abenteuer. Ein sympathischer Hauptdarsteller, 43 Jahre alt, mit kantigem Charakterkopf, der sich auf eine große Reise in eine schillernde Welt begibt, wieder heimkehrt und nicht mehr Fuß fassen kann. Sie handelt auch von Krieg, Kommerz und Liebe, und süße Kinder spielen auch mit. Für die Anspruchsvollen gibt es einen Kunstbetrieb, der mit traurigen Geschichten Geld verdient, und die Frage, wie Europa mit seinen Einwanderern umgehen soll.

Als Nazif Mijuc die Geschichte beendet, wird die Uhr immer noch 9.20 Uhr anzeigen, der rote Sekundenzeiger ist kaputt und zittert, so als hätte er nicht die Kraft, von der zweiten auf die dritte Sekunde zu springen.

Szene 1, Klappe 1. Vor einem Jahr hat dieser Mann, der Flüchtling Nazif Mujic, auf der Bühne im Berlinale-Palast gestanden und den Silbernen Bären für den Besten Darsteller in dem Film „An Episode in the Life of an Iron Picker“ entgegengenommen. Er hat den Bären in die Luft gereckt, sein Mund stand lachend offen, und jeder, der Zeitung liest, konnte am nächsten Tag die zwei gesunden Zähne sehen und die Lücken links und rechts daneben, das berühmte „Nazif-Lachen“. Danach hat er den Bären geküsst, der beste Schauspieler von 19 Filmen im 63. Berlinale-Wettbewerb, besser als Jude Law, Matt Damon und der Jung-Star Shia LaBeouf. Ein Wahnsinnsabend.

„Du bist doch jetzt reich, du hast doch den Oscar“

Heute sitzt er rauchend auf dem Bett im Flüchtlingsheim, seine Tochter Sandra auf dem Schoß, und er sagt, dass er den Bären am liebsten zurückgeben will. Auf den vielen Fotos schaue er deswegen so glücklich, weil er voller Hoffnung war. „Ich dachte, dass es meinen Kindern ab jetzt gut gehen wird“, sagt er, „aber alles, was danach kam, war nur noch eine große Enttäuschung.“ Er sei nach Hause zurückgekehrt, weil seine beiden Töchter Sandra, 6, und Šemsa, 8, auf ihren Vater gewartet haben. Doch die restliche Verwandtschaft hatte nur gedacht, er werde jetzt viel Geld mitbringen. „‚Du bist doch jetzt reich‘, sagten sie, ‚du hast doch den Oscar‘.“

Der Silberne Bär ist weder der Oscar, noch ist er ein Preis, der mit einer Geldsumme verbunden ist. Außerdem war es in Nazif Mujics Fall ein vergifteter Preis, weil er ihn bekam, nachdem er sich selbst gespielt hat: einen Vater von zwei Mädchen, dessen drittes Kind im Bauch der Ehefrau Senada stirbt, doch für die Operation fehlt ihm Geld. Mit einem Trick schafft es Mujic im Film, die Operation gerade so zu veranlassen. Senada überlebt, und Nazif kann sein berühmtes Lachen in die Kamera halten. Sein Spiel war das, was die Kritiker lieben: authentisch. Viele Zuschauer weinten im Berlinale Palast, damals, vom Parkett bis hinauf zum 4. Rang. Reich wurde Nazif Mujic nicht, seine Gage betrug 1350 Euro. Den Sohn im wirklichen Leben, den Senada nach dem Dreh gebar, nannte er Danis, nach dem Namen des „Iron-Picker“-Regisseurs: Danis Tanovic.

Niemand wollte ihm eine zweite Chance geben

Doch in dem Raum mit der stillstehenden Uhr in Gatow sitzt ein Mann, der diesen Preis als Beweis für seine darstellerische Leistung sieht. „Ich bin ein Schauspieler“, sagt er, „und ich bin wirklich gut.“ Aber niemand wollte ihm eine zweite Chance geben. „Sie haben mich wie einen Tanzbär vorgeführt“, sagt er, „das wurde mir erst langsam bewusst.“ Das einzige Rollenangebot kam aus Sarajewo – ein Auftritt in einem Pornofilm. Er habe kurz darüber nachgedacht, sagt er lachend, denn die Gage waren 6500 Euro. „Aber dann habe ich abgelehnt.“ Der Regisseur von „Iron Picker“, Danis Tanovic, der 2013 auch den „Großen Preis“ der Berlinale-Jury gewann, habe sich seit August nicht mehr bei ihm gemeldet. „Dabei habe ich die Idee zu einem zweiten Teil seines Films.“

Dieser zweite Film müsste dann im Herbst 2013 beginnen. Szene zwei, Klappe eins: Am 18. November, einem Montag, als sich Nazif Mujic in Tuzla in den Reisebus setzt. Mit dabei ist Senada mit den drei Kindern und einigen Taschen. Das Auto haben sie verkauft, sie lassen nichts zurück, ein Sohn aus erster Ehe, Šemsudin, 19 Jahre alt, lebt schon seit vier Jahren in Berlin. Er holt sie genau 24 Stunden später vom Busbahnhof ab, am 19. November, früh am Morgen. Sie gehen zur Ausländerbehörde, beantragen Asyl, und Nazif Mujic stellt den Berlinale-Bären auf den Tisch. Die Beamten lachen. Dabei, sagt er, sei der Bär doch ein Argument, dass er eines nicht ist: ein Armutsflüchtling.

Erst Schrottsammler, dann Müllmann

In seinem Heimatdorf in der Nähe von Tuzla hat er gearbeitet, erst als Schrottsammler, dann als Müllmann mit 350 Euro Monatsgehalt. „Aber nach einem Bandscheibenvorfall“, sagt er, „musste ich aufhören.“ Er wolle jetzt in Berlin einen Arzt aufsuchen, er habe auch Diabetes. Erst mit dem Befund will er sehen, ob er nicht vielleicht doch zur Berlinale gehen kann. „Abends könnte ich dann auf die Empfänge“, sagt er, „damit ich vielleicht doch eine Rolle in einem Film bekomme.“ Er war noch nie im Tiergarten, im Dom oder auf der Museumsinsel. Er kennt nur die Kinos, Hotels und Restaurants am Potsdamer Platz. Seinen Anzug von Hugo Boss hat er noch, und der Bär wäre sein Erkennungszeichen.

Wenn er wirklich die Berlinale besucht, dann wäre er der erste VIP-Gast, der mit Limousine von einem Flüchtlingsheim abgeholt werde. Allein das wäre eine Szene, die auf eine große Leinwand gehört, weil sie die Frage aufwirft, was ein guter, authentischer Film bewirken kann: Das komplette Durcheinander von sonst so strikt getrennten Welten. Aber der Spaß hört spätestens zehn Tage nach der Verkündigung des 64. Berlinale-Gewinners auf. Denn am 25. Februar läuft das vorläufige Asyl von Nazif Mujic ab. Dann kann er abgeschoben werden. Festival-Direktor Dieter Kosslick hat sich persönlich um eine Anwältin bemüht, jetzt hofft er, dass sich die Situation schnell klärt. Das Interesse an Nazif Mujic wird derweil eher größer als kleiner. Seine Geschichte ist einfach zu gut.

Bis dahin sitzt er in Gatow, einem Zimmer, das laut Türschild 34,20 Quadratmeter groß ist, raucht Marke Montico und lernt Deutsch: „Guten Morgen“ und „Guten Tag“ kann er. Sein „Tschüss“ klingt nach „Dschus“, aber sein „Rückwärts“ ist fast akzentfrei. Er sagt es, wenn er von Bosnien redet. Er will nicht mehr „rückwärts“, nicht mehr zurück.