Ausstellung

Das Dunkel schafft den Glanz im Berliner Filmmuseum

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Peter Zander

Foto: Deutsche Kinemathek

Das Filmmuseum am Potsdamer Platz huldigt Licht und Schatten des Weimarer Kinos. Das ist eine ideale Vorbereitung auf die Berlinale-Retrospektive. Ein Besuch in der Ausstellung.

Das Bild bleibt haften. Ein kleines Mädchen steht vor einer Litfaßsäule, auf der ein riesiger Steckbrief aufgeklebt ist: „10.000 Mk. Belohnung. Wer ist der Mörder?“ Aber das Mädchen steht, einen Ball in der Hand, mit dem Rücken zur Säule, und guckt auf einen Mann, von dem man nur den Schatten sieht.

Bedrohlich schiebt sich dieser Schatten über die Säule und über das Kind. Man ahnt: Das ist der Mörder. Und das Mädchen sein nächstes Opfer. Es ist dies eine Schlüsselszene aus Fritz Langs Berlin-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931. Das Szenenfoto aber komprimiert die ganze Geschichte in eine einzige Einstellung, die sich sogleich in das Gedächtnis einbrennt. Ein geradezu ikonographisches Bild.

Immer wird vom Film als einem Lichtspiel gesprochen, immer auch vom Glanz und Glamour des Kinos – und den Stars, die nicht umsonst an die Strahlekörper am Himmel erinnern. Aber der Film ist immer auch das Gegenteil. Erst das Wechselspiel von Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß macht die ganze Wirkung der Bilder aus.

Der böse Doktor im Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) wird durch einen verzerrten Schatten erst richtig dämonisch. Gleiches gilt für den Vampir in „Nosferatu“ (1922), wenn er sich mit seinen grotesk langen Fingerkrallen auf sein Opfer zubewegt. Kino ist immer Licht- und Schattenspiel.

Das macht jetzt eine neue Ausstellung im Berliner Museum für Film und Fernsehen sehr anschaulich. „Licht und Schatten – Am Filmset der Weimarer Republik“ ist eine Hommage an die größte und ruhmreichste Zeit des deutschen Films, die mit der Machterschleichung Hitlers jäh zu Ende ging. Die Nazis trieben die Filmschaffenden ins Exil, wovon sich das deutsche Kino nie ganz erholt hat, wovon Hollywood aber profitierte.

Denn hier führten deutsche Meisterfilmer wie Fritz Lang, Robert Siodmak oder Billy Wilder und Kameramänner wie Karl Freund und Eugen Schüfftan ihre Schattenspiele fort. Was nicht nur zu einem eigenen Filmgenre führte, dem Film Noir, sondern die Lichtgestaltung im gesamten Kino nachhaltig prägte.

Zugleich zeigt diese Ausstellung, die gestern eröffnet wurde, aber auch, wie wichtig das Standbild für die bewegten Bilder ist. Wie sehr der Film von Fotos lebt. Von sogenannten „Filmstills“, die sich im besten Falle, wie bei besagtem „M“, in das kollektive Gedächtnis einprägen. Von Starporträts, in denen die Schauspielidole wirklich zu überirdischen Wesen stilisiert werken. Und, ganz wichtig, von Setfotos und Werkstattbildern – als visuelle Selbstreferenz.

Baden im Drachenblut

225 Fotos aus 65 deutschen Filmen sind zu sehen, 13 Plakate und 25 Werkfotos dazu, die allesamt aus dem reichen Fundus des Museums stammen, das allein über eine Million an Original-Fotografien in seiner Sammlung zählt. Bilder, die zum einen die Illusion zelebrieren und zugleich, mit den Werkstattfotos, die Illusion auch wieder zerstören, indem sie, als Werbung für die eigene Branche, ihre Machart preisgibt.

Da sehen wir, wie Regisseur Josef von Sternberg für „Der blaue Engel“ den als Clown maskierten Emil Jannings neben sich im selben Spiegel fixiert, in dem der sich im fertigen Film selbst als lächerliche Karikatur seiner selbst erkennt. Wir sehen, wie sich bei den Dreharbeiten zu Fritz Langs „Nibelungen“-Epos neben den Siegfried im archaischen Lendenfell ein Kameramann sein hochmodernes Gerät aufstellt, um den feuerspeienden Drachen aufzunehmen.

Und wir sehen den berühmten Kran, an dem 1925 die Kamera in „Der letzte Mann“ befestigt wurde, um durch einen Berliner Hinterhof zu sausen. Das nannte man damals, als man noch starre Einstellungen gewohnt war, verblüfft „entfesselte Kamera“. Die Filmfotografie also zeigt die Traumfabrik immer von beiden Seiten: die Filmstills den Traum, die Werkstattbilder die Fabrik.

So wie die Fotos für die Bilder werben, so wirbt auch diese Ausstellung für die Retrospektive der kommenden Berlinale (6.-16. Februar). Das Thema ist zwar nicht identisch. Die Retro „Asthetics of Shadow“ spannt den Bogen weiter und analysiert die Beleuchtungsstile des japanischen, amerikanischen und europäischen Films zwischen 1915 und 1950.

Aber auch das Weimarer Kino ist dabei vertreten mit Filmen wie „Dirnentragödie“ oder „Unter der Laterne“ oder Murnaus „Faust“. Und ein Höhepunkt der Filmfestspiele ist die Uraufführung des frisch und digital restaurierten „Cabinet des Dr. Caligari“ am ersten Sonntag der Berlinale, am 9. Februar, in der Philharmonie. Mit Live-Musikbegleitung. Ein Besuch in der Ausstellung mit den Standbildern ist also schon mal eine gute Vorbereitung auf das Festival mit den bewegten Bildern.

Die Filmspule als Installation

Das Museum hat gestern gleich noch eine zweite Ausstellung eröffnet: „The Unseen Seen – Film im neuen Licht“. Da wird das visuelle Medium Kino und die Wechselbeziehung von Film und Fotografie noch einmal ganz neu beleuchtet. Und zwar buchstäblich: Der österreichische Fotograf Reiner Riedler hat einmal zufällig eine Filmspule gegen das Licht gehalten.

Und überrascht festgestellt, dass das Licht durchscheint. Und jede Spule, bei gleicher Belichtung, anders aussieht. Riedler hat deshalb zahllose Spulen berühmter Filme belichtet. Und einige der schönten davon hängen jetzt, quasi als Kunstinstallationen, in einem Raum des Filmmuseums. Jeder Film hat seine eigene, oft knallbunte Farbe und eine eigene Schraffur. Nicht nur die gedrehten Bilder also, selbst die Filmspule ist ein Licht-Spiel für sich. Ein Grund mehr, dem alten Material Film nachzutrauern, das in unsren digitalen Zeiten bald verschwinden wird.

Museum für Film und Fernsehen, Berlin-Mitte, Potsdamer Str. 2. Di-So 10-18, Do, 10-20 Uhr. Bis 27. April 2014