Homosexualität

Wie tolerant ist die Hauptstadt gegenüber Schwulen und Lesben?

Berlin hat das Image, Schwulen und Lesben besonders offen gegenüberzustehen. Doch stimmt das überall? Unser Autor, selbst schwul, hat sich auf Entdeckungstour gemacht

Ich sitze neben meiner Mutter im Auto, ich bin 19 Jahre alt, wir fahren Autobahn, von Nürnberg nach Dresden, zurück vom Zivildienst, mein erstes Jahr in der eigenen Wohnung. Nach einer längeren Pause, in der nichts gesagt wird, fragt meine Mutter, wie ich mich denn jetzt entschieden hätte? – "Wie, entschieden?" – "Na ja, Männer oder Frauen?" Mein Vater und sie hätten darüber gesprochen. Ich sagte, ich wisse das noch nicht. Das stimmte damals und doch war es wohl das erste Mal, dass ich merkte, dass so ein Coming-out nicht das Ende der Welt sein werde mit den beiden. Sechs Jahre später und nach ein paar Versuchen auf "beiden Seiten" war es dann so weit: Ich war in Berlin, hatte einen Freund und meine Eltern wussten Bescheid. Im Grunde war alles kein Problem.

Trotzdem: Das Coming-out, also Freunden und der Familie gegenüber zuzugeben, dass man "anders" liebt, ist die einzige Gemeinsamkeit, die ich mit Thomas Hitzlsperger teile. Es ist das, was alle Lesben und Schwule durchmachen, es gibt ein Davor und ein Danach. Bei manchen läuft das schleichend und nebenbei wie bei mir, bei anderen mit einer Pressemitteilung und einer Reaktion von Bundestrainer und Kanzlerin. Doch obwohl das Danach meist einfacher ist, sprechen auch in Deutschland und in Berlin noch immer nicht alle davon. 48 Prozent der schwulen und lesbischen Deutschen sagen, sie hätten Diskriminierung erlebt. In Berlin heißt es zwar immer, hier sei das kein Problem, hier gebe schließlich alles, den schwulen Literaturtreff ("Literatunten"), den Treffpunkt für Ältere Schwule ("Doppelherz") bis hin zum schwulen Sportclub "Vorspiel". Schon die Namen tragen diese wohlige Augenzwinkern mit sich. Berlin sei so entspannt, heißt es dann.

Gérôme schlug man zusammen

Ich habe drei Menschen getroffen, die etwas dazu sagen können, zum Zustand des heutigen Berlins, einer Stadt, die seit mindestens 100 Jahren für ihre sexuelle Freizügigkeit bekannt ist: den schwulen Tourguide Tobias Schwabe von "Sonderweg-Berlin", die lesbische Leiterin der Regenbogenfamilientreffs Constanze Körner und Gérôme Castell, einen Transvestiten aus Charlottenburg. Er/sie steht wie kein Zweiter für das Bild von Berlin, das viele haben: das Alterslose, das Frivole und seit neuestem eben das Verletzliche. Gérôme Castell wurde vor vier Monaten zusammengeschlagen, in Charlottenburg, morgens um drei Uhr, die Täter sind noch immer nicht gefasst. Gérômes rechtes Auge hat nur noch 30 Prozent Sehkraft, wenn alles gut geht, könnten es 40 Prozent werden im Februar, sagen die Ärzte. Passiert ist das nur rund zwei Kilometer Luftlinie entfernt von dem Ort, den Tobias Schwabe als Keimzelle des schwulen Berlins ausmacht. Der 38-Jährige macht seit zwei Jahren Führungen durch den traditionell schwulen Kiez, erzählt von einer Zeit, als es allein in Schöneberg 75 Bars und Tanzclubs für Schwule und Lesben gab. Er weiß, dass die erste Homo-Bewegung der Welt 1897 von Berlin ausging, er weiß, dass das weltweit erste schwule Magazin "Der Eigene" in Berlin herausgegeben wurde – und wo genau das "Hollandais" stand, einer der ersten Treffpunkte in Berlin; Bülowstraße 69. Haha, ausgerechnet: 69. "Diese Orte kamen und gingen", sagt Tobias Schwabe, "und das ist noch heute so."

Meine erste schwule Bar in Berlin lag nicht in Schöneberg, sondern in Mitte, es gibt sie inzwischen auch nicht mehr. Es war der "Ackerkeller", im Hinterhof in der Ackerstraße, ein Kellergewölbe mit gewagter Wendeltreppe, Sicherheits-Auflagen waren wohl nebensächlich. Die Bar hatte immer Ärger mit den Anwohnern, es war ein normales Mietshaus, bei dem nichts auf den Club im zweiten Hinterhof hinwies. Ich war neu und es fühlte sich besonders an, diesen versteckten Ort aufzusuchen, der vor allem für seine Partys am Dienstag berühmt war. "Kommst du am Dienstag?" Es war so dunkel, dass ich manchmal Freunde kaum wiederfand, und so eng, dass man nicht stehen konnte, ohne andere Menschen anzurempeln, ihnen dann zuzuprosten, sich vielleicht zu entschuldigen, ins Gespräch zu kommen, irgendwann auch zu tanzen. Und dann doch zu schüchtern zu sein und alleine nach Hause zu gehen. Meistens.

Erkenntnisse eines Stadtführers

Laut Tobias Schwabe lief das zur Zeit der Weimarer Republik in Berlin nicht unbedingt anders ab. Bei seiner Tour durch das Schöneberg von heute mit dem Blick von damals erzählt er begeistert, wie schon 1928 jeden Mittwoch im "Nationalhof" zum "Transvestitenball" geladen wurde. Schöneberg lag zwischen dem Arbeiterbezirk Kreuzberg und dem edleren Charlottenburg, man traf sich in der Mitte. Das "Dorian Gray", heute ist dort ein türkisches Hamam. Keine Regenbogenflagge, nirgends. Damals sprachen alle vom Walterchen, dem "Nationalhof"-Chef mit dem Papageien auf der Schulter und den sieben Pudeln.

Ihm gehörte das "Dorian Gray", das später seine Mutter übernahm. Die soll dann auch lesbisch geworden sein. Die 30er, hach. Laut Tobias Schwabe gibt es heute in ganz Berlin nur vier Lesben-Clubs, allein in Schöneberg waren es vor 90 Jahren über fast zehnmal so viele. Er zeigt auf Wohngebäude, spricht vom "Koks-Emil" an der Kurfürstenstraße oder vom "Hohenzollernkrug", bei dem man an der "Käthe" vorbei musste. Hier in der Gegend hatte auch Anita Berber ihre großen Jahre, jene legendäre Frau, die gleich mit zwei Frauen liiert war und von Otto Dix als Tänzerin in Rot gemalt wurde. Sie sieht aus, als wäre sie 60 Jahre alt. "Sie war aber 28 Jahre alt", sagt Tobias Schwabe, "es war ihr letztes Lebensjahr vor ihrem Tod." Am Ende der Tour trägt Schwabe den Text vor: "Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht / wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht."

Zwischen Clubleben und Kinderwunsch

Es ist natürlich ein Klischee, das älter als 100 Jahre ist, dass Schwule und Lesben viel ausgehen, wechselnde Partner haben. Ein noch heute berühmter Witz geht so: Was bringt eine Lesbe zum zweiten Date mit? – Ihre Möbel. Was bringt ein Schwuler zum zweiten Date mit? – Welches zweite Date? Das Bild vom Homo, der wenig Verantwortung übernimmt, außer vielleicht für einen Pudel oder einen Papageien. Und richtig, natürlich hat sich Berlins Ausgehkultur oft von "schwulen" Clubs aus entwickelt, aus dem schwulen "Ostgut" entstand das weltberühmte "Berghain", aus dem SO36 sind die Homo-Tanztees nicht wegzudenken. Doch ausgerechnet in dieser Stadt entsteht gerade das Gegenmodell dazu. Meine Freunde sprechen plötzlich immer wieder offen über ihren Kinderwunsch, einige sind schon beim dritten Versuch, denn so einfach ist das ja alles nicht. Im Unterschied zu anderen Städten in Deutschland ist Berlin die einzige, die ein schwullesbisches Familienzentrum finanziert. Es liegt im Süden von Schöneberg, in einem Eckgebäude und die Leiterin ist Constanze Körner, eine Frau, die so leicht nichts aus der Ruhe bringen würde.

Die 40-Jährige hat fünf Kinder, drei aus einer heterosexuellen Beziehung, zwei mit ihrer Frau zusammen, gezeugt von einem schwulen Mann, der auch der Teil der Familie ist. Seit 2005 arbeitet sie fest für das Beratungszentrum "Regenbogenfamilien". Dort gibt es die Schwangeren- und die Krabbelgruppe, und einmal im Monat treffen sich hier die Lesben und Schwulen, die Kinder zeugen wollen. Die Büros hier im Süden Schönebergs hat sie im März 2013 bezogen, und gerade ist sie als Ort im "Land der Ideen" von der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Constanze Körner sagt, ihre Hauptaufgabe sei das Erklären. Zum einen erklärt sie Schwulen und Lesben, wie es genau funktioniert, Eltern zu werden – und sie erklärt anderen "Nichtbetroffenen", dass ihre Familienform sich in fast nichts vom "klassischen" Familienbild unterscheidet.

Kein gleiches Recht für alle?

Das kann mann auch auch erschöpfend sein. "Ich hatte erst gestern wieder einen Anruf von einer verzweifelten lesbischen Mutter, die wissen wollte, warum das Amt ihr das Kindergeld verweigere." Die Beamtin der Kindergeldstelle habe nicht gewusst, dass für Regenbogenfamilien das gleiche Recht gelte. "Da musste sich die Mutter erst zum Chef durchstellen lassen, der das regelte." Ganz ähnliche Fälle gebe es immer wieder, sagt sie. "Erst im letzten Sommer wollten die Berliner Bäderbetriebe einem lesbischen Paar mit Kindern die Familienkarte verweigern." Die Ticketverkäuferin hatte einen sehr engen Begriff Familie – einen, mit dem sie nicht allein ist, das weiß auch Constanze Körner. Erst vor rund einer Woche hat der ehemalige Minister Blüm in einem Interview noch einmal klargestellt, dass er homosexuelle Partnerschaften respektiere, ihnen aber den Begriff "Familie" nicht zugestehen will. Hier in Schöneberg aber, sagt Körner, werde das zum Glück nicht so eng gesehen. "Nach unserer Eröffnung kamen Hetero-Eltern vorbei und fragten, ob sie auch mal mit ihren Kindern zum Spielen vorbeikommen dürfen."

Einer ihrer Praktikanten, Cody, ist 15 Jahre alt und das Kind zweier Mütter. Auch er sagt, dass er nicht einmal in der Schule Nachteile erlebt habe. Wenn er es überhaupt erzähle, dann ist meist die Reaktion ein Schulterzucken. Constanze Körner sagt aber: "Das Coming-out hört auch für die Eltern nie auf. Das muss man sich bewusst machen." Als Hilfe gibt es inzwischen Kinderbücher wie "Von Mimi zu Mama und zurück", die das Thema kindgerecht aufbereiten. Zu kaufen gibt es das unter anderem im "Eisenherz", seit 35 Jahren der bekannteste schwullesbische Buchladen in Berlin. Inzwischen kommen so häufig Eltern mit Kindern in den Laden, dass die beiden Inhaber überlegen, ihre ohnehin kleine "Sexfilm"-Ecke ganz aufzugeben. Einer von ihnen, Franz Brandmeier, ist übrigens großer Fußballfan – und ja, Hitzelspergers Coming-out war eine Sensation, genauso wichtig wie die schwulen Cowboys aus "Brokeback Mountain" oder die Polizisten, aus dem Film "Freier Fall", der vor einem Jahr auf der Berlinale lief und gerade ein Bestseller ist bei "Eisenherz".

Rückschläge gibt es immer wieder

Doch bei aller Entwicklung der "Szene", die gerade in Berlin immer "unszeniger" wird, sich von einem Homo-Ghetto hin zu einem gemischten Miteinander entwickelt, gibt es immer wieder Rückschläge. Allein in Berlin gab es 163 homophobe Übergriffe im Jahr 2012, und einer aus dem September 2013 beschäftigt noch heute. Der Transvestie-Star Gérôme Castell verlässt seit dem Überfall vor einer Kneipe sein Haus nicht mehr. "Ich nehme dann immer so eine verkrampfte Haltung ein", sagt er, "wegen der ich jetzt eine Entzündung in der Schulter habe." Er gehe zwar zur Traumatherapie und werde noch einige Operationen über sich ergehen lassen, aber er sagt auch, dass sich sein Leben sehr verändert habe. "Ich komme aus dieser Opferrolle nicht heraus", sagt er, "und träume immer wieder davon, von Hunden verfolgt zu werden." Doch gleichzeitig ist er noch immer die Bühnenperson Gérôme, die auch das in fröhliche Sätze gießen muss: "Die kriegen mich nicht unter, nicht meine Schönheit zumindest." Ihr nächstes Ziel ist deshalb der 2. Februar, wenn sie wieder als Hildegard Knef singen wird: "Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten."

Vielleicht ist Berlin erst angekommen, wenn die Verkäufer roter Rosen auch dann an einen Tisch kommen, wenn keine Frau oder nur Frauen an einem Tisch sitzen. Oder wenn Arbeitskollegen fragen: "Und? Haben Sie einen Freund oder eine Freundin?" Berlin wird solange der Ort bleiben, an den Menschen aus Nürnberg, Dresden oder wirklich kleinen Orten kommen, die sich "anders entschieden" haben. So nennen es meine Eltern heute. Doch noch immer hört man Geschichten von Mädchen und Jungen, die es lieber für sich behalten. Tobias Schwabe, der schwule Tourguide, sagt zumindest, dass er immer wieder Gästen von außerhalb die Regenbogenfahnen erklären muss. "Manche vermuteten dahinter wirklich ein Zeichen für das wechselhafte Wetter in Berlin."

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