Vor fünf Jahren rockten schon die Rolling Stones die Berlinale. Patti Smith war auch schon mal da. Nun kommt mit Rufus Wainwright ein weiterer Popstar auf das Festival: Der Singer/Songwriter präsentiert Donnerstagabend im Cinestar Event-Kino am Potsdamer Platz (21.45 Uhr) den Konzertfilm „Sing Me The Songs That Say I Love You“.

Darin spielt er im Andenken an seine vor drei Jahren verstorbene Mutter, der Folkmusikerin Kate McGarrigle, deren Lieder. Ein Konzert mit seiner Schwester Martha, vielen Familienmitgliedern und befreundeten Musikern wie Norah Jones und Emmylou Harris.

Berliner Morgenpost: Mister Wainwright, wie ist die Idee für dieses Abschiedskonzert entstanden?

Rufus Wainwright: Meine Mutter verstarb im Januar 2010 und im Juni fand in London ein Konzert mit ihren Liedern statt. Aber um ehrlich zu sein: So kurz nach ihrem Tod waren wir alle noch so in Trauer, dass es etwas zu verheult war. Deshalb überlegten wir, es in New York zu wiederholen und es richtig zu filmen.

Warum?

Ich wollte diesen Prozess des Trauerns und Abschiednehmens fortsetzen. Für meine Schwester Martha und mich war das sehr wichtig. Und ich dachte, es wäre einfach eine verschenkte Chance, das nicht kreativ umzusetzen. Warum nicht auf der Bühne trauern! Ich selbst wusste immer, was für eine begnadete Liedermacherin meine Mutter war, aber sie wird noch immer nicht so gefeiert, wie sie es verdient hätte. Auch dafür haben wir den Film gemacht. Das Tolle an der Show in New York war, dass auch hier alles sehr emotional war, aber wir es irgendwie im Griff hatten. Eine gewisse Trauer schwang natürlich immer noch mit, das wollten wir auch festhalten.

Im Film sind Sie mehrmals zu sehen, wie Ihnen beim Singen auf der Bühne die Tränen kommen. Welcher Moment hat Sie besonders mitgenommen?

Schwer zu sagen. Es gab so viele erschütternde Momente. Das letzte Lied, das sie geschrieben hat, „Proserpina“, zum Beispiel. Es ist ein Stück über das Sterben und das Jenseits. Und das zusammen mit meiner Tante und der ganzen Familie zu singen, hat mich sehr mitgenommen. Aber ich fand auch sehr ergreifend, anderen dabei zuzusehen, wie sie die Lieder meiner Mutter singen. Martha etwa singt „Tell My Sister“, in dem meine Mutter eine Fehlgeburt verarbeitet hat. Auch Martha hätte fast ihr Kind verloren, zu der Zeit, als meine Mutter starb. Es ging gut, ihr kleiner Sohn ist wohlauf, aber diese merkwürdigen Parallelen, die sich in unserer Familie auftun, lassen einen schon ins Grübeln kommen.

Fast jeder in Ihrer Familie scheint Musik zu machen und alle stehen sie auf der Bühne. Nur einer fehlt: Ihr Vater Loudon Wainwright.

Mein Vater hat Kates Tod auf ganz persönliche Art verarbeitet. Die beiden hatten ein sehr stürmisches und schwieriges Verhältnis, das auch von Konkurrenz geprägt war. Ich glaube, dass sie sich geliebt haben, dass sie sich gegenseitig als Künstler schätzten, aber es gab eine Menge ungelöster Probleme. Die auch nicht mehr gelöst werden können, vor allem wollte sich mein Vater dem nicht auf einer Bühne stellen. Das respektiere ich auch. Er musste auf seine Weise damit fertig werden.

Hat der Film Ihnen persönlich bei der Trauer geholfen?

Ich glaube eigentlich nicht, dass Musik Therapie ist, es geht nicht darum, sich besser zu fühlen. Dennoch habe ich es selbst erlebt, wie ich mich auf der Bühne durch die Musik dem Verlust stellen kann. Es beschleunigt den Heilungsprozess.

Mit der Leonard-Cohen-Doku waren Sie bereits 2006 auf der Berlinale.

Und jetzt wieder eingeladen zu sein, freut mich persönlich sehr. Ich hatte ja schon immer eine sehr spezielle Verbindung zu Berlin. Hier habe ich ein Album aufgenommen und mittlerweile bin ich sogar mit einem Berliner verheiratet! Wenn ich an die Berlinale denke, fallen mir immer zwei Dinge ein: Die Kälte und die vielen Lichter. Es ist fast wie ein zweites Weihnachten.

Wie läuft es eigentlich mit Ihren Deutschkenntnissen?

Ach, eines Tages vielleicht…

Sie sind vor zwei Jahren Vater geworden. Wird denn Ihre kleine Tochter zweisprachig aufwachsen?

Oder dreisprachig? Ich spreche ja auch Französisch, da ist es schwer, auch noch Deutsch zu lernen. Aber es ist eine wunderschöne Sprache, ich liebe sie wirklich. Als ich damals in Berlin meinen Mann Jörn kennenlernte, fragte mich meine Mutter: ‚Lernst du jetzt Deutsch? Was für eine tolle Sprache!‘

Am Freitag treten Sie bei der Teddy Gala auf. Was erwartet uns da?

Ich werde ein paar Songs singen, vielleicht einen meiner Mutter und ein paar von mir. Sicher bin ich mir noch nicht, ich plane nicht so gern, bin da lieber spontan.

Im Juli werden Sie 40. Denken Sie über das eigene Alter nach?

Mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Ich komme sehr nach meinem Vater, er ist jetzt 65 und sieht fantastisch aus, mindestens zehn Jahre jünger. Ich hoffe, das habe ich von ihm geerbt. Also kein Grund zur Trauer. Ich werde feiern. Und beten.