Linda Thompson hat es nicht eilig. Für ihr neues Album "Versatile Heart" hat die große britische Folksängerin fünf Jahre gebraucht, für den Vorgänger, das grandiose Comeback "Fashionably Late", waren es sogar 17. "Ich gehe ins Studio, wenn mir etwas einfällt", sagt die knapp 60-jährige Thompson. "Oder wenn mein Produzent Edward Haber mich dazu drängelt."

Schuld an dem Gleichmut ist gewissermaßen eine Krankheit. Thompson wird durch ein äußerst seltenes Leiden namens spasmodische Dysphonie beeinträchtigt. Öffnet sie den Mund, kommt mitunter kein Ton heraus. Durch Injektionen von Botox in den Hals können die Symptome vorübergehend behoben werden, aber letztlich ist es so, dass "sie kommen und gehen".

Musik als Familienangelegenheit

Als die Krankheit sich Anfang der 80er-Jahre bemerkbar machte, sah es so aus, als sei die Karriere für Thompson beendet. Sie hatte sich gerade von ihrem Mann Richard getrennt, mit dem sie als Richard & Linda Thompson einige wunderbare Platten aufgenommen hatte. 1985 unternahm sie mit "One Clear Moment" den ersten Versuch einer Solokarriere, aber das Album scheiterte dank einer haarsträubend bombastischen Produktion.

Also kümmerte sie sich um ihre drei Kinder, schrieb Lieder und eröffnete in London einen Juwelierladen. Ihr Sohn Teddy drängte sie dann 2002 mit "Fashionably Late" wieder ans Mikrofon, und als man ihre Stimme hörte, schien es, als habe sie nie besser geklungen. Seither ist für Linda Thompson Musik eine Familienangelegenheit.

Auf ihrem neuen Werk "Versatile Heart" hat Sohn Teddy sechs der dreizehn Songs mitkomponiert und das Album koproduziert. Ihre Tochter Kamila schenkte ihr das hinreißend seltsame Stück "Nice Cars", das davon handelt, dass Frauen keine schönen Autos fahren sollten, weil sie ihnen früher oder später die Herzen brechen würden. "Oh, ich liebe es, mit meinen Kindern zu arbeiten", sagt Linda Thompson, "und Teddy ist so ein talentierter Produzent, und ich sage das nicht, weil er mein Sohn ist."

Die zentralen Figuren des Neo-Folks

Gerade hat Teddy Thompson selbst ein Album veröffentlicht. Es heißt "Upfront & Down Low" und setzt sich fast ausschließlich aus Coverversionen von Country-Klassikern zusammen. Auch auf "Versatile Heart" sind mehrere Countrysongs zu hören. Aber das habe nichts mit Teddy zu tun und sei auch keine Hinwendung zum amerikanischen Markt, sagt Linda Thompson. "Es ist ja so, dass der Ursprung von Country eigentlich in England liegt. Die Siedler haben die Lieder mit in ihre neue Heimat gebracht."

Die Thompsons sind neben den Wainwrights die andere Folkmusiker-Familie, die derzeit von sich reden macht. Die Wainwrights setzen sich aus Sohn Rufus, Tochter Martha, Vater Loudon und Mutter Kate McGarrigle zusammen. Passenderweise sind die Familien, vor allem die Kinder, eng befreundet. Wie schon für "Fashionably Late" schrieb Rufus Wainwright Linda Thompson auch für "Versatile Heart" wieder ein Lied. Als er es ihr vorspielte, soll sie vor Rührung geweint haben.

"Beauty", so der Titel, handelt von der Schönheit an sich, von Oscar Wilde, Michael Jackson und der Schwierigkeit, mit dem Rauchen aufzuhören. Linda Thompson trägt das Stück zu einer kammermusikalischen Instrumentierung vor und wird dabei von dem allseits beliebten Antony von Antony & the Johnsons begleitet. Rufus, Martha, Teddy und Antony - es scheint, als wäre Thompson, die Anfang der 80er-Jahre sang- und klanglos von der Bildfläche verschwand, plötzlich von all den zentralen Figuren des sogenannten Neo-Folks umgeben.

Keine Tour in Aussicht

Das Schöne daran ist, dass Linda Thompson keinen Moment so wirkt, als hätte sie diese Position angestrebt. Im Gespräch ist sie ganz ausgeglichen und in sich ruhend. Auf dem Album hält sie mit ihrer Stimme so unterschiedliche Stile wie Country, Folk, Traditionals und barocke Arrangements mühelos zusammen. Die Instrumentierung ist dabei stets sparsam, die Stimmung unendlich sehnsuchtsvoll und herrlich betrübt. "Give Me A Sad Song" heißt eines der Lieder und ist dabei von zwölf anderen traurigen Liedern umgeben.

"Lieder über Leid gehen einfach mehr zu Herzen", sagt Thompson und macht dabei nicht den Eindruck, selbst unglücklich zu sein. Eine Tour wird man von ihr leider nicht erwarten dürfen, weil ihre Krankheit es nicht erlaubt und sie im Übrigen das Touren hasst, sie konnte es früher schon nicht leiden. "Ich kann es nicht verstehen, wie Künstler wie Bob Dylan immer noch Tag für Tag umherreisen, um jeden Abend auf einer anderen Bühne zu stehen. Wahrscheinlich ist das eine Männersache", sagt sie und fügt hinzu: "Ich spiele da viel lieber mit meinen Enkeln."

Den Juwelierladen in London hat sie immer noch, seine Leitung hat sie aber anderen überlassen. "Ich ziehe es vor, heute nicht mehr zu arbeiten", sagt sie. Es wird sicher wieder einige Jahre dauern, bis Linda Thompson ein weiteres Album aufnimmt.