Heute morgen sehen die Menschen mal ausgesprochen gesund aus. Sie haben bunte Jacken an. Sie prügeln sich mit Mützen, sie jagen sich durchs Foyer. Es wird laut gelacht. Als es nicht gleich los geht, skandieren alle: „Wir wollen rein“.
Man hat es vielleicht gemerkt, wir sind nicht im Berlinale-Palast. Wir sind bei den Kindern. Bei „Generation Kplus“. Heimstatt des Kinderkinos ist – ich hab’ mir geschworen, keinen schlechten Scherz zu machen – die schwangere Auster.
Hier geht es babylonisch zu. „Eskil & Trinidad“ heißt der Film. Er kommt aus Schweden und erzählt von einem Trennungskind, Eishockey und einer Hexe im Wald. Die Untertitel sind Englisch, die Originaldialoge schwedisch, darüber müht sich eine deutsche Untertitelvorleserin wie die Dame im Navigationssystem ab. Macht nix. Es ist muxmäuschen still. Als Eskils Vater mal „Scheiße“ sagt, lacht der ganze Saal.
Es fehlt nur noch der Früchtetee
Schnell ins andere Kino. Zu den Vierjährigen. Die stehen Schlange für sieben Kurzfilme. Ein versprengter Karnevals-Pirat mogelt sich vorbei. Die Sitze erinnern fatal an Elternabende. Man sitzt kurz über dem Boden. Fehlt nur der Früchtetee. Keine Ahnung, wie Vierjährige hier irgendwas sehen sollen. Die Kinder sind aber findig. Sie falten Mäntel zu Sitzverkleinerern auf.
Der Pirat sitzt hinter mir. Er ist mit einer knallgelben Knallerbsenpistole bewaffnet und hat einen Topf auf dem T-Shirt mit einem Funkturm drin. „Berliner Pflänzchen“ steht drunter.
Einer will nur auf Nummer fünf sitzen. Neben mir der Kleine kommt aus Neukölln 24, sagt er, setzt sich und fragt, ob das ein i-Phone sei, auf dem ich da rumdaddel. Ich pack’s ja schon weg.
Endlich unter lebendigen Menschen
Vorne auf der Leinwand kaufen lettische Tiere eine Stadt, ein iranischer Fuchs lernt Flöte spielen, sein russischer Kollege lässt Winter werden. Die Kinder verzählen sich. „Noch drei Filme.“ – „Nee, zwei. Ich hab genau mitgezählt.“ Sie langweilen sich. Sie lachen. Rufen „Igitt“ als sich zwei knutschen. Endlich hat man mal das Gefühl unter lebenden Menschen zu sitzen.
Dann sehen sie ein Schloss mit einer Sternschnuppe drüber und eine irgendwie humanoide Tischlampe. „,Cars’“, rufen alle im Chor, und ein kleines bisschen wird mir schlecht. „Guck mal jetzt kommt ,Cars’.“
Kommt aber nicht. Finn McMissile, Hook, Lightning McQueen bleiben in der Disney-Pixar-Garage. „Der blaue Regenschirm“ stammt nur aus der Pixar-Werkstatt. Es regnet, Regenrinnen und Abflussrohre fangen an zu leben, ein blauer verliebt sich in einen roten Regenschirm. Das ist prima. Da sind sie wieder dabei. Saschko Unseld heißt der Regisseur.
Unseld? Sollte nicht heute Urteilstag bei Suhrkamps? Wurscht, ist auch nur ein Kindergarten, dieser Verlag. Draußen vor der Tür klingelt der Glockenturm „Schneeflöckchen, weiß’ Röckchen“ über den Tiergarten. Die Sonne scheint. Hier ist’s toll. Soll mir doch der Wettbewerb gestohlen bleiben.





