Berlinale-Kolumne

Gebt jedem einen Wunderbaum

Die Hälfte ist der Berlinale ist vorbei, und es riecht wie im Dschungelcamp. Findige Kollegen haben einige Überlebenstechniken entwickelt.

Foto: Blumenbüro Holland

Wenn in einem Film am frühen Morgen ausreichend geduscht wird, dann ist das schon mal ein sehr schöner Start in den Tag. In Jafar Panahis „Pradé“ wird dreimal geduscht, außerdem gehen mehrere Menschen ins Meer. Das gibt einem die Ahnung eines frischen Duftes. Den braucht man inzwischen dringend.

Wer einmal in Bayreuth bei 38 Grad Außentemperatur im unklimatisierten Festspielhaus bei lebendigem Leib den dritten Akt vom „Parsifal“ erreicht hat, dürfte eine ungefähre Vorstellung haben von dem, was einen am fünften Wettbewerbstag in einem von notorisch unterduschten Kritikerkollegen dauerbesetzten Kinosaal erwartet. Und dann kommen sie alle rein, ziehen alle ihre herrlichen Mützen aus und die verschwitzten Schals und stellen ihre starren Mäntel vor sich auf den Boden.

Endlich her mit dem Duftkino

Das ist kein Spaß. Man wünscht sich Popcorn für alle. Die gibt es aber nicht. Und deswegen riecht man in den entcornten Kinos, was man in den enträucherten Kneipen roch nach dem Rauchverbot. Den Menschen. Schlimm.

Da braucht man Duschbilder. Oder wünscht sich die sofortige Einführung des Duftkinos aus Aldous Huxleys „Schöner, neuer Welt her“. Wobei. Wenn dann so gekocht wird wie derzeit im Wettbewerb, dann vielleicht doch lieber nicht.

Und wenn ich ein Pferd rieche, was ich ja würde in der Dufte-Version von Thomas Arslans „Gold“, hol ich sonst ja gleich meinen Wunderbaum aus der Tasche. Das mag auch nicht jeder.

Die Berlinale-Blumen bringen olfaktorisch gar nichts

Früher ging man zur Geruchsentgiftung zwischen den Filmen mal rasch ins Hyatt. Da standen dann gern Hyazinthen herum. Man nahm schnell eine Nase rote Hyazinthe. Danach konnte kommen, was und neben einem sitzen, wer wollte.

Jetzt stehen da Orchideen und so merkwürdige Rotblüher mit fleischigen Blättern. Olfaktorische Nullnummern. Auch die Amaryllis im Berlinale-Palast helfen gerauchstechnisch gleich gar nichts.

Es gibt nun Kollegen, die Bekämpfen die Dämpfe mit mentaler Stärke, die denken sich die Berlinale Luft schön. Und erinnern sich einfach an das Schlimmste, was sie je gerochen haben, das relativiert. Stockfisch zum Beispiel. Oder sie halten ein Riechfläschchen parat und püffeln sich im Bedarfsfall einer benachbarten Knoblauchwolke Parfum unter die Nase wie Wong Kar-Wais Krieger Tigerbalsam.

Am besten ist, man hat einen Schnupfen

Es gibt noch eine andere Technik. Die ist ein bisschen ungesund, hilft aber sehr. Und sie wird quer durch die Nationalitäten anscheinend immer beliebter. Je länger das Festival dauert, desto häufiger hat man den Eindruck direkt neben Naphta, Settembrini oder Madame Chauchat vom Zauberberg zu sitzen.

Die Berlinale verdavost zusehends. Der Vorteil eines sonst ausnehmend ärgerlichen ausgemachten Nasen- und Rachenkatarrhs liegt aber – naja, hoffentlich nicht dauernd – auf der Hand. Ist die Nase zu, riecht man nichts mehr.

Herr, lass Sonntag werden. Und Frühling. Sofort.