Berlinale Kolumne

Wenn die Bären Trauer tragen

Der rote Teppich liegt längst woanders und die Berlinale-Legende im Wachkoma: Ein Besuch am Zoopalast vertreibt sämtliche Lebensgeister.

Foto: Florian Schuh / dpa

Das hier wird jetzt doch ein eher getragener Text. Ist zwar Rosenmontag und wir müssten ja alle lustig sein. Bin ich aber nicht. Wie Blei liegt alles auf mir herum. In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, sagt man, wenn jemanden eine derartige Melancholie überkommt gern, das „dä et arm Dier hät“. Trübsinn tragen bedeutet das und kann eine Folge des Alkohols, des Karnevalismus oder einer Winterschwermut sein. Oder von allem dreien.

Vor Karnevalismus ist man ja in dieser Stadt zum Glück ziemlich sicher. Um in Alkoholismus und Winterschwermut zu verfallen, nimmt man am besten den öffentlichen Nahverkehr und fährt dahin, wo ich gerade war. Zum Kurfürstendamm. Oder, wie sich das im schlimmsten Neuberlinerisch nennt, nach „Upperwest“. Genauer gesagt zu folgender Adresse: Hardenbergstraße 29a.

Kasachstan, es zieht wie in Kasachstan

Kasachstan, so wie man sich der gemeine Klischeedenker das gern vorstellt, Kasachstan im Februar also könnte nicht zugiger, nicht entsetzlicher sein. Menschen in Pelzmänteln huschen an den versprengten Weihnachtsmarktständen, die sich um die Gedächtniskirche kuscheln vorbei.

Es ist grau, es ist laut. Selbst das Waldorf Astoria sieht schon wie eine alte Scharteke aus. Der Gebäudeblock am Eingang zum Ku’damm wird gerade abgerissen. Man hätte Abrissunternehmer werden sollen.

Hier könnte man noch mehr abreißen. Das Europa-Center zum Beispiel. Warum eigentlich nicht? Je länger man das ansieht, desto mehr kann man Christiane F. verstehen.

Wo Nashörner Achten in den Schnee laufen

Aber wir wollen ja nicht von Bausünden reden. Macht einen ja nur traurig, das. Sondern von der Gegenwart. Und dafür müsste man sich jetzt mal rumdrehen, vom Ku’damm weg zu dem Riegel, hinter dem im Zoo die Nashörner ihre Achten in den Schnee laufen.

Deswegen sind wir ja hier. Nachzuschauen, wie es aussieht da, wo früher alles stattfand. Wo Errol Flynn war und Fassbinder und Marlene Dietrich und Henry Fonda. Am Zoopalast.

Eine Oase entsteht da, steht da. Auf einer Plakatwand, solang wie eine Stadionrunde, an der vorbei man muss. Und dass Gegensätze gleichzeitig wirklich werden sollen. Und von der Magie des Ortes steht da was. Von einem Startschuss in (!) eine neue Ära.

Der Westen rüstet auf im Shopping-Krieg

Noch mehr Mutmachsprüche stehen da. Der Westen rüstet auf im Shopping-Krieg mit dem Osten. „Bikini Berlin“ – die prospektierte Flanier-, Fress- und Einkaufsmeile – wird das neue große Ding.

Leider ist es noch so weit vom Abheben wie die Flugzeuge in Schönefeld. Die Plakatwand immerhin ist guten Mutes. Von inspirierendem Bauprozess steht da noch was. Und von einer Quelle der Kraft mitten in der Stadt. Das ist schön.

Man glaubt’s aber nicht. Und dann steht man davor. Die Hände klamm, die Füße kalt. Vor dem Filml im Wachkoma, dem ausgeweideten Weltstadtkino – Zoopalast. Längst hätte er bespielbar sein sollen. Ist er aber nicht.

Ein guter Tag zum Sterben

Man könnte hinein, wenn die Bauarbeiter einen ließen. Durch ein großes Tor von Containern, an verschneiten Gerüstskeletten vorbei, über einen roten Teppich von Bauschutt und zwischen zwei Holzwänden ins Foyer. Man kann den Eingang gar nicht verfehlen. Auf der Holzwand rechts ist ein Pfeil nach innen gemalt, unter ihm steht „Tür“.

Ein Riesenplakat über allem versteckt die alte verkachelte Front. Zwei Männer blicken von oben aus finster gen Westen. Sie sind bewaffnet und schmutzig. Sie sehen aus wie Bauarbeiter. Einer ist Bruce Willis. „Ein guter Tag zum Sterben“ steht auf dem Plakat. Ich muss jetzt dringend nach Hause. Ich werde von armen Tieren verfolgt.