Berlinale-Kolumne

Vom Westen aus in die weite Welt hinaus

Wer braucht schon einen Flughafen, wenn man die Berlinale hat. Da kommt man zum Beispiel zu den Maori. Leider stecken die in einem Ghetto.

Foto: NIGEL MARPLE / Reuters

Meine derzeitige Lieblingsszene des diesjährigen Wettbewerbs hat etwas mit Verreisen zu tun. Die gute und schöne Kung-fu-Meisterin und der böse und schöne Kung-Fu-Meister treffen in Wong Kar-weis „Grandmaster“ am Bahnhof aufeinander.

Es schneit (natürlich). Es sieht aus wie die chinesische Version von Anna Karenina. Einer, denkt man, wird am Ende schon tot unterm Zug liegen, der gerade mit viel Gestampf an den beiden Duellanten vorbei das Weite sucht. Die Schönen prügeln, der Zug fährt.

So geht das geschätzt zehn Minuten so. Beim Dampfzug von Wong Kar-wei dürfte es sich um den längsten der Filmgeschichte handeln. Alle fahrbereiten Berliner S-Bahnen hintereinandergehängt, dürften kaum länger sein.

Im Kinosessel geht's zum Permafrostgebiet

Warum erzähl ich das? Weil es irgendwann langweilig ist, über den Schnee zu schreiben. Weil Reisen ja auch ein prima Thema ist. Und man mit der Berlinale tatsächlich, kostengünstig und ohne einen einzigen Flughafen nötig zu haben, weit weg kommen kann. In den Permafrost zum Beispiel, um beim Wetter zu bleiben, oder zu den Maori, an alle Enden der Welt.

Dieter Kosslick hat extra eine Sparte dafür eingerichtet. Es heißt „NATIVe“ (für diese Schreibweise sollte man den Verantwortlichen mit Grimmschen Wörterbüchern bewerfen). Es zeigt das Kino indigener Völker. Und man findet es im Haus der Berliner Festspiele.

Da kommt man schnell hin. Und wie von Dieter Kosslick bestellt, geht die weite Welt schon gleich in der U-Bahn los. Eine Roma-Band springt in den Zug und spielt herrlich schräg Mariachi-Zeugs. Draußen schneits (natürlich), drinnen lacht alles.

Man meint Patschouli zu riechen

Dann muss man raus, den roten Zeichen auf dem Boden folgen und den roten Leuchtstoffröhren an den Straßenlaternenmasten. Ein merkwürdiger Mann mit Pelzmütze findet den Winter lautstark knorke, will für die In den Bäumen vorm Festspielhaus hängen rote und gelbe Lampions. Was einem gleich so ein schönes, kuscheliges Weltmusik-Gefühl gibt, man meint sich schon den Patschouli-Duft der Gemüseladenära aus den Kleidern klopfen zu müssen.

So genau gehts drinnen weiter. Es wird eine Erklärung an die Völker der Erde gehalten auf Samisch und Englisch. Dieter „Accept Diversity“ Kosslick redet sich mit ziemlich indigenem Schal um den Hals beinahe um Kopf und Kragen und erklärt wie er und seine Kuratorin Maryanne Redpath in einer Kneipe in Sydney (bei Krokodilpizza oder bayerischem Bier, ganz war das nicht zu klären) die Idee zu dieser herrlichen Nische hatten.

Weltausstellung mal anders

Sämtliche „NATIVe Advisors“ (Berater) werden auf die Bühne geholt. Sie beschwören die völkerverbindende, weltverbessernde Kraft der Liebe und die des Geschichtenerzählens. Man hört Maori, lernt Cree. Es wird gesungen. Zopfartige Artefakte werden verteilt.

Das ist schön. Und lustig. Und kuschlig. Ob es sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.

Muss man ja keinen Maori-Film mehr im Wettbewerb haben, wenn man so ein schönes Gehege hat fürs Indigene. Ist ein bisschen so wie die Weltausstellungen. Das war aber anno Tobak. Das hatten wir doch hinter uns.