14. Februar

Der Goldene Bär geht wieder an einen Exoten

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander

Der erste Film aus Peru, der je auf einer Berlinale lief, hat gleich den Goldenen Bären geholt. Regisseurin Claudia Llosa bekam ihn für ihren Beitrag "Milch des Leids". Damit siegte einmal mehr auf der Berlinale ein Außenseiter. Und die großen Favoriten bekommen Nebenpreise.

Man hätte darauf wetten können. Christoph Schlingensief hatte sich nämlich, als Mitglied der Internationalen Jury, vorab verplappert. „Wir haben politische Absichten“, bekannte er ganz unbekümmert im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Und den Einwand ignorierend, dass er darüber gar nichts sagen dürfe, führte er noch weiter aus: „Wir sind uns einig, dass ein Film dann eine Chance hat, wenn er in dieser Richtung etwas will.“ Oder, diese Option hielt man sich offen, „wenn er eine völlig neue und überraschende Filmsprache trifft“.

Am Abend sind nun die Bären im Berlinale-Palast verliehen worden. Und man ist nach diesem Ausspruch nicht ganz so überrascht wie vor zwei Jahren, als „Tuyas Ehe“ gewann, oder vergangenes Jahr bei „Tropa de Elite“. Der Goldene Bär geht in diesem Jahr an „La teta asustada (Milk of Sorrow)“, den ersten peruanischen Beitrag, der je auf der Berlinale lief. Der Film mit der Kartoffel, wie er den meisten in der Erinnerung bleiben wird. „La teta“ verkündet seine politische Botschaft nicht so plakativ wie manch anderes Werk in diesem Programm. Er spielt im Hier und Jetzt und handelt doch von den Traumata, die die Guerilla-Organisation „Leuchtender Pfad“ in Peru angerichtet hat. Zigtausend Menschen sind zwischen 1980 und 2000 umgebracht, entführt, vergewaltigt worden. Psychische Folgeschäden davon schwären heute wie eine Volkskrankheit, von der es heißt, der Schmerz sei durch die Muttermilch, die „Milch des Leids“ weitergegeben worden.

Große Außenseiter belohnt

Regisseurin Claudia Llosa, eine Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, erzählt von einer jungen Frau, deren Mutter ihr immer wieder ihr Leiden und ihre Vergewaltigung als Klagelied vorgesungen hat. Die Tochter führt sich deshalb eine Kartoffel in die Vagina ein, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen – eine Praxis, die, so die Regisseurin auf der Pressekonferenz, keine Seltenheit in Peru sei. Am Ende bleibt der Unterschicht nicht einmal ihr Leid: Ihre Musik wird ihr von einer reichen Pianistin, bei der sie arbeitet, gestohlen.

Viele werden nach dieser Bären-Vergabe wieder den Kopf schütteln, wie vor zwei Jahren, bei „Tuyas Ehe“, ob der exotischen Wahl. Auch wenn man mit Peru ein Filmland entdeckt hat, das bis dato auf der Weltkarte nicht groß vermerkt war. Wieder hat man die großen Außenseiter belohnt – auch „Gigante“ aus Uruguay, noch so eine Filmnation, die es erst noch zu entdecken gilt. Der Film von Adrien Biniez, der gleich drei Preise erhielt, handelt von einem Supermarktwächter, der sich per Videoüberwachung in eine Putzkraft verguckt und wird in langen, stoischen Einstellungen erzählt. Die Protagonisten dieser Berlinale, sie sind stumm und unauffällig.

Große Favoriten bekommen Nebenpreise

Die großen Favoriten dagegen mussten sich mit Nebenpreisen begnügen. Der britische Beitrag „London River“ etwa – in dem zwei Eltern erfahren müssen, dass ihre Kinder bei einem Attentat ums Leben kamen, – bekam „nur“ einen Silbernen Bären. Und der ging nicht, wie erwartet, an die großartige Brenda Blethyn, sondern überraschend an ihren schwarzen Filmpartner, Sotigui Kouyate aus Mali. Die Amerikaner, die immer irgendetwas gewinnen müssen, weil Hollywood sonst womöglich keine Filme mehr zeigt, sind in diesem Jahr mit einem wahren Trostpreis abgespeist worden: dem des besten Drehbuchs für „The Messenger“.

Bleibt noch „Alle anderen“. Maren Ades Film über ein Pärchen, das noch nicht ganz erwachsen ist und doch schon in einer Lebenskrise steckt. Ein Film, auf den Schlingensiefs Prophezeiung in keiner Weise zutrifft. Weil er weder politisch „etwas will“ noch durch eine völlig neue Filmsprache glänzt. Ob seines politischen Gehalts hätte man eher auf Hans-Christian Schmids Politparabel „Sturm“ gewettet, der ja auch etliche Nebenpreise erhielt. Stattdessen hat aber „Alle anderen“ gleich zwei Preise eingeheimst: Birgit Minichmayr wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet und den Großen Preis der Jury teilt sich der Film mit „Gigante“.

Jeder vierte Beitrag aus Deutschland

Das immerhin ist eine große Stunde für den Deutschen Film. Und es spiegelt natürlich auch den großen deutschen Schwerpunkt dieser Berlinale wieder – jeder vierte Beitrag war ja eine heimische Produktion. Auch in „Gigante“ stecken deutsche Fördergelder. Und „La teta“ wurde unterstützt vom World Cinema Fund (WCF), der von der Berlinale in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des Bundes aufgebaut wurde. Eine Einrichtung, die große Erfolge zeitigt. 2006 erhielt „El Custodio“ den Alfred-Bauer-Preis, 2007 „El Otro“ den Großen Preis der Jury und den Darsteller-Bären. Es ist dies nun schon der dritte WCF-Film in vier Jahren, der im Wettbewerb einen Hauptpreis ergattert. Die Berlinale züchtet sozusagen ihre eigenen Gewinner. Das hat indes auch einen Nebengeschmack. Eine Art Festival-Inzucht, wenn man so will.

Und noch ein Trend ist hier zu verzeichnen: Die Schere zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und den für preiswürdig befundenen Filmen wird immer größer. Die klassischen Filmländer bringen die Stars und die großen Filme, auf die sich Kritik und Publikum stürzen. Am Ende gewinnen jedoch Werke aus der Peripherie. Venedig setzt seit langem auf Asien, Cannes hat im letzten Jahr Rumänien als Filmland entdeckt, Lateinamerika bleibt vorerst noch der Berlinale vorbehalten.

Man muss nun dringend einmal über den lateinamerikanischen Film nachdenken, nach den Berlin-Siegen von „Custodio“, „Otro“, „Tropa“ und nun „La teta“ & „Gigante“. Eine Filmlandschaft, die ohne Fremdförderung zwar noch kaum auskommt, in der es indes einiges zu fördern und zu entdecken gilt. Es ist schon seltsam: Fünf der neun Bären gehen dieses Jahr nach Amerika. Früher hätte man da automatisch an die USA gedacht. Die aber müssen sich mit einem einzigen Bären bescheiden.