Preisverleihung

Iranischer Film ist großer Gewinner der Berlinale

Das iranische Ehedrama "Nader und Simin - Eine Trennung" hat bei der 61. Berlinale nicht nur den Goldenen, sondern auch die Silbernen Bären für die besten Darsteller gewonnen. Die Jury-Entscheidung ist nicht nur ein politisches Signal.

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Asghar Farhadis Werk "Nader And Simin: A Seperation" bekam den Goldenen Bären für den besten Film. Seine weiblichen und männlichen Schauspieler-Ensembles erhielten je einen Silbernen Bären. In einem Interview äußerte sich Farhadi über die Ehrung.

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Wird er’s oder wird er’s nicht? Das war die eine, die einzige Frage, die die Berlinale in diesem Jahr beschäftigt hat. Seit „Jodaeiye Nadir az Simin“ („Nader und Simin, eine Trennung“) am Dienstag im Wettbewerb gelaufen war, wurde der Film n seltener Übereinstimmung bei allen Kritikerumfragen an erster Stelle genannt. Und mehr noch: Der iranische Beitrag war nicht nur ein Kritikerliebling, sondern, diese Übereinstimmung ist noch seltener, auch beim breiten Publikum (was sich unter anderem in der Auszeichnung durch die Morgenpost-Leserjury niederschlug).

Nun ist das ein misslicher Zustand für die Internationale Jury: Soll sie den Film auspreisen, dem sowieso schon alle im Geiste den Goldenen Bären verliehen haben? Oder sieht sie sich unter Originalitätszwang und muss nun gerade eine überraschende Alternative aus dem Ärmel ziehen? Das ist das letzte Mal vor drei Jahren geschehen, als alle sich auf Paul Thomas Andersons alles überragendes Drama „There Will Be Blood“ eingestellt hatten, der dann aber „nur“ einen Bären für die beste Regie erhielt. Der Hauptpreis ging, zur Überraschung aller, an „Tropa de Elite“.

Von der diesjährigen Jury hätte man sich da auch einiges erwarten können. Regisseur Guy Maddin macht gewöhnlich sehr eigene, sehr schräge Filme, und Isabella Rossellini, die Jurypräsidentin 2011, die ihn in ihr Team berief, spielt dort nicht selten die Hauptrolle. Es gab denn auch einige Kühne, die damit rechneten, der Goldene Bär könne an „A torinói ló“ gehen, der Film des ungarischen Eigenbrötlers Béla Tarr, der sein letzter sein soll, sein Vermächtnis also, und bei dem man in epischen Einstellungen dabei zusehen kann, wie Kartoffeln im Topf kochen.

Aber nein, wir dürfen aufatmen. Tarr bekam zwar den zweitwichtigsten Preis. Die Jury hat sich aber nicht gegen den großen Konsens dieser 61. Berlinale entschieden. Im Gegenteil. Sie hat „Nader und Simin“ nicht nur den erwarteten, erhofften Goldenen Bären verliehen – den ersten übrigens, der je in den Iran ging. Nein, die Jury ging noch weit darüber hinaus. Auch die Silbernen Bären für die beste Darstellerin und den besten Darsteller gingen unisono an das Ensemble dieses Filmes. Und das ist eine wahre Sensation. Denn eigentlich ist die Berlinale-Jury dazu angehalten, ihre Bären breit zu streuen. Das Prinzip Gießkanne. So hat es uns auch Nina Hoss, die deutsche Jurorin, noch in einem Gespräch kurz vor dem Bären-Votum bestätigt. Und nun dies: drei Bären für einen Film.

Das ist natürlich auch ein politisches Signal. Es ist das Jahr, in dem der siebte Juror, der Filmemacher Jafar Panahi, nicht aus dem Iran ausreisen durfte. Weil er in seiner Heimat gerade zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden ist. Sein Stuhl blieb immer leer in dieser Runde, er wurde nicht neu besetzt. Damit konnte die Berlinale ihren Protest gegen dieses Urteil zehn Tage lang demonstrieren. Ein gesellschaftskritischer Film aus dem Iran hätte wohl in jedem Fall einen Preis erhalten, schon aus Solidarität. Aber nun war er auch noch gut, nein mehr: ein Meisterwerk. Der einzige überragende Titel überhaupt in diesem Wettbewerb.

So gut die Berlinale im Allgemeinen gelaufen ist: Das eigentliche Schaufenster des Festivals, der Wettbewerb, wurde einmal mehr eher stiefmütterlich behandelt und mit wenigen überzeugenden Titeln bestückt. Warum man Beiträge wie „Almanya“ oder „Pina“, die vielfach beklatscht wurden, nur außer Konkurrenz zeigte und darüber hinaus mit dem Berlinale-Special über eine Sondersektion verfügt, die den gesamten Wettbewerb verblassen lässt, das wollen viele nicht verstehen. „Wer wählt nur diese Filme aus?“, ist Aamir Khan, einem der Juroren, einmal versehentlich mitten im Kino herausgerutscht.

In dem mauen Wettbewerb blieb „Nadar und Simin“ der einsame Leuchtturm, der alles überstrahlte. Da werden Themen wie Arbeits- und Perspektivlosigkeit angerissen. Da gibt es gleich zu Beginn einen Scheidungsfall, und die Noch-Ehefrau erklärt, sie wolle ins Ausland, weil ihre Tochter eine Zukunft haben soll. Sie sagt das sogar auf der Behörde. Am Ende wächst sich ein einfaches Familiendrama zu einem Gesellschaftsdrama aus, es mutet in seiner Schicksalhaftigkeit wie eine griechisch-antike Tragödie an. Dabei geht es um verletzten Männerstolz und einen falschen Ehrbegriff. Es sind immer die Frauen in diesem Film, die Kompromisse eingehen und Frieden schließen wollen; und immer die Männer, die stets von Neuem anfangen.

Ashgar Farhadi, der erst vor zwei Jahren auf der Berlinale einen Regie-Bären für „Alles über Elly“ erhielt, konnte es gar nicht fassen, wie viele Bären sein Film erhielt. Er nutzte die Gelegenheit, „um an die Menschen in meiner Heimat zu denken; an das Land, in dem ich geboren bin.“ Er gedachte auch noch einmal an seinen Landsmann Jafar Panahi. Und alles auf Farsi.

Der zweite große Gewinner dieses Abends ist – einmal mehr auf der Berlinale – der deutsche Film, der ebenfalls mehrfach prämiert wurde. Für seine deutsch-französische, aber in Afrika spielende Koproduktion „Schlafkrankheit“ wurde Ulrich Köhler als bester Regisseur ausgezeichnet. Köhler gehört zur sogenannten Berliner Schule um Christian Petzold und Angela Schanelec. Bei der Berlinale hat er sich quasi stetig hochgearbeitet; sein Spielfilmdebüt „Bungalow“ lief 2002 im Panorama, sein zweiter Spielfilm „Montag kommen die Fenster“ 2006 im Forum der Berlinale. Und sein Regiekollege Andres Veiel erhielt für sein RAF-Drama „Wer wenn nicht wir“ (zugleich das Spielfilmdebüt des Mannes, der seit 20 Jahren grandiose Dokumentarfilme dreht) den Alfred-Bauer-Preis, mit dem das Festival seines Gründers gedenkt.

Eine gute Berlinale mit einem allerdings nicht ganz so guten Wettbewerb hat damit ihr bestmögliches Ende gefunden. Ausnahmsweise ein Goldener Bär, über den sich jeder freuen kann. Bis auf das Regime im Iran.