"achtung berlin"

Berliner Filmfestival zeigt deutsches Kino

Mit rund 80 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilmen präsentiert sich ab Mittwochabend das Filmfestival "achtung berlin – new berlin award". Die Zuschauer müssen sich in diesem Jahr auf raue Themen gefasst machen und werden trotzdem gut unterhalten.

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Ein merkwürdiger Kauz ist das, der da in Berlin der jungen Ärztin vors Auto läuft. Der Typ im schwarzen Anzug und den gelben Haaren erinnert nicht von ungefähr an den von David Bowie gespielten Außerirdischen in Nicolas Roegs "Der Mann, der vom Himmel fiel“, der übermenschliches Empathievermögen besitzt. Auch Julian (Robert Stadlober) weiß immer ein bisschen mehr über die Menschen, die er trifft und die sich unweigerlich zu ihm hingezogen fühlen, in der Hoffnung von ihrem Frust erlöst zu werden. Sie begleiten ihn auf seinem Fußmarsch nach Stuttgart, durch den er den herzkranken Vater eines verstorbenen Freundes heilen will.

"Der Mann, der über Autos sprang“ ist ein Roadmovie, der das Dilemma, im überschaubaren Deutschland zu spielen, geschickt aushebelt, in dem er seinen aus der Psychiatrie entflohenen Helden zu Fuß durch die Republik schickt. Und er ist nur eines von vielen Beispielen, wie die Filmbranche in Berlin-Brandenburg kreativ mit Genres spielt, wie auf dem diesjährigen Filmfestival "achtung berlin – new berlin award“ zu sehen ist, das eine Woche lang neues deutsches Kino aus der Region präsentiert.

Rund 80 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme stehen auf dem Programm, eröffnet wird das Festival heute Abend im Kino International mit der turbulenten Beziehungskomödie "Die letzte Lüge" über ein Paar, das an Ostern überraschend Besuch von ihren jeweiligen heimlichen Affären bekommt. Von vielen seiner konventionellen Vorgänger aus den 90er Jahren unterscheidet sich dieser Film nicht nur durch Witz und Tempo, sondern vor allem durch seinen Mut zu Musicaleinlagen, in die seine Protagonisten immer wieder verfallen. Und die klingen alles andere als verstaubt: der Soundtrack stammt von deutschen Independentbands.

Mit raueren Themen warten viele der Dokumentarfilme auf, "Gängsterläufer" etwa, über den 17-jährigen Yehya aus Neukölln, Sohn palästinensischer Flüchtlinge, Musterschüler, charmanter Erzähler – und Intensivstraftäter. Regisseur Christian Stahl, ein Nachbar des Jungen, zeigt in seinem faszinierenden Porträt eine widersprüchliche Parallelwelt zwischen muslimischen Traditionen und Straßenkriminalität, buchstäblich vor der eigenen Haustür.

Die umfangreiche Retrospektive widmet sich in diesem Jahr Berlin als Musikstadt und ihren Subkulturen der letzten 60 Jahre in Ost und West. In der kenntnisreich kuratierten Sektion finden sich Kultklassiker wie die Musicaladaption "Linie 1“ oder Roland Klicks "White Star“ von 1983 mit dem damals stark kokainsüchtigen Dennis Hopper als abgehalfterten Musikmanager in West-Berlin, wie Dokumentationen über die Rockmusik in der DDR ("Flüstern und Schreien"), die Technobewegung der 90er Jahre ("Feiern") und die Anfänge der Berliner Rapszene nach der Jahrtausendwende ("Royal Bunker").

Neben den Filmvorführungen gibt es auch ein Rahmenprogramm mit Workshops und Werkstattgespräche, bei denen sich angehende Filmemacher über Förder- und Verleihmöglichkeiten informieren können. Damit Filme aus Berlin nicht nur auf diesem Festival, sondern auch in anderen deutschen Kinos zu sehen sein werden. Mittelpunkt des Festivalprogramms ist die Wettbewerbssektion "Made in Berlin-Brandenburg", in welcher die Filme um den "new berlin film award" in verschiedenen Preiskategorien konkurrieren.

Kino International, Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Passage Neukölln, 13.-20. April 2011.