60. Berlinale

Goldener Bär für "Bal" - Silberner für Polanski

Ein türkischer Film ist der Sieger der 60. Berlinale. Die Jury des Filmfestivals zeichnete "Bal" mit dem Goldenen Bären als besten Wettbewerbsbeitrag aus. Der Silberne Bär für den besten Regisseur ging an Roman Polanski. Die Entscheidungen der Jury trugen klar die Handschrift ihres Präsidenten Werner Herzog.

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Große Preisverleihung zur 60. Berlinale

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Für ersteres stand mehr als alle anderen „Bal“, der türkische Beitrag, in dem durch die Kölner Produktionsfirma Heimatfilm auch deutsche Gelder stecken. Es war von allen der visuell überzeugendste Beitrag, der auch in unserem Kritikerspiegel am besten abgeschnitten hat. Es ist der letzte Teil einer Trilogie des Regisseurs Semih Kaplanoglu über den Dichter Yusuf, die er rückwärts erzählte: Der erste, „Yumurta“ (Ei), 2006 in Cannes gezeigt, handelte von dem reifen Yusuf, der zweite, „Süt“ (Milch), 2008 in Venedig gezeigt, handelte von dem Heranwachsenden, der dritte nun, wieder im Zweijahresabstand auf einem großen A-Festival gezeigt, führt zum Ursprung von allem, der Kindheit. Aus den großen Kinderaugen des rührenden, sechsjährigen Hauptdarstellers Bora Altas entdecken wir uns die Welt, für die der spätere Dichter noch keine Worte findet – weil er stottert. Nur der Vater weiß seine Störung durch Magie zu überwinden: indem er mit ihm flüstert. In urwüchsiger Natur wird die Kindheit entschlüsselt. Ein großer, stiller Bilderrausch in ruhigem, meditativem Erzählfluss.

Für die zweite Sparte, den politisch intendierten Film, stand wie keiner sonst Roman Polanskis Verfilmung von Robert Harris’ Bestseller „Der Ghostwriter“. Darin geht es um einen britischen Ex-Premier, der in üble Machenschaften der CIA verstrickt ist und sich als Marionette der US-Regierung entpuppt. Analogien zu Tony Blair sind keineswegs zufällig: Harris hat ihn einst bei einer Wahlkampagne begleitet. Und wie als Werbegag des Films hat sich Blair kürzlich zu seiner Verantwortung im „War of Terror“ bekannt. Vor allem aber ist Polanski noch immer mit Fußfesseln an sein Chalet in Gstaad gefesselt; die USA verlangen seine Auslieferung, um ihm den Prozess in einem alten Missbrauchsfall zu machen. Nicht wenige sehen da einen Zusammenhang, dass es den USA gerade jetzt so eilig damit ist, da Polanski seinen Amerika-kritischsten Film gedreht hat. Der spielt übrigens an der amerikanischen Ostküste, auf Martha’s Vineyard, wozu die deutsche Insel Sylt als Kulisse herhielt.

Es sind sicher nicht diese beiden deutschen Bezugspunkte, die den deutschen Jurypräsidenten Werner Herzog überzeugten, sich für diese Filme einzusetzen. Es sind ja auch gleich alle drei deutschen Wettbewerbsbeiträge leer ausgegangen. Aber am Ende ging der Bär zum Honig, wurde „Bal“ mit dem Hauptpreis gekrönt. Und der Regiepreis ging an Roman Polanski, auch ein politisches Signal, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass dieser Mann im Moment nicht in der Lage ist, irgendwohin zu reisen, um einen Preis abzuholen. Ein Filmfestival wurde ihm zum Verhängnis, das von Zürich, wohin er eingeladen und dann verhaftet wurde. Ein anderes rehabilitiert ihn nun.

Zwei Preise für rumänischen Beitrag

Dass die beiden Hauptdarsteller des russischen Films ex aequo als beste Schauspieler ausgezeichnet wurden und der Kameramann des Films auch einen Preis bekam, darf ebenfalls nicht verwundern. „How I Ended This Summer“ handelt von zwei Russen, die ganz allein auf einer Polarstation in der Arktis stationiert sind. 2007 hat Werner Herzog „Encounters of the End of the World“ gedreht, einen Dokumentarfilm über Menschen auf der anderen Seite der Welt, der Antarktis. Und hier wie da geht es um Herzogs ewiges Thema von der Selbstbehauptung des Menschen in unwirtlicher Umgebung.

Selten trug eine Bären-Vergabe also so deutlich die Spuren seines Jury-Präsidenten. Und man kann die Wahl nur als gelungen und verdient betrachten – nach den etwas esoterischen Bären-Vergaben der vergangenen Jahre.

Bei den Schauspielern war die Wahl wohl am schwierigsten: der Berlinale-Jahrgang 2010 bestach vor allem durch starke Männerrollen, geizte aber sehr an vergleichbaren Frauenfiguren. Es gab überhaupt nur die Wahl zwischen einer brasilianischen älteren Dame, die ihren zweiten Frühling durch Puzzlespiele erlebt (Maria Onetto in „Rompecabezas“), einer jungen Serbin, die ihren Mann an fundamentalistische Moslems verliert (Zrinka Cvitesic in „Na putu“) und eine Japanerin, die ihren kriegsversehrten Mann pflegen muss (Shinobu Terajima in „Caterpillar“). Man hätte wetten mögen, der Bär würde an „Na putu“ gehen, einer der vielen Filmbeiträge des Jahres zur Islam-Debatte. Doch am Ende siegte die Japanerin. Und auch hier mag man Herzogs Handschrift für das Abwegige, Abseitige erkennen: der Kriegsversehrte ist nur noch ein Rumpf, ohne Arme, ohne Beine, ohne Stimme oder Gehör.

Ebenfalls gleich zwei Preise gingen schließlich an den rumänischen Beitrag „Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich“ über einen jungen Straftäter in einer Besserungsanstalt. Er erhielt den Großen Preis der Jury sowie den Alfred-Bauer-Preis.

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