Interview

"Hänsel und Gretel" an der Baustelle Staatsoper

Achim Freyer inszeniert „Hänsel und Gretel“ an der Staatsoper, die immer noch saniert wird. Ein Gespräch über die mühsamen Proben.

Der Berliner Maler und Regisseur Achim Freyer in seinem Kunsthaus am Kadettenweg

Der Berliner Maler und Regisseur Achim Freyer in seinem Kunsthaus am Kadettenweg

Foto: jörg Krauthöfer

Zu den Feierlichkeiten zum 275. Jubiläum der Staatsoper gehört nicht nur das Festkonzert am 7. Dezember, sondern tags darauf die erste große Opernpremiere im wiedereröffneten Opernhaus, das jetzt mit Verspätung seinen regulären Spielbetrieb aufnehmen will. Achim Freyer hat Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" inszeniert.

Herr Freyer, Sie haben in den letzten Wochen "Hänsel und Gretel" an der Staatsoper geprobt. Mitten in den letzten Sanierungsarbeiten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Achim Freyer: Ich glaube, ich trage mit meiner Arbeit an dem Werk gute Laune in die Not, die alle im Haus haben. Jede Nacht wird alles abgebaut, um die Wartungsarbeiten fertigzustellen. Morgens wird alles wieder aufgebaut. Dann verschiebt sich der Probenbeginn auf 11 Uhr. Man kommt also nicht richtig voran. Aber es hilft auch nicht rumzubrüllen. Das hält ja noch mehr auf.

Sie sind der erste Regisseur, der im neuen Haus richtig Oper inszeniert.

Jürgen Flimm hatte schon zur Eröffnung am 3. Oktober ein Stück mit Markus Lüpertz gemacht. Es war sehr kühn, mit einem theaterunerfahrenen Maler in den Ring zu steigen. Ein Bühnenprofi weiß mit Missständen umzugehen. Aber wer keine Theatererfahrung hat, steht ratlos vor einer Baustelle. Vieles geht halt nicht. Dann muss man nicken oder fluchen.

Hat die Baustellen-Situation Ihre Inszenierung beeinflusst? Haben Sie etwas abspecken müssen?

Das macht man leider meist. Ich habe versucht, etwas anzuspecken. Aber das klappt nicht mehr. Zumal zeitgleich noch mit Monteverdis "L'Incoronazione di Poppea" eine weitere Premiere vorbereitet wird. Es wird also andauernd ab- und aufgebaut.

Haben Sie mit Intendant Jürgen Flimm vorher gesprochen, was geht und was nicht?

Das kann er selber nicht wissen. Wir sind beide im Theater sehr erfahren, aber mit Baustellen nicht so. Zu unserem Beruf gehört, dass wir zur Premiere fertig sind. Aber die Baustelle ist nicht fertig. Es wird geschraubt, gehämmert und verputzt. Das alles hört man während der Proben. Es staubt. Meine ganze Kleidung ist versaut von den frisch gestrichenen Türen im Zuschauerraum, durch die ich ja stündlich muss. Aber vielleicht schaffen sie es noch, es wäre ein Wunder. Wenn das Haus wirklich verbessert ist, wäre es toll.

Warum haben Sie nicht aufgehört?

Ich habe leider auch dreimal gesagt, die Premiere könne nicht stattfinden. Aber man darf nicht aufgeben.

Sie sind langjähriger Kenner der Staatsoper. Fühlt sich etwas anders an?

Im Zuschauerraum gehört es zu den negativen Dingen, dass man von den Seiten nichts sieht. Das hat man wegen des Denkmalschutzes so gelassen. Auch die Bestuhlung hätte etwas höher gesetzt werden können, um auf vielen Plätzen besser sehen zu können. Es gibt nach wie vor Hörplätze. Aber wer geht in die Oper, um nur zu hören? Es ist schade, weil es immer gegen die Inszenierung ist. Ich habe jetzt auf der Bühne alles so weit wie möglich nach vorne gebaut. Das mache ich vor allem auch, um die Kinder im Saal zu berühren und mit ihnen durch die Inszenierung zu sprechen. So sollen sie zum Beispiel durchschauen, wie Theater gemacht wird.

Ist die Märchenoper denn nun ein Stück für Kinder oder Erwachsene?

Natürlich für Kinder, aber auch für Erwachsene. Wir sind doch hoffentlich alle Kinder geblieben. Und wenn nicht, vielleicht kann ich das mit der Inszenierung wieder in den Leuten wecken.

Märchen müssen immer gut ausgehen, aber eine Hexenverbrennung am Ende ist kein gutes Happy End?

Das hätte mich abgehalten, so ein Werk zu machen. Aber ich habe in dem Fall glücklicherweise die Freiheit der Interpretation. Hexen sind kluge Frauen gewesen. Sie wurden verbrannt, weil ihre Gedanken dem System gefährlich waren. Dem kann ich keinen Jubel zuinszenieren, juchhei, jetzt ist die Hexe tot. Es muss schon etwas sein, was sich lohnt zu verbrennen. Der Hexenname Rosina Leckermaul steht bei uns für eine internationale Kette von sinnlosen Produkten, die viel Werbung brauchen, um das Kind in uns zu verführen. Uns wird vorgegaukelt, das sei eine Erfüllung. Die Werbung, die Hexereien, werden von den Kindern ins Feuer geworfen. Dann erkennen sie, dass Tausende Kinder in der Welt darunter leiden. Durch ihre revolutionäre Tat verhindern sie es. Die Kinder werden aus der Asche befreit wie Phoenix und jubeln. Das Ende heißt: "Revolution, fertig, los!"

Sie machen ein Anti-Kapitalismus-Märchen?

Ohne Konsum würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen, aber es sollte uns nachdenklich machen, dass es so ist. Mit leichtem tänzerischen Charme kann man über all diese Dinge mit Kindern sprechen.

Der Vater ist musikalisch gesehen eher der melancholische Glücksucher?

Ja, er ist ein Handwerker und produziert Besen. Er kennt sich in der Stadt aus und kann der Mutter davon erzählen. Der Arme spricht die Reichen im Saal an. Er weiß, wie der Markt und die Ausbeutung funktioniert. Er ist sich dieser ganzen Hexenwelt bewusst.

Was treibt jemanden, der gerade Wagners "Parsifal" in Hamburg inszeniert hat, sich diese Kinderoper vorzunehmen?

Treiben tut mich die Staatsoper, weil die es mir angetragen hat. Ich musste mich schwer damit auseinandersetzen. Ich habe entdeckt, dass die Musik von ungeheurem Reichtum ist. Man hat ein gut gebautes Stück vor sich. Das Geniale an dem Kunstwerk ist, dass es alle Menschen anspricht, egal welchen Alters. Brecht hat gesagt: "Verstand kommt nicht durchs Alter, sondern durch den Kopf." Und die Kindheit geht nicht durchs Älterwerden verloren, sie bleibt in uns. Für mich ist es das Wichtigste und das Schwerste, für Kinder Theater zu machen.

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. 20354481 Termine: 8.12. (Premiere), 11., 12., 23., 25. und 29.12.

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