Kultur in Berlin

Endspurt auf der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden

In der Staatsoper Unter den Linden wird Optimismus verbreitet: Die Handwerker versichern, Ende Juli fertig zu sein.

Letzte Arbeiten im Zuschauerraum der Staatsoper Unter den Linden: Das sanierte Gebäude soll ab 1. August vom Ensemble genutzt werden

Letzte Arbeiten im Zuschauerraum der Staatsoper Unter den Linden: Das sanierte Gebäude soll ab 1. August vom Ensemble genutzt werden

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Der Mann vom Tüv läuft an uns vorbei durchs Opernhaus. Es gibt vieles Technisches zu begutachten. Vor allem aber riecht es an diesem Mittwoch nach frischer Farbe in der Staatsoper Unter den Linden. Langsam werden die Bauarbeiter durch Opernleute ersetzt. In dem großen Opernareal in Mitte wurde am Montag das Intendanzgebäude nebst Probenzentrum ans Ensemble übergeben. Als Erstes beginnt die Inbesitznahme der renovierten Büros. Am 1. August soll auch das sanierte Opernhaus für die Vorbereitungsproben nutzbar sein. Im Haus wird Optimismus verbreitet, dass die Wiederöffnung am 3. Oktober stattfindet. Dafür will Intendant Jürgen Flimm Schumanns "Faust"-Szenen inszenieren, Daniel Barenboim steht am Pult.

Die lang erwartete Wiederöffnung wird aber bescheiden Präludium genannt. Denn nach den Eröffnungsfeierlichkeiten, dem Vorspiel, wird das Haus wieder geschlossen und zu Ende saniert. Erst am 7. Dezember soll der Spielbetrieb aufgenommen werden. Es ist also eine Eröffnung auf Raten.

Der Zuschauerraum ist überraschend weit gediehen. Andreas Schudrowitz, dessen Firma unter anderem für die Farbgestaltung der Saaldecke zuständig ist, geht ganz selbstverständlich davon aus, dass seine Leute Ende Juli raus sind. Für seine im Prenzlauer Berg ansässige Firma Buch & Schudrowitz, die eigentlich spezialisierte Restauratoren sind, ist es ein großer Auftrag. 34 Mitarbeiter hat er im Einsatz. 640.000 Euro kosten die Arbeiten am Stuckmarmor im Foyer, ein wenig teurer ist die Neufassung der Saaldecke. Schudrowitz berichtet von Verzögerungen, die es bei der ganzen Sanierung gab, und von einer geforderten Beschleunigung. Das wird unter anderem mit Prämienzahlungen ausgeglichen. Bereits einen Raum weiter sind andere vergleichbare Firmen zugange. Die Arbeit sei in einzelne Aufträge zerlegt, sagt Schudrowitz, "weil das Volumen so gigantisch ist".

Die Sanierung will dem Original nahekommen

Von Schudrowitz ist zu erfahren, wie chemisch kompliziert es ist, die alten DDR-Farben mit Wachsanteil durch moderne Farben zu ersetzen. Im Foyer mit der Schneckentreppe haben seine Leute den alten Stuckmarmor wieder auf Vordermann gebracht. Zuletzt war er einfach überstrichen worden. Die Sanierung will dem Original nahekommen. Ursprünglich war das Opernhaus 1742 von Friedrich II. eröffnet worden. Die Sanierung des Saales orientiert sich aber vor allem am Zustand von 1955. Das Opernhaus war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, Architekt Richard Paulick hatte es zu DDR-Zeiten mit den Möglichkeiten seiner Zeit wieder aufgebaut. Zu Barockzeiten, erklärt Schudrowitz, wurde Stuckmarmor verwendet, weil das Imitat deutlich kostengünstiger war, als sich echten Marmor aus Italien anliefern zu lassen. Heute lässt sich das so nicht mehr sagen. Für Stuckmarmor sind acht bis zehn Arbeitsgänge notwendig. Die Facharbeiter sind heutzutage teurer.

Oper ist, das kann man nicht nur beim Marmor lernen, vor allem Fassade. Der Berliner Theatermaler und Bühnenbildner Dirk Seesemann bereitet im unterirdischen Trakt gerade die neue Schabracke vor. Bei dem Begriff wird der eine mit den Achseln zucken, der andere an das Schimpfwort denken, der dritte an eine Pferdedecke. In der Oper ist damit ein riesiger Querbehang gemeint, der zwischen dem beweglichen Bühnenvorhang und der Saaldecke fest angebracht wird. Bislang gab es keine Schabracke. Aber bei der Sanierung wurde die Saaldecke um fünf Meter angehoben, um die Akustik im Raum zu verbessern. Die Akustiker gehen davon aus, dass die Nachhallzeit künftig auf 1,6 Sekunden ansteigt. Seesemanns Schabracke sieht aus wie ein eleganter Bühnenvorhang. Sie sei nötig, heißt es, um die optischen Proportionen zwischen Bühne und Saal herzustellen. Eine Art Täuschungsmanöver.

Im Apollo-Saal trifft man auf den standesbewussten Seidenweber Heinrich L. Hetzer. Seine Wiener Brokatmanufaktur lässt sich bis 1650 zurückverfolgen. Er weiß, was Monarchie und Luxus bedeutet. Es gäbe nur fünf Firmen weltweit, sagt er, die solche Aufträge wie in der Staatsoper oder im Weißen Haus ausführen können. Was er über die Herstellung der feinen Wandstoffe erzählt, klingt kompliziert. Er sagt, manchmal würden sie eigene Maschinenvorrichtungen entwickeln, diese aber nicht patentieren lassen, um bloß niemanden darauf aufmerksam zu machen.

Bei den Wandbehängen geht es auch um die Akustik

In der Staatsoper galt es, originale Farbtöne und Muster zu beachten, akustische Bedingungen, die Nichtbrennbarkeit und den Anspruch an moderne Beleuchtung. Wobei man derzeit von LED-Lampen ausgeht, aber keiner wisse, was in zehn Jahren sei.

Während wir reden, erscheint ein Offizieller, der sich mitten in den Apollo-Saal stellt und die Mitarbeiter laut darüber informiert, dass jetzt auch interviewt und fotografiert wird. Wer das nicht möchte, kann den Raum verlassen. "Das ist wegen der Schwarzarbeit", scherzt Hetzer im typisch Wiener Schmäh. Aber keiner verlässt den Saal, alle arbeiten weiter. Es sei eine typisch deutsche Baustelle, sagt Hetzer, er meint wohlgeordnet. Im Vergleich zu österreichischen Baustellen findet er nur einen Unterschied: Dort würden Probleme geschmeidiger gelöst.

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