Normalerweise braucht es ganze Romane oder Sinfonien, um das Unglück der Welt künstlerisch zu verarbeiten. Für das Glück hingegen genügt manchmal ein kurzer energetischer Rhythmus. Die Berliner Band Beatsteaks sorgt beim Festival „Peace x Peace – Your Voice For Children“ für diese unglaublichen Momente des gemeinschaftlichen Glücks.

20.000 Menschen hüpfen geschlossen in der Waldbühne. Es ist gegen 21 Uhr, nach vier Stunden Rappen und Rocken sind bereits erste Erschöpfungserscheinungen zu bemerken. Aber Sänger Arnim Teutoburg-Weiß hat das Publikum sofort im Griff. Selbst in dieser riesigen Arena mit seinen zwei Leinwänden ist zu sehen, mit wie viel Charme das einstige Artistenkind um die Musik herumtänzelt. Als er zwischendurch einmal den Elvis spielt, sind im Publikum einige Aufschreie zu hören. Es bleibt festzuhalten, dass dieses Konzert auch ein bisschen Mädchenabend ist. Jedenfalls sind die Frauen in der Überzahl und spontaner bereit, in den Bankreihen mitzutanzen.

Teutoburg-Weiß ist auch derjenige, der am direktesten, politischsten über den Anlass dieses Benefizkonzertes spricht. Es geht um das Unglück dieser Welt, um Flüchtlinge, insbesondere die Kinder. Der Sänger reitet eine Attacke gegen die AfD. Es wird in der Waldbühne gebuht. Buhen allein genüge aber nicht, sagt Teutoburg-Weiß. Dann kommt der nächste Hit. Möglicherweise hat der Sänger gleichsam das Dilemma von Benefizkonzerten beschrieben. Die meisten sind gekommen, um Party zu machen und den Sommerabend zu genießen, wohingegen Unicef die Spenden nutzt, um das Elend anderswo zu lindern.

Der Benefizgedanke bleibt glaubwürdig

Dass der Benefizgedanke an diesem Abend glaubwürdig bleibt, ist wohl zuerst dem Organisator Fetsum zu verdanken. Er wird von Moderator Cherno Jobatey mehrfach auf die Bühne geholt. Fetsums Eltern waren aus Eritrea geflüchtet, er ist in Ägypten geboren worden. Dann ging die Flucht weiter nach Italien, schließlich landete er in Stuttgart.

Man nimmt Fetsum seine Dankbarkeit gegenüber dem Leben ab, und seinen Willen, anderen zu helfen. Mag sein, dass der Soulsänger nicht der begnadeste Künstler des Abends ist, aber er kann die Besten in der Waldbühne zusammenbringen. Auf der Setlist stehen 19 Sänger und Bands. Es ist ein Best of.

Ein großer Block gehört den PxP Allstars mit Samy Deluxe, Patrice, Clueso, Megaloh, Max Herre und Joy Denalane. Es gibt Talkrunden, unter anderem mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller. Beiläufig möchte Moderator Jobatey den Regierenden drängen, Fetsum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Müller verweist in seiner unnachahmlich korrekten Art auf das Machbare, nämlich einen Landesorden. In einem Special Showcase sind Cro, Teesy und Danju zu erleben. Eine große Cro-Fangemeinde hat sich direkt vor der Bühne versammelt.

Mainstream fürs Fernsehen

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Irgendwann kommt Jobatey auf die Bühne und schwört die Waldbühne darauf ein, ihn vorher noch gar nicht gesehen zu haben. Die Fernsehaufzeichnung soll jetzt beginnen. Dann geht er hinaus, kommt wieder herein und wird bejubelt. Der Spaß wird mitgemacht. Aber man muss sich schon fragen, ob Arte die fünf Künstler zuvor für nicht sendefähig hält?

Im Vorblock sind die Unangepassteren zu bestaunen, während im Fernsehen auch wieder der Mainstream überwiegt. Um Lenin, Marx und Engels geht es bei Zugezogen Maskulin gleich zum Auftakt. Es ist eine politische und zornige Musik. Auch Motrip besingt eine bessere Welt. Es ist ein Makel des Abends, dass die Tonanlage übersteuert ist und fast alle Texte unverständlich sind. Wobei das Publikum viele Songs auswendig mitsingen kann.

Dat Adam kommt wie aus einem japanischen Manga in die Waldbühne gesprungen und scheint irgendwie nicht von dieser Welt zu sein. Elif kommt nur zunächst mit ihrer Gitarre auf die Bühne und singt ihr neues Lied „Auf halber Strecke“. Vielen Künstlern ist anzumerken, dass sie selbst von der Atmosphäre überwältigt sind. Namika hingegen ist eine Vorzeigefrau, die sich selbstbewusst die Bühne nimmt. In der Fernsehübertragung ist der US-Amerikaner Aloe Blacc der Anheizer, bei „Wake me up“ tanzt die Waldbühne.

Das Finale gehört Seeed und vor allem Peter Fox. Die Songs werden mitgesungen, auch die liebevolle Anti-Berlin-Hymne „Schwarz zu Blau“. Fox holt schließlich den Beatsteaks-Sänger und Fetsum auf die Bühne, gemeinsam wird dem kürzlich verstorbenen Prince gedacht.