Fünf Minihocker stehen auf dem Parkett, in Reihe hübsch aufgestellt. Drei davon sind typische Straßenschemel, wie man sie aus China kennt. Einige Schritte weiter liegt „1913“ auf einem Tischchen, das Buch von Florian Illies. In chinesischer Sprache, deshalb ist es schmaler vom Umfang als die deutsche Ausgabe. Überall ist das Land der Mitte präsent in dieser großzügigen Charlottenburger Altbauwohnung – das überrascht kaum: Alexander Ochs, der hier auf über 300 Quadratmetern seinen privaten Salon führt, leitete lange Jahre in Peking eine Galerie, eine andere in Berlin. Er war sozusagen das Trüffelschwein, als es darum ging, zeitgenössische Kunst aus China in Deutschland bekannt zu machen, die damals hier noch keiner kannte.
Doch was bitte hat August Macke (1887–1914) an der Wand mit chinesischer Kunst zu tun? Gar nichts. Macke, der mit 27 Jahren im Krieg starb, ist für Ochs so etwas wie der James Dean der Malerei, klingt gut. Der Zeitgenosse von Kandinsky, Klee und Marc lebte kurz, dafür intensiv, wie es so schön heißt. Seine Tunisreise war der i-Punkt seines Schaffens, ein „Rausch“ sei das gewesen, so schreiben es die Biografen.
Der junge Macke brachte 33 farblodernde Aquarelle, 79 Zeichnungen und Fotografien mit nach Hause. Ochs zeigt nun 28 kleinformatige Arbeiten aus dem Umfeld der Familie. Deshalb gibt es viel Privates zu sehen, einen weiblichen Akt mit extrem abgewinkeltem Bein, das Söhnchen als Säugling und immer wieder Elisabeth, Mackes Frau, wie sie schläft oder liest. Gemalte Liebeserklärungen. Oder ganz Alltägliches wie den frischen „Spargel“ (1907), im Korb oder fein gemacht, oder der „Bauernbursche auf Balkon“.
Wunderbar leichthändig wirbelt die „Soubrette“ (1907), grün und gelb gestrichelt, knapp handgroß auf dem Skizzenblatt. Auf jeden Fall passt diese intime Innensicht im Kleinformat sehr gut zum Charakter des privaten Salons. 100 geladene Gäste kommen im Schnitt zu den Eröffnungen, erzählt uns Alexander Ochs.
Mäzenatentum ist an das Bürgertum gebunden
Ochs’ Salon hängt damit zusammen, dass er aus China weg ist, dafür wiederum gibt es mehrere Gründe. Irgendwann war es dem 62-Jährigen zu anstrengend, zwölfmal im Jahr zwischen Berlin und Peking hin- und herzufliegen, da streikt dann der Körper. Letztlich war es wohl die Reaktion auf die zunehmende Reglementierung durch den Staat, „die in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“ zugenommen hat. Als er vor 25 Jahren nach Peking kam, „da herrschte Chaos, aber da war viel möglich“, erzählt er. Zentrales Problem sei, dass das Bürgertum fehlt. So mangelt es nicht zuletzt der Kunst an einem Umfeld. Anders als in Deutschland, wo Mäzenatentum und private Sammlungen gesellschaftlich an dieses Milieu gebunden sind.
Den Salon hat er nicht gegründet, um ein neues Vertriebssystem für die Kunst zu gewinnen, sondern, „um mich als Bürger in diese Tradition zu stellen“. Und Berlin hat schließlich eine starke Salongeschichte. Aber er verkauft natürlich trotzdem. So also lebt er nun mit seiner Frau Kathrin inmitten eigener und wechselnder Kunst.
Wie ist es mit den Bildern von Chris Newman in der Küche? Keine Scheu, einfach bei Ochs nachfragen. Kommunikation gehört zum Wesen eines Salons. Und ja, sind die tibetanischen Teppiche im Entree käuflich? Oder Andenken an ferne Reisen? Ochs und seine Frau meditieren gerne, neulich, gerade als Ai Weiwei nach Berlin kam, da hatten sich beide in einen Aschram in Indien zurückgezogen.
Ochs findet, der globale Kunsthandel funktioniere letztlich wie eine große Maschine, mit der Folge, dass sich „Kunst von einem entfernt“. Hier in Berlin, mit dem Salon, „sind wir der Kunst näher“. Und bei Macke geht es ihm darum zu sehen, wie dieser Künstler bemüht war, „ein schönes Bild“ zu machen. So sagt er das.
Im März werden elf Kirchen in Berlin bespielt
Heute sieht sich der ehemalige Galerist auf der anderen Seite, als Kurator. Er holt einen Katalog hervor, im vergangenen Jahr organisierte er die Ausstellung „Du sollst dir (k)ein Bildnis machen“ im Berliner Dom. Vom Hauptstadtkulturfond mit 80.000 Euro gesponsert. Ihn treibt schon länger die Frage um, wo die Schnittmenge zwischen Kunst und Religion liegt, letztlich geht es um Spiritualität, die er als interreligiös sieht. Beim nächsten Projekt mit dem Titel „Sein. Antlitz. Körper“ legt er noch einmal zu: Elf Kirchen in Berlin sollen ab 13. März bespielt werden. Diesmal bezuschusst Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) – 200.000 Euro fließen aus dem „Reformationsjubiläum“.
Zum Schluss erzählt er, wie er eigentlich nach China kam. Nicht etwa über Ai Weiwei, wie viele glauben, er ist auch nicht mehr dessen Galerist, das möchte er auch noch einmal klarstellen. Er hat damals als Erster in Berlin Ai Weiweis Kunst gezeigt, aber vor ihm hatte längst die Galerie Aedes den Architekten Ai Weiwei präsentiert. Er zückt sein Smartphone, darauf ist ein Selfie mit dem chinesischen Künstler zu sehen. Die beiden sind gut befreundet, Ochs engagierte sich für die Initiative Freiheit für Ai Weiwei.
Manchmal ist er genervt, er bekommt Anrufe, soll Kontakt zu ihm vermitteln, den Künstler erklären, wenn Ai Weiwei anders reagiert, als man es sich im Westen vorstellt. Zuletzt, als er die Schwimmwestenaktion am Konzerthaus machte. „Ich bin nicht sein Galerist, und Ai Weiwei vertritt sich selbst“, sagt er dann den Anrufern. Ohnehin sei es schwer, China zu verstehen, „je länger man dort gelebt hat, umso weniger gelingt es“.
Alexander Ochs Private, Schillerstr. 15. Charlottenburg. Mi–Fr 12–18 Uhr. Sa nach Vereinbarung. Tel. 45086878. Bis 2. April




