„Sieh! Da & Pi, Dapi, Pida, Pidadapi.“ Na, verstanden? Wenn man die Zeile laut liest, ergibt sie wenigstens eine Art von Melodie. Allerdings ist „Dadalyripipidon“ von Wieland Herzfelde ein Unsinnsgedicht. Die Dadaisten veranstalteten in den Künsten – egal ob Malerei, Musik, Literatur – ein heftiges Kehraus, und das bedeutete: weg mit den herkömmlichen Techniken und Stilmitteln und Platz für Neues schaffen. Dazu gehörte die Sprache, die bis auf die Grundfeste zerklopft wurde. Zu den Resultaten gehörten die frei erfundenen Gedichte, und ja, auch die Pissoirschüssel von 1917, die Marcel Duchamp als „Fontäne“ in den Kunsthimmel erhob, und keiner wusste damals, warum eigentlich.

Der Urknall für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts

Vor genau 100 Jahren begann im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, in Zürich ein neues Zeitalter: Der Dadaismus lieferte den Urknall für die großen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Die Schweiz ist ein neutrales Land, ein Ruhepol, dort suchten die europäischen Exilanten Zuflucht vor dem Wahnsinn und den Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges. Der erste Dada-Abend versprach „Musik. Tanz. Theorie. Manifeste. Verse. Bilder. Kostüm. Masken.“ Wenn wir diese Ankündigung heute lesen würden, würden wir die Karten zurückgeben. Aber dieses alles und nichts war damals Programm.

Also steigt der deutsche Theatermann und Dichter Hugo Ball als „magischer Bischof“ mit Schamanenhut und Pappmascheekragen auf die Bühne und rezitiert Lautgedichte, Dada-Fee Emmy Hennings trällert Antikriegslieder. Auf leeren Kisten wird geschlagen und getrommelt. Auch Hans Arp, Tristan Tzara sind Mitstreiter der ersten Stunde. Am Ende gibt es Dada-Abende, an denen bis zu 20 Personen simultan Gedichte vortragen, begleitet von skurrilen Tänzen mit Masken und schräger Musik. „In einem kunterbunten, überfüllten Lokal sind einige wunderliche Phantasten auf der Bühne zu sehen“, erinnert sich Arp, „wir vollführen einen Höllenlärm. Das Publikum um uns lacht, schreit und schlägt die Hände über den Kopf zusammen.“

Zahlreiche Neuerscheinungen sind Vorboten des 100. Geburtstages. Wer seine Dada-Kenntnisse auffrischen und dabei noch lachen möchte, der ist mit dem Dada-Almanach, einem Sammelband des Manesse Verlages, bestens versorgt. Da gibt es nicht nur einen geistreichen, herrlich verstiegenen Querschnitt durch all die Lautgedichte, Manifeste, Standpauken und Totentänze. Sondern eine ebenso hilfreiche Dada-Geografie, die zeigt, wie sich Dada in Windeseile ausbreitete in ganz Europa. Zürich, Berlin, Paris – bis hin zum „konspirativen Betriebsausflug“ nach Tirol. In frischer Alpenluft entstand der „Sängerkrieg in Tirol“. Höchst amüsant liest sich die Einteilung der „Dada-Leader“ – vom Oberdada Johannes Baader bis hin zum Propagandadada George Grosz und Dadasophen Raoul Hausmann. Wer den Band durchblättert, erkennt schnell: bewusste Unlogik, komische Widersprüche, Dilettantismus und Antithese. Dada ist vieles, vor allem schrill. Die verschlungene „Jahrhundertgeschichte“ Dadas versucht Martin Mittelmeier aufzuschlüsseln, indem er Künstler und Intellektuelle und ihre Aktionen in den Mittelpunkt stellt. Und je näher man sich an die unterschiedlichen Biografien heranliest, um so vielschichtiger wird die ganze Bewegung. Mittelmeier geht auch der Frage nach, wie viel Dada heute in Musik, Literatur und bildender Kunst steckt.

Berlinische Galerie versammelt zwei Dada-Nachlässe

Was war denn Dada nun? Lebensstil? Reine Kunst oder politische Agitation? Wahrscheinlich von allem etwas. „Ulk mit Weltanschauung“, so bezeichnete es Schriftsteller Alfred Kerr. „Es ist nur ein Schritt bis zur Politik“, meinte Dada-Mitbegründer Richard Huelsenbeck in Berlin. „Dada ist kein Stil, sondern eine kritische Haltung zur Welt“, findet Ralf Burmeister, Leiter der Künstler-Archive in der Berlinischen Galerie. „Die Kunst war der Impuls, über die Welt nachzudenken. Eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, wo alle bisherigen Werte zerstört wurden. Die Verlässlichkeit war nicht mehr gegeben“, meint Burmeister. „Es war eine Bank-rotterklärung. Man hatte erkannt, dass selbst die Sprache von Goethe und Schiller nicht mehr relevant war.“ Was konnte man als Künstler machen? Wenig Sinnvolles – entschied also das Voltaire-Grüppchen von 1916 und fing an, „sinnlose“ Kunst zu zelebrieren.

Anlaufstelle für Dada in Berlin ist die Berlinische Galerie, die zwei dokumentarische Nachlässe von Hannah Höch, einer der wenigen Frauen im Dada-Zirkel, besitzt und von Raoul Hausmann. Die beiden waren liiert. Als Hausmann emigrierte, ließ er alles in der Stadt zurück, später Entstandenes befindet sich heute in Frankreich. Höch war die Meisterin der Collage, sie gilt als bahnbrechendes Ausdrucksmittel.

Schade nur, dass dieser Wochen lediglich ein winziger Teil des Bestandes ausgestellt ist, darunter die wundervollen Dada-Puppen von Höch und einige Fotos der ersten Berliner Dada-Messe 1920 in den Räumen der Galerie Dr. Otto Burchard. Mies van der Rohe ist gekommen, im grauen Flanellanzug steht er inmitten des Dada-Trüppchens. Collagen und Montagen hängen wild durcheinandergewürfelt an den Wänden, Dix’ „Kriegskrüppel“ ist dabei und von der Decke baumelt Heartfields und Schlichters „Preussischer Erzengel“, eine ausgestopfte Offiziersuniform mit einer grotesken Schweinemaske statt eines Gesichts. Am Bauch trägt sie eine Banderole: „Vom Himmel hoch da komm’ ich her“. Die Jubiläumsschau der Berlinischen Galerie kommt im August – mit „Dada Afrika“. Wie sehr sich die Dadaisten auf außereuropäische Kunst bezogen, das möchte die Schau zeigen. Na ja, getanzt wurde viel bei den Dadaisten, Masken gehörten auch dazu und viele verrückte Kostüme. Die Gralshüter des Dadaismus werden heute jedenfalls feiern.