Mit ihrer neuen Frisur, halblang und links abrasiert, könnte sie keinen Wahlkampf machen. Anna Loos dreht schon ihren nächsten Film, etwas Action-Reiches, mehr mag sie nicht verraten.

Jetzt muss sie aber erst mal über „Die Stadt und die Macht“ sprechen, eine Miniserie, die die ARD ab kommenden Dienstag an drei Tagen hintereinander ausstrahlt: Darin spielt die 45-Jährige eine Anwältin, die eher zufällig zur Kandidatin um das Amt des Regierenden Bürgermeisters wird und Wahlkampf in Berlin macht.

Wir treffen die Schauspielerin gut gelaunt im Kempinski. Wo wir aber erst mal den Tisch wechseln müssen. Weil zwei ältere Damen nebenan ziemlich rechtslastige Sachen tratschen. Auch um dieses Gedankengut geht es in unserem Gespräch.

Berliner Morgenpost: Für Ihre Serie wurden überall in der Stadt große Wahlplakate mit Ihnen aufgestellt. Wie war das, durch die Straßen zu fahren und sich selbst so zu sehen?

Anna Loos: Die haben da echt die Straßen zugepflastert, damit man nicht immer nur dieselbe Ecke dreht. Das ist nur merkwürdig, weil die genau auf den Aufsteller montiert wurden, auf die sonst die echten Wahlplakate hinkommen.

Für mich blieb das ganz fiktiv, das gehört halt zur Figur. Aber meine Band hat das viel stärker wahrgenommen. Die haben mich alle angerufen und gemeint, so ’ne Werbung bräuchten wir mal, wenn wir mit unserem neuen Album „Wutfänger“kommen.

Hatten Sie für die Serie eine bestimmte Persönlichkeit aus der Tagespolitik im Auge, als Sie sich auf die Rolle vorbereitet haben?

Nein. Ich habe mir die Politikerinnen dieses Landes angeschaut, aber keine gefunden, die sich als Vorbild geeignet hätte. Ich hab’ das dann eher gelassen. Es ging uns aber auch explizit nicht um irgendwelche Schlüsselfiguren.

Natürlich kenne ich ein paar Politiker privat und hab die auch ein bisschen ausgefragt. Aber es geht ja in der Serie um den Blick hinter die Kulissen, ich brauchte da eher Insiderwissen über Partei und-Wahlkampfarbeit, keine Anregungen für eine bestimmte Figur.

Anna Loos in „Die Stadt und ihre Macht“
Anna Loos in „Die Stadt und ihre Macht“ © ARD/Frédéric Batier | ARD

Die Parteien heißen CDP und SDU. Eine Verballhornung der echten Parteien. Weil deren Programm sowieso das gleiche ist?

Wir wollten schon zeigen, dass Politiker was bewegen wollen, aber in einer Fleischfabrik sind, in der auch viele Ideale verloren gehen. Das ist ja auch der Grund, warum so viele Wähler politikverdrossen sind. Aber die Parteinamen – das ist kein Statement, das hat einfach, rechtliche Gründe.

Wir haben fiktive Figuren, da darf sich niemand auf den Schlips getreten fühlen. Deshalb kam man auf die Idee, den letzten Buchstaben einfach zu tauschen. Ich fand allerdings, dass die SPD jetzt irgendwie wie eine Nazipartei klingt.

Die Frage kriegen Sie nun wohl ständig zu hören: Könnten Sie sich vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen?

Das werde ich in der Tat jetzt häufiger gefragt. Aber nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Null. Mir tun alle Politiker leid, egal welcher Couleur. Sehen Sie sich doch unser Land an und all die Probleme, die da gerade aufpoppen.

Von Politikern wird ständig erwartet, dass sie Lösungen parat hätten, auf die wir selbst nicht kommen. Das finde ich total vermessen. Ich bin Künstler und als solcher kann ich sagen, was ich will. Es kann mir auch schnurz sein, ob sich jemand bei Facebook darüber aufregt.

Als Politiker geht das nicht, da unterliegt man so vielen Zwängen. Mir wäre das viel zu Wischiwaschi. Ich bin viel zu direkt, ich wäre eine Totalkatastrophe für eine Partei. Ich würde die in kürzester Zeit in Grund und Boden wirtschaften.

Gedreht wurde auch im Roten Rathaus und im Abgeordnetenhaus
Gedreht wurde auch im Roten Rathaus und im Abgeordnetenhaus © ARD/Frédéric Batier | ARD

Sie engagieren sich aber trotzdem. Sie schreiben kritische Liedtexte, sprechen auch unliebsame Wahrheiten aus, kritisieren etwa die Rüstungsindustrie oder die Pegida.

Natürlich tue ich das. Ich gehe auch in Flüchtlingsheime und nehme meine Kinder mit. Das ist auch wichtig, dass man eine Meinung hat und dazu steht. Und sich nicht versteckt, wenn andere dummes Zeug reden. Man ist doch auch immer politisch.

Zuhause haben mich meine Kinder gefragt, was da gerade in Köln war. Und da versuche ich einem 13-Jährigen und einem achtjährigen Mädel zu erklären, was da los war. Die diskutieren das ja auch in der Schule.

Spielen wir trotzdem das Gedankenspiel durch: Wenn Sie die Macht hätten, was würden Sie ändern?

Da ich die Polizistin Helen Dorn spiele, habe ich viel Kontakt zur Polizei. Und die erzählen auch von deren Problemen. Dass überall in den Behörden seit Jahren Stellen abgebaut werden. Und dann wundern sich alle, wenn die den völlig neuen Herausforderungen nicht gewachsen sind.

Rechtsstaatlichkeit ist ein riesiges Thema, das darf man nicht dem rechten Spektrum überlassen. Da bekommen ganz gewöhnliche Bürger Angst. Selbst ich, der ich mich als total liberalen Menschen bezeichnen würde, spüre da gerade eine tiefe Verunsicherung.

Welcher Partei, dürfen wir das fragen, stehen Sie denn nahe?

Das habe ich heute morgen meinen Mann auch gefragt, wen wir denn wählen würden, wenn jetzt Wahlen wären. Ich konnte das nicht beantworten. Das ist eigentlich sehr deprimierend.

In der Serie geht es auch darum, dass erstmals eine Frau das Amt des Regierenden Bürgermeisters übernehmen könnte. Wäre das mal an der Zeit?

Ich würde mir das für Berlin sehr wünschen. Wir hatten mit Klaus Wowereit ja auch schon einen schwulen Bürgermeister, das hat der Stadt sehr gut zu Gesicht gestanden. Der hat auch nicht vor jeder Party Reißaus genommen, der hatte einen Glamourfaktor. Und er hat auch seinen Mund nie gehalten. Ich stand total auf den.

Anna Loos mit Burghart Klaußner, der ihren Gegenkandidaten spielt
Anna Loos mit Burghart Klaußner, der ihren Gegenkandidaten spielt © dpa | Georg Wendt

Würde Politik anders aussehen, wenn mehr Frauen sie gestalten würden?

Einige haben sich ja durchgesetzt, wir haben eine Bundeskanzlerin, viel mehr geht ja nicht. Aber natürlich sind die in Spitzenpositionen rar gesät. Da sind wir dann aber bei der Frauenquote. Und auch wenn mich Alice Schwarzer dafür rügen wird: Ich denke, das ist die falsche Herangehensweise.

Es muss schon immer der genommen werden, der der Beste, der Geeignetste ist. Ob in der Politik, im Vorstand oder in der Schuldirektion. Es muss allerdings mehr dafür getan werden, dass Frauen mehr entlastet werden, um das zu übernehmen.

Frauen haben immer die Doppelbelastung mit der Familie, die haben wir ja auch gern. Aber es muss beides möglich sein, die Kinder und die Arbeit. Und es muss auch aufhören, wenn mein Mann und ich einen Film drehen, dass er am Ende des Tages mehr verdient hat als ich.

Die Gleichstellung der Frau fängt bei der Chancengleichheit an, und da müssen Frauen ganz klar mehr unterstützt werden, damit sie Kinder bekommen und großziehen können, und gleichzeitig im Beruf zeigen können wozu sie fähig sind.

In der Serie sagt Ihr Wahlkampfmanager: „Du bist jetzt eine öffentliche Person. Du gehörst nicht mehr nur dir.“

Ich finde, Politiker werden in Deutschland doch ziemlich in Ruhe gelassen. Das ist – noch! – ein ungeschriebenes Gesetz, und diesen Schutzraum finde ich auch gut. Es ist natürlich immer ein Eiertanz.

Im Wahlkampf musst du auch sympathisch und menschlich rüberkommen, musst also privater werden. Wichtig ist nur, dass man authentisch bleibt. Die Schwächen zeigen, aber die Stärken hervorheben. So werden Politiker täglich gecoacht. Beim Klaus war es ja wirklich so, dass er sich ohne jede Absprache geoutet hat. Sein Wahlberater, der uns auch bei unserer Serie beraten hat, hat mir erzählt, wie geschockt er damals war.

Ich fand das aber total mutig. Das sagt auch ganz viel über Herrn Wowereit aus. Es einfach gleich aussprechen, um sich da nicht in irgendeiner Weise angreifbar zu machen. Ehrlichkeit ist mir sympathisch, und ich persönlich würde meine Stimme immer eher einem ehrlichen Politiker geben.

Anna Loos mit ihrem Mann Jan Josef Liefers bei der Premiere von “Die Stadt und die Macht" in der Astor Filmlounge
Anna Loos mit ihrem Mann Jan Josef Liefers bei der Premiere von “Die Stadt und die Macht" in der Astor Filmlounge © Jörg Krauthöfer

„Du gehörst nicht nur dir“: Ist das etwas, was Sie gut nachvollziehen können, was Sie als Schauspielerin auch kennen?

Auch bei uns ist das gar nicht so schlimm. Natürlich tauche ich mit meinem Mann ab und zu auf einem roten Teppich auf. Aber wir leben glücklicherweise ganz privat. Und leben ja in einer tollen Stadt, wo einen die Leute total in Ruhe lassen.

Das einzige Problem ist, dass unsere Kinder langsam größer werden und die Yellow Press ab und an versucht, auch über sie zu schreiben. Da sind wir aber ganz rigoros.

Wir sind Personen des öffentlichen Lebens, das haben wir uns auch so ausgesucht. Aber unsere Kinder haben nichts in der Zeitung zu suchen, nur weil sie unsere Kinder sind. Manche haben das schon gelernt. Andere brauchen vielleicht noch fünf Unterlassungserklärungen.

Sie spielen schon in zwei Serien. Wird jetzt auch „Die Stadt und die Macht“ in Serie gehen? Staffel zwei mit Ihnen als Bürgermeisterin?

Nein. Wir haben bewusst das Format der Minireihe gewählt, um mehr Erzählzeit zu haben. Aber wir haben uns nicht vorgenommen, dass es eine Fortsetzung gibt. Auch wenn der Sender das wünschen sollte.

Ich habe mit „Weissensee“ schon eine Serie und mit „Helen Dorn“ eine feste Reihe, ich muss mir da nicht noch eine dritte ans Bein binden. Und ich mag es nicht, wenn Sender immer nur auf einen Quotenerfolg setzen.

Geschichten dürfen auch mal abgeschlossen sein. Man muss auch nicht immer alles auserzählen und auspressen. Netflix hat unsere Miniserie noch vor der Ausstrahlung gekauft, das ist ein toller Ritterschlag.

„Die Stadt und die Macht“ ARD, 12., 13. und 14. Januar 2016, je 20.15 Uhr