Wenn das Jahr 2015 etwas gelehrt hat, dann zum Beispiel dies: Neben vielen anderen Medien steckt auch das Fernsehen in Deutschland in der Krise. Zwar stagniert der Wert der durchschnittlich pro Tag gesehenen Minuten auf einem relativ hohen Niveau – nämlich bei ungefähr 220 Minuten.
Aber das Bemühen der Sender, diese Zahl durch Zugriff auf die junge Zielgruppe zu festigen oder gar zu steigern, kann als gescheitert gelten. Die enttäuschenden Quoten für Großproduktionen wie die RTL-Serie „Deutschland 83“ oder den Sat.1-Film „Berlin Mordkommission 1“, beide mit prominenten Schauspielern besetzt, liebevoll ausgestattet und spannend erzählt, verheißen auch den privaten Sendern eine schwierige Zukunft.
Aber für wen senden sie denn eigentlich? Das Weihnachtsprogramm der Fernsehsender gibt auch Auskunft darüber, wie man sich bei ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und anderswo das Publikum so vorstellt. Wie alt ist es ungefähr? Welche Interessen hat es, womit lässt es sich unterhalten, was mag es gar nicht? Wir versuchen zusammenzufassen.
Das Erste: Der abwesende Zuschauer
Das ARD-Programm am Heiligen Abend verzichtet auf jedes Risiko und scheint sich damit abgefunden zu haben, sowieso nur ein minimales Publikum zu erreichen. Der Heimatfilm „Der Meineidbauer“ (20.15 Uhr), eine deutsch-österreichische Koproduktion von 2012, ist eine Wiederholung.
Die Geschichte beruht auf einem Volksstück des österreichische Schriftstellers Ludwig Anzengruber, das 1871 uraufgeführt wurde und in dem es um Erbschleicherei und späte Rache geht. Auch die darauffolgende Sendung wurde bereits ausgestrahlt: Pfarrer Braun alias Ottfried Fischer darf noch einmal in einem Mordfall ermitteln (21.45 Uhr).
Auch an den beiden Feiertagen sieht es nicht viel besser aus. Die Komödie „Weihnachts-Männer“ (25.12., 20.15) mit Heiner Lauterbach, Oliver Korittke und Wolfgang Stumph handelt von einer „berüchtigten Weihnachtsmann-Bande“ und verspricht Unterhaltung im mittleren Durchschnittsniveau.
Und wo wir gerade von Durchschnitt sprechen: Auch der Kölner „Tatort“ mit dem Titel „Benutzt“ (26.12., 20.15 Uhr) glänzt durch gut gepflegte Langeweile, gegen die auch Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär nicht anzuspielen vermögen. Allenfalls von den beiden neuen Wallander-Folgen mit Kenneth Branagh in der Titelrolle (25. und 26.12., jeweils 21.45 Uhr) darf man sich so etwas wie Spannung versprechen.
ZDF: Die Traumschiff- und Schunkelfraktion
Das ZDF versucht einmal mehr, auf seichtem Niveau in der Alterskohorte der Ruheständler zu punkten. Wer meint, darunter befänden sich inzwischen auch ehemalige Punks oder Besucher des Woodstock-Festivals, hat einen anderen Blick auf die Gesellschaft als die Mainzer Programmplaner.
Kompromisslos wird dort am Heiligen Abend unter tätiger Mitwirkung Andy Borgs, der Kelly-Family und des Deutschen Fernsehballetts das Hohelied der heilen Welt gesungen – bei „Heiligabend mit Carmen Nebel“ (24.12., 20.15 Uhr). Die einen Tag später anstehende „Helene Fischer-Show“ (25.12., 20.15 Uhr) spielt im selben ästhetischen Universum – auch bezeugt dadurch, dass uns hier erneut der Populärfiedler David Garrett beglücken wird.

Helene Fischer hatte bereits pünktlich zur Adventszeit ihr Album „Weihnachten“ vorgelegt, das sie mit dem Royal Philharmonic Orchestra in London eingespielt hatte. Das festliche Doppelalbum rangiert vorn in den CD-Charts. Die TV-Weihnachtsshow wurde bereits Ende November im Berliner Velodrom aufgezeichnet.
Mit dabei sind ein Dutzend mitsingender Berliner Schüler, Andrea Bocelli, The Boss Hoss, Pur, Lena Meyer-Landrut oder Andreas Gabalier. Dergestalt übersättigt, kann man sich noch am 2. Feiertag mit dem „Traumschiff“ endgültig die Kante geben, diesmal geht es auf mit viel Herzschmerzschmalz nach Macau (20.15 Uhr).
RTL: Märchen und Zeichentrick für hyperaktive Kinder
Heiligabend mit jungen Kindern oder Jugendlichen mündet häufig in einem Ausbruch ungezügelter Energie, die dann dem geplanten Essen in gemütlicher Runde im Wege steht. Nun ist es sicher pädagogisch zweifelhaft, den Fernseher in solchen Fällen zur Ruhigstellung zu nutzen. Also wollen wir es positiv formulieren: Die Animationsfilme „Ich – einfach unverbesserlich“ (24. 12., 20.15 Uhr) und seine Fortsetzung (25.12., 20.15 Uhr) sind liebevoll gestaltete, anspielungsreiche Animationsfilme, an denen auch Erwachsene ihre Freude haben dürften.

RTL adressiert die junge Zielgruppe ohnehin so konsequent wie kein anderer Sender: Am zweiten Weihnachtsfeiertag steht mit dem Neandertaler-Märchen „Die Croods“ der dritte Animationsfilm in Folge auf dem Programm. Hinzu kommen zu späteren und früheren Sendezeiten noch der Klassiker „Ice Age“ (25.12, 22.05 Uhr) und der ebenfalls nicht ganz unlustige Waldgeist-Film „Der Lorax“ (26.12., 15.10 Uhr).
Sat.1: Exkursionen ins Fantasyreich
Auch Sat.1 setzt auf den Eskapismus der Heranwachsenden und die Älteren, die ihn sich bewahrt haben. Dabei werden im Wesentlichen surreale Fantasiewelten aktiviert, etwa am ersten Feiertag das Tolkien-Reich der Zwerge und Orks: „Der Hobbit: Smaugs Einöde“ mit Martin Freeman als Bilbo Beutlin (25.12., 20.15 Uhr), der von der Kritik verhalten gelobt wurde.

Auch der altbekannte „Fluch der Karibik“ mit Johnny Depp und Keira Knightley fällt gewissermaßen in diese Kategorie (26.12., 20.15 Uhr). Und der Film an Heiligabend dürfte nach einem im Internet inzwischen gängigen Algorithmus ausgewählt worden sein: Wenn Ihnen „Der Fluch der Karibik gefällt, dann mögen Sie auch „Kevin – Allein zu Haus“ (24.12., 20.15 Uhr).
Andere setzen auf Blockbuster, Familiensagen und Klassiker
Pro7 setzt auf die Blockbuster „The Amazing Spider-Man“ (24.12., 20.15 Uhr), „Men in Black 3“ (25.12., 20.15 Uhr) und „Pacific Rim“ (26.12., 20.15 Uhr). Auf 3Sat kann, wer das möchte, noch einmal die dreiteilige Familiensaga „Das Adlon“ verfolgen (tgl. ab 25.12., 20.15 Uhr).
Eine persönliche Empfehlung des Fernsehkritikers sei an den Schluss gestellt: Er wird sich nur einen Film ansehen, nämlich den Miss-Marple-Klassiker „16.50 Uhr ab Paddington“ (Kabel 1, 24.12., 16.50 Uhr) – und danach den Fernseher für ein paar Tage abschalten.





