Trickfilm

"Peanuts" im Kino - Lasst die Luft aus den Ballonköpfen

Runder, bauchiger, niedlicher: Jetzt kommen auch „Die Peanuts“ in 3D ins Kino. Ein Plädoyer für mehr Flachsinn im Trickfilm.

Alte Lieblinge in neuer Optik: Charlie Brown bringt dem rothaarigen Mädchen ein Blümchen. Snoopy begleitet ihn als moralische Stütze

Alte Lieblinge in neuer Optik: Charlie Brown bringt dem rothaarigen Mädchen ein Blümchen. Snoopy begleitet ihn als moralische Stütze

Foto: © 2015 Twentieth Century Fox

Ein Ungeist geht um im Trickfilmbereich. Es ist die Computeranimation. Die totale Gleichmacherei. Sie macht alles tiefer, runder, niedlicher. Und sie schaltet sogar diejenigen gleich, die wir noch aus dem guten alten Zeichentrickfilm kannten, als alles von Hand gepinselt war und zwei Dimensionen völlig ausreichten.

Asterix hat es schon erwischt, die Schlümpfe und die Biene Maja. Und jetzt sind auch Charlie Brown, Snoopy & Co. an der Reihe. Ab diesem Mittwoch, also einen Tag vor den regulären Kinoneustarts, läuft „Die Peanuts – Der Film“ an. Selbstredend in 3-D.

Meisterschaft im Minimalismus

Da sträuben sich dem Fan die Haare. Und man wüsste schon, wie das bei Charles M. Schultz, dem seligen Erfinder der legendärsten aller Comicstrip-Reihen, ausgesehen hätte. Ein paar Linien steil nach oben, mehr nicht. Schultz war ein Meister des Minimalismus, der absoluten Reduktion. Ein paar simple Federstriche sagten alles.

Etwa die komische Kräusellinie auf der Stirn von Charlie Brown, ein einziges, krauses Haar, das seine von Skeptizismus und Selbstzweifeln geprägte, geplagte Seele komprimiert auf den Punkt brachte. Und in scharfem Kontrast stand zu den dicken, dynamischen Zacken auf seinem Shirt.

Vorbei. Die Peanuts sind nun ebenfalls gerendert, also tiefendimensional. Und sehen aus wie alle Trickstars nach dem Computer-Lifting. Ballonartige Köpfe bis kurz vorm Platzen, als hätte man sie mit einer Luftpumpe aufgeblasen. Auch das eine Haar auf Charlies Stirn bohrt sich dem Zuschauer nun effekthascherisch entgegen.

Immerhin träumen die Peanuts noch zweidimensional und diese Wunschvorstellungen werden auch im neuen Film noch in alter Optik gezeigt. Da muss man einfach nostalgisch, ach was: wehmütig werden. Wir plädieren an dieser Stelle unbedingt für mehr Flachsinn im Trickfilmbereich. Lasst die Luft raus aus den Ballonköpfen!

Der Geist von Charles M. Schultz bleibt im Film erhalten

Tiefsinn gibt es doch auch auf andere Art. Gerade bei Charles M. Schultz. Seine kindlichen Helden, die er 1965 erfunden hat, und vor allem seine Bildersprache haben uns zwar schon als Dreikäsehoch fasziniert. Aber mal ehrlich: Wenn Lucy an ihrem berühmten Psychiaterstand küchenpsychologische Hilfe für fünf Cent anbietet, waren wir damals intellektuell doch mehr als überfordert.

„Die Peanuts“ waren immer Comicstrips für Erwachsene, die man stets zweimal entdeckt hat: erst als Steppke. Und dann noch mal erst richtig als Erwachsener. Als Schultz im Jahr 200o verschied, hat er verfügt, dass die „Peanuts“ nach seinem Tod nicht weitergezeichnet werden dürfen. Es erschienen dennoch weitere Strips. Und nun eben auch ein neuer Film.

Immerhin: Ein Schicksal bleibt den beliebten Figuren erspart. Die eigentlich unabdingbaren Kulleraugen. Irgendein Binärcode muss da mit Manga-Algorithmen kollidiert sein, jedenfalls wird der neue Niedlichkeitsdrang und -zwang dieser Tage unweigerlich mit Kulleraugen assoziiert, als ob den armen Figuren jeden Moment die Sehorgane übertreten. Nicht so die Peanuts: Sie haben nach wie vor ihre Punkt- und Komma-Augen.

Und sie dürfen auch weiterhin ihren alten Leidenschaften frönen. Schroeder klimpert nach wie vor Beethoven auf seinem Klavier, anstatt nur passiv Rapmusik auf dem I-Pod zu hören. Linus kuschelt immer noch mit seiner Schmusedecke, statt Videogames zu spielen. Und die Kinder spielen immer noch draußen, statt drinnen vor der Konsole. Bei der Neuerfindung der Peanuts blieb es Gott sei Dank bei Äußerlichkeiten.

Es bleibt in der Familie

Das ist wohl auch den Machern zu verdanken. „Die Peanuts“, immerhin der erste Charlie-Brown-Film seit 35 Jahren, ist zwar von Steve Martino inszeniert, der mit „Ice Age 4“ und „Horton hört ein Hu!“ eher Computeranimation von der Stange liefert.

Zu den Drehbuchautoren aber zählen neben Cornelius Uliano noch Craig Schultz und Bryan Schultz, ihres Zeichens Sohn und Enkel des genialischen Erfinder Charles M. Schultz. Es bleibt also in der Familie.

Charlie Brown, der Liebling der Saison

„Peanuts“ handelt einmal mehr von dem neben Donald Duck beliebtesten Loser der Welt. Und seiner ewig unerfüllten Liebe zu dem Mädchen mit den roten Haaren. Die zieht in diesem Film überhaupt erst in die Stadt und direkt ins Haus gegenüber. So kann Charlie Brown dem Objekt seiner Begierde regelrecht ins Fenster gucken (zumindest mit Fernglas).

Und will, mit Handbuch bewaffnet, alles tun, um endlich, ein erfolgreicher, ein beliebter Mensch zu werden, nur um ihr aufzufallen. Das geht sogar für einen kurzen Moment auf. Hier bricht der 3-D-Film dann doch mit aller Tradition, Charlie Brown wird kurz zum Liebling der Saison.

Alle tragen sie plötzlich gelbe Zacken-Shirts, alle haben Charlie-Brown-Ballons, alle trinken aus gelben Charlie-Brown-Tassen. Da macht sich der Film auch mal frech über die Merchandisingstrategien seiner Industrie lustig. Aber natürlich hält sein Hochgefühl nicht lange an und weicht einem umso tieferen Fall. Schließlich ist Charlie Brown der Identifikations-Loser.

Die anderen Figuren, die zickige Lucy, die lispelnde Peppermint Patty und Linus mit der Schmusedecke, sie alle geraten darüber ein wenig zu Nebenfiguren. Um das Ganze mit Action anzureichern, darf Beagle Snoopy dafür auf seiner Hundehütte wieder zum Erster-Weltkriegs-Piloten werden und Jagd auf den Roten Baron machen. Dass er dabei, als Äquivalent zum rothaarigen Mädchen, einer Pudeldame mit rosa Puscheln begegnet, ist eine der überflüssigeren Ideen des Films.

Gleichwohl: Das Schicksal von den Schlümpfen und der Biene Maja bleibt den Peanuts weitgehend erspart. Sie sind unkaputtbar, sie sind nicht auf Teufel komm raus kindgerecht verniedlichbar.

Und so bleibt auch dem erwachsenen Zuschauer immer noch genug Restspaß. Auch wenn man sich an die überrunden Figuren und den unnötigen 3D-Effekten wirklich nur schwer gewöhnen kann. Aber zur Not gibt es ja immer noch die alten Strips.