„Kein Rotwein auf meinem Boot!“ Das sind so Sätze, von denen man weiß, dass sie, einmal ausgesprochen in einem Film, natürlich gebrochen werden. In diesem Fall ist es ausgerechnet der eigene Ex, der mit seinem Charme die neue Freundin des Vaters becirct. Also wird der Rotwein an Bord gebracht.

Und natürlich gibt es einen stürmischen Wellengang. Natürlich gehen Gläser zu Bruch und das dunkle Nass kippt auf das teure Holz. Aufwischen darf das alles dann die Tochter. Und beim Auswringen des Mops schneidet sie sich auch noch die Hände blutig. Weil sich Glasscherben darin verfangen haben.

Biopic über eine Selfmade-Woman

Ein tief verzweifelter Moment. Und doch auch der Beginn von etwas Neuem. Denn die junge Frau wird sich ärgern. Wird sich ihrer Bastlerleidenschaft aus der Kindheit erinnern. Und einen eigenen Wischmopp kreieren. Einen, bei dem man sich nicht verletzen kann. Einen, der sich mechanisch selbst auswringen lässt. Eine kühne Idee, aus der sich ein Geschäft machen lässt. Die klassisch amerikanische Erfolgsgeschichte. Vom Tellerwäscher zum Millionär.

Das Ganze ist wirklich passiert. Es ist die Geschichte von Joy Mangano, die in den neunziger Jahren mit ihrem „Miracle Mop“ zur Teleshopping-Queen und nationalen Berühmtheit wurde. Und die noch heute ein eigenes Unternehmen, Ingenious Designs, leitet.

Dauerfilmpartner: „Joy“ ist der vierte Film mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper
Dauerfilmpartner: „Joy“ ist der vierte Film mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper© BM | 20th Century Fox

Nun gibt es ihre Geschichte auch als Biopic: „Joy – Alles außer gewöhnlich“. Filmbiographien, sie waren bisher Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Sport oder Politik vorbehalten. Hausfrauen aus dem Werbefernsehen waren bislang noch nicht darunter. Unter den Koproduzenten des Film: Joy Mangano selbst. Nach ihren Produkten wirbt sie nun für sich selbst.

Und doch ist ein großartiger Film daraus geworden. Und das ist der Verdienst von Regisseur David O’Russell. Der hat es nicht nur bei diesem Einzelschicksal belassen, er hat sich auch von anderen Selfmade-Women inspirieren lassen und daraus einen allgemeingültigen Typus entwickelt.

Das weibliche Pendant zum Boxerfilm „The Fighter“

Einmal mehr hat O’Russell dabei mit seiner Dauer-Muse Jennifer Lawrence und deren Dauer-Filmpartner Bradley Cooper gearbeitet. Wie schon in „Silver Linings“ und „American Hustle“. Einmal mehr erzählt O’Russell seine Lieblingsgeschichte: von Menschen, die ganz tief gestürzt sind und sich doch wieder aufrappeln.

Wie die psychisch lädierten Helden in „Silver Linings“. Oder der Boxer Dicky Eklund in „The Fighter“. Ja, „Joy“ ist gewissermaßen das Spiegelbild zu jenem Boxerdrama, das ja auch schon ein Biopic aus dem White Trash war. Eine Frau boxt sich nach oben.

Weltflucht Soapopera: Die Mutter (Virginia Madsen), die Tochter (J. Lawrence) und die Oma (Diane Ladd, v.l.)
Weltflucht Soapopera: Die Mutter (Virginia Madsen), die Tochter (J. Lawrence) und die Oma (Diane Ladd, v.l.) © BM | 20th Century Fox

Jennifer Lawrence, die sich eben noch als Katness Everdeen in „Die Tribute von Panem“ mit einem ganzen Imperium angelegt hat, ist hier ein kleines, glückloses Mädchen, das mühsam seine Familie zusammenhalten muss. Erst mal klingt ihr Vorname wie Hohn: Eine Freude ist Joys Leben nicht.

Da ist die depressive Mutter, die nach der Scheidung nur in ihrem Bett liegt und Seifenopern im Fernsehen glotzt. Die plärrenden Kinder. Der Ex-Mann, der weiter bei ihr im Keller wohnt. Und schließlich auch der Vater, den die Halbschwester nicht mehr erträgt und auch noch bei ihr einquartiert. Der darf sich dann den Keller mit dem Ex teilen. Eine Patchwork-Familie. Und White Trash pur.

Trash-Sippschaft voller Stars

Das sind urtraurige Zustände. Und nur deshalb so komisch, weil eine stattliche Zahl von Stars diese Familie verkörpert. De Niro (auch schon bei „Silver Linings“ dabei), der den stets Ärger suchenden Vater spielt, Isabella Rossellini als seine neueste Flamme (die mit dem Boot), Edgar Ramirez als Ex.

Und, als Großmutter, Off-Erzählerin und Identifikationsfigur mit dabei: Diane Ladd, die vor 31 Jahren die Titelrolle in Scorseses frühem Emanzipationsdrama „Alice lebt hier nicht mehr“ spielte und hier zur großen Verheißung ihrer Enkelin Joy wird. Mit ihrem ewigen Mantra, nur immer selbst an sich zu glauben.

Die Halbschwester, der Vater (Robert De Niro) und seine neue Flamme (Isabella Rossellini)
Die Halbschwester, der Vater (Robert De Niro) und seine neue Flamme (Isabella Rossellini) © BM | 20th Century Fox

Eine gute Stunde dauert es, bis es zu der Szene mit dem Rotwein kommt. O’Russell lässt sich immer ein bisschen mehr Zeit mit seinen Expositionen als Hollywood. Eine gute Stunde, bis schließlich sein zweiter Dauerstar Bradley Cooper auftritt, als berechnender TV-Mogul, der bislang mit Promis im Werbekanal gearbeitet hat und nun in dieser einfachen, unbeholfenen Hausfrau vor der Kamera ein neues, großes Geschäft widmet.

Bis es dazu kommt, ist Jennifer Lawrence schon oft verzweifelt. Hat sogar einen Satz gesagt, der den amerikanischen Traum nicht nur widerlegt, sondern geradezu exorziert: „Die Welt gibt dir keine Möglichkeiten, sie nimmt dir deine Möglichkeiten.“

Nach einer Stunde wird der Film ein ganz anderer

Fast hat sie sich der Weltflucht ihrer Mutter angeschlossen, wenn sie sich mit auf deren Bett legt und auch die Fernseh-Soaps mit den starken Frauen glotzt. Bis sie, so viel Ironie muss schon sein, eben durchs Fernsehen selber zum Star wird. Der amerikanische Traum, reloaded.

Das ist der Moment, wo gewöhnliche Tellerwäscherkarrieren auserzählt sind. Aber auch das gehört zu O’Russells Stärken, dass sein Film hier erst richtig losgeht. Oder vielmehr ein ganz anderer wird.

Rückschläge: Männer wollen Joy ausbooten und ihr Patent übernehmen
Rückschläge: Männer wollen Joy ausbooten und ihr Patent übernehmen © BM | 20th Century Fox

Denn er zeigt, wie es nach diesem ersten Erfolg immer wieder zu herben Rückschlägen und Beinahe-Konkurs kommt. Wie die junge Frau immer wieder – und natürlich von Männern – ausgebootet wird. Wie, um im Bild zu bleiben, die Welt immer weiter Möglichkeiten nimmt. Wie aber diese junge, zierliche Person daran immer mehr erstarkt.

Damit ist „Joy“ genau der richtige Film zum Jahresausklang. Für all die guten Vorsätze fürs neue Jahr: Pack es an. Verwirkliche dich. Glaub an dich selbst. Eine starke Frauenfigur. Und eine außergewöhnliche Mutmacher-Geschichte. Die veranschaulicht, dass es keine Quote braucht, wenn eine Frau sich nur traut, ihren Weg zu gehen. Man muss sich nur am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen. Oder, wie der eigene Wischmopp, selber auswringen.