Philharmonie

"Pelléas et Mélisande" - Unter Sir Simon Rattle ganz anders

Debussys Oper wird halbszenisch in der Berliner Philharmonie aufgeführt. Der Dirigent versammelt dafür Weltklasse-Interpreten um sich.

Beleuchtet: Magdalena Kožená als leidende  Mélisande, die getrieben ist. Peter Sellars hat das Konzept für den Abend entworfen

Beleuchtet: Magdalena Kožená als leidende Mélisande, die getrieben ist. Peter Sellars hat das Konzept für den Abend entworfen

Foto: Monika Rittershaus

Was für ein Debussy-Abend in der Philharmonie: geprägt von tiefer Trauer und Schicksalsschwere, überzogen von einer undurchdringlichen Schicht Dunkelheit. Debussys dreistündige Oper „Pelléas et Mélisande“ klingt unter Sir Simon Rattle ganz anders, als man es sonst gewohnt ist. Es ist ein rigoros expressives Nachtstück geworden, vom Dirigenten gründlich durchforscht und ebenso gründlich aufgeraut. Die Philharmoniker erzeugen streng kontrollierte Farbwechsel.

Das Orchester steht diesmal im Vordergrund

Debussys einzige vollendete Oper gilt als berühmter Gegenentwurf zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Hier wie dort gibt es eine unheilvolle Dreiecksbeziehung mit zwei Männern, die dieselbe Frau begehren. Und hier wie dort endet es mit dem Tod des wahrhaften Liebespaares. Doch Debussy, in jungen Jahren immerhin ein glühender Wagner-Verehrer, distanziert sich in seiner eigenen Oper klar vom musikalischen Gesamtkunstwerk Wagners. Er sucht eine Musik, die dort beginnt, wo die Ausdrucksfähigkeit der Sprache aufhört.

Eine leichtgewandete Musik, die nicht die Dichtkunst des Belgiers Maurice Maeterlincks übertönt, sondern hilfreich ergänzen möchte. 1902, nach fast zehnjähriger Schaffenszeit, hatte er diese Musik gefunden. Und bereits in den ersten Takten des Vorspiels wird der Unterschied zwischen Debussy und Wagner eklatant deutlich: Beim Franzosen gibt es kein Vorwärtsdrängen.

Es herrscht ruhige Gelassenheit, mit Melodien, die um sich selbst kreisen. Wagner dagegen steht unter permanentem Dampf, schafft vom ersten Moment an eine Dramatik, die sich steigert.

Dass nun Rattle ausgerechnet an „Pelléas et Mélisande“ zeigen möchte, dass Debussy und Wagner doch gar nicht so weit voneinander entfernt sind, mag zunächst überraschen. Es passt aber dazu, dass sich Rattle während seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit „Pelléas et Mélisande“ auch intensiv mit Wagners Opern beschäftigt hat – so etwas kann abfärben.

Das Orchester steht bei Rattle im Vordergrund, die Sänger fügen sich ein. Passend zum düsteren Grundton des Abends sind die Stimmen der beiden Hauptpersonen gewählt: Mit Christian Gerhaher und Rattles Ehefrau Magdalena Kožená stehen den Philharmonikern ein Bariton und ein Mezzosopran zur Seite – anstelle der ebenfalls möglichen Besetzung Tenor und Sopran.

Koženás Mélisande wirkt vom Schicksal arg gezeichnet. Sie ist eine Leidensfigur, deren Leiden bereits vor der eigentlichen Handlung begonnen hat. Keine Spur von Jugend und Unschuld liegt in Koženás Stimme. Ihre Mélisande ist eine Getriebene, aufgerieben zwischen ehrlicher Liebe und aggressivem Begehren von gleich vier Seiten: zu den Halbbrüdern Golaud und Pelléas gesellen sich auch die Schwiegermutter Geneviève und der dauergebrechliche König Arkel, der sich nichtsdestotrotz lüstern an seiner Schwiegerenkelin zu schaffen macht.

Regisseur Peter Sellars, der amtierende Artist in Residence der Philharmoniker während der laufenden Saison, erklärt diese Mélisande in höchsten physischen und psychischen Nöten zum Zentrum seines halbszenischen Konzepts. Ein Konzept, das seine Figuren einerseits wie auf einem Schachbrett verschiebt, durch die Gänge des Zuschauerraums schleichen, rennen und kriechen lässt und dadurch große Distanzen und Räumlichkeiten erfahrbar macht.

Leuchtstäbe definieren Räume und Engen

Intimität geht beim Engländer Sellars immer mit Körperkontakt einher. Umarmungen von unterschiedlicher Intensität, ausgedehnte Streicheleinheiten bis hin zum manischen Zausen von Mélisandes langen Haaren, dem Zerdrücken ihrer Hände: die Grenzen zwischen Liebe und Gewaltausübung, zwischen Zuneigung und Missbrauch sind bei Sellars beunruhigend fließend. Vor und hinter dem Orchester ragen verschiedenfarbige Leuchtstäbe in die Höhe. Sie markieren Grenzen, definieren Räume und Engen. Sie dienen aber nicht zuletzt auch als Lichtquellen im ansonsten ziemlich dunklen Saal.

Ob es nun an dieser Dunkelheit liegt, dass rund ein Fünftel des Publikums nach dem dritten Akt die Flucht ergreift? Oder eher an der immensen Länge des Abends? Wie auch immer – am Orchester und an den Sängern wird es kaum gelegen haben. Simon Rattle versammelt Weltklasse-Interpreten um sich, die er seit Jahren kennt und schätzt. Sänger wie den warm timbrierten Bariton Christian Gerhaher, der mit berückend feinen Zwischentönen aufwarten kann. Man merkt, dass
Gerhaher seine Karriere als Kammermusiker begonnen hat. Und das macht ihn so attraktiv für den Dirigenten Rattle, für den das Kollektiv an diesem Abend alles ist. Die größte sängerische Bandbreite zeigt wohl Bassbariton Gerald Finley als Golaud.

Und die Philharmoniker? Sie ermöglichen Rattle einen musikalisch äußerst konsequenten Abend. Seit der Engländer seinen Weggang aus Berlin verkündet hat, scheint es immer öfter wieder vorzukommen, dass sie ohne Wenn und Aber mit Rattle am gemeinsamen Strang ziehen. Schließlich gilt es, die verbleibende Zeit zu nutzen, um Bleibendes für die Nachwelt zu schaffen. Nicht zuletzt deswegen laufen an diesem Abend die Mikrofone mit – und zeichnen einen Debussy auf, wie man ihn düsterer und Wagner-näher noch nicht gehört hat.

Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1. Nächste Termine: 19. /20.12., ausverkauft. Podiumsplätze an der Abendkasse.