Schon wieder ein Buch über die Manns? Ist nicht längst alles über diese illustre Sippe, die manche schon zu „unseren Royals“ deklarierten, gesagt? „Was für eine sonderbare Familie sind wir!“, staunte Klaus Mann bereits 1936 in seinem Tagebuch: „Man wird später Bücher über uns – nicht nur über einzelne von uns – schreiben!“

Er ging gleich mit bestem Beispiel voran und blieb nicht der einzige. Fast alle von Thomas Manns sechs Kindern strampelten sich öffentlich an der Familie ab. Die Mutter Katia Mann postulierte zwar: „In dieser Familie muss es einen Menschen geben, der nicht schreibt“, aber selbst von ihr erschienen dann „Meine ungeschriebenen Memoiren“.

Warum noch ein Buch?

Und dann erst die Forschung. 1991 erschien mit Marianne Krülls „Im Netz des Zauberers“ eine erste Aufarbeitung der Familie, in welcher der Patriarch als großer Unterdrücker gezeichnet wurde. Dann kam Heinrich Breloers Dokudrama „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“, das das komplizierte Familiengeflecht mit breitest möglicher Wirkung vor der TV-Nation aufblätterte und zu dem, selbstredend, ein Begleitbuch erschien.

Und erst im Mai dieses Jahres erschien Manfred Flügges „Das Jahrhundert der Manns“, das in der Familienhistorie die große geistige und politische Geschichte widerspiegelt. Warum also noch ein Buch?

Eine kleine Räuberpistole

Tilmann Lahme, der bereits mit einer Golo-Mann-Biografie von sich reden machte, hat für sein neues Buch „Die Manns. Geschichte einer Familie“ eine so einfache wie verblüffende Struktur gewählt: Indem er alle acht Biografien, die der Eltern und der Kinder, gleichzeitig erzählt. Wobei man zu einer merkwürdigen Erkenntnis kommt: dass die „Amazing Family“, wie sie sich selber nannte, oder „dieser sonderbare Clan“, wie „Die Zeit“ einmal schrieb, weniger mit- als vielmehr nebeneinander gelebt hat.

Als Lahme schon an seinem Buch saß, fiel ihm dabei ein Zufallsfund in den Schoß, was er eine „kleine Räuberpistole“ nennt, aber nichts weniger als eine Sensation war: Ausgerechnet im Thomas-Mann-Archiv in Zürich, der ersten Anlaufstelle für jede Beschäftigung mit dem Nobelpreisträger, stieß Lahme auf 40 Kisten aus dem Nachlass der Mann-Witwe Katia. Jahrzehntelang müssen die dort herumgestanden haben, ohne dass das Archiv sie ausgewertet oder auch nur geöffnet hat. Das kann man nur Dilettantismus nennen.

Sensationsfund: 3000 Briefe in 40 ungeöffneten Kisten

Die späte Hebung des Schatzes ist ein Glücksfall für die Forschung. Denn die Kisten enthielten rund 3000 Briefe, darunter 250 aus dem engeren Familienkreis. Die Chronik der Manns muss nun zwar nicht umgeschrieben werden, die vertraulichen Briefe ermöglichen aber eine faszinierende Intro­spektion in diesen Clan.

Mitte nächsten Jahres wird eine Auswahl dieser Briefe im S. Fischer Verlag erscheinen, herausgegeben vom Entdecker Lahme sowie von Holger Pils und Kerstin Klein vom anderen Thomas-Mann-Zentrum in Lübeck. Einen ersten Vorgeschmack liefert nun bereits Lahmes Familienchronik im selben Verlag, die vor allem eines zeigt: Alle Manns hatten einen Knacks weg.

Der Kontakt bleibt der Mutter überlassen

Das Buch beginnt, ähnlich wie Breloers Dokudrama, 1922. Einfach, weil zu dieser Zeit die ältesten Kinder, Klaus und Erika, flügge werden und so überhaupt erst eine Familienkorrespondenz einsetzt. Im Gegensatz etwa zu Breloer bleibt der Onkel Heinrich Mann hier eine Nebenfigur – und der Papa Thomas Mann eigentlich auch.

Der verfolgt zwar seinen strikten Schreiballtag, zwei Seiten Buch am Tag und Briefe an hohe Persönlichkeiten. Die Familienkorrespondenz überlässt er aber Katia. So stöhnen zwar alle über und leiden unter dem Vater, aber immer über den Umweg der Mama.

Wirre politische Äußerungen Thomas Manns

Am meisten ist schon über Erika und Klaus Mann geschrieben worden. Die sich als „Mann Twins“ toll gebärdeten und früh emanzipierten. Die politisch viel klarsichtiger waren als der Vater und ihn förmlich ins Exil zwangen. Dass der dann zum Repräsentanten des anderen Deutschland wurde, hat schwer an ihnen genagt und vor allem Klaus Mann früh in diverse Süchte und Selbstmordversuche getrieben.

Auch Golo Mann, später ein angesehener Historiker, hat sich oft für die wirren politischen Äußerungen seines Vaters geschämt. Sein Grab liegt in Zürich auf demselben Friedhof wie das der Familie, aber so weit entfernt wie möglich.

Nutzlose Monika, jähzorniger Michael

Am spannendsten sind aber die Einsichten über Monika und Michael Mann, die unbekanntesten und ungeliebtesten der Kinder. Immer wieder ist in den Familienbriefen vom „Problem Moni“ zu lesen, von diesem faulen Mädchen, das zu nichts zu gebrauchen ist. „Die Ziervasen der Urgroßmutter können nicht nutzloser gewesen sein als diese, meine Schwester“, schrieb Erika einmal.

Michael, der jüngste, neigt zu Gewaltausbrüchen, lässt sich Zeit mit seiner Ausbildung zum Musiker und bettelt seine Mutter in all seinen Briefen ungeniert aufs Neue an. Interessant dürfte insbesondere sein, wie er mit der Schwester Yehudi Menuhins auf Konzertreisen ging, bis er diese tätlich angriff und seiner Musikkarriere damit selbst ein Ende setzte.

Intrigante Elisabeth

Aber auch Elisabeth, die zweitjüngste Tochter, das erklärte Lieblingskind Thomas Manns, erscheint hier in einem etwas anderen Licht. Bei Heinrich Breloers Dokudrama war sie die letzte Überlebende und zeichnete ein sehr viel milderes Bild von ihrem Vater, als es etwa Golo und Monika Mann in ihren letzten Fernsehinterviews getan hatten.

Dass auch sie kein Engel war, belegt Lahme, der das Leben der Kinder bis zu deren Tod weiterzeichnet: Elisabeth lieferte sich mit Golo Mann einen hässlichen Streit um das Erbe von Monika. Und sie erpresste Breloer, als „Kronzeugin“ seines TV-Projekts auszusteigen, sollte die Adoptivfamilie von Golo Mann zu Wort kommen.

Alle Väter sterben. Dieser nicht

Eine schrecklich unnette Familie. In der die drängendsten Dinge stets unterdrückt und verschwiegen wurden. Das ist auch eine der treffendsten Erkenntnisse von Tilman Lahme: „Es wird in dieser großen, seltsamen Familie dauernd über alles Mögliche geschrieben und gesprochen, über Entscheidendes gerade nicht.“

Eine andere ist: „Alle Väter sterben. Dieser nicht.“ 20 Jahre nach seinem Tod kamen Thomas Manns Tagebücher heraus. Die drei Kinder, die noch am Leben waren, konnten noch einmal nachlesen, wie ungeliebt, wie ungewollt sie waren. Wer hätte da keinen Knacks bekommen.