„Nennt mich Ismael.“ So beginnt einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur: Herman Melvilles „Moby Dick“. Ein dickleibiger, epischer Wurf. Das Buch, das für viele der Beginn einer eigenen US-amerikanischen Literatur ist. Und in seiner kühnen Mischung aus Abenteuerroman und Sachbuch, was all die Praktiken des Walfangs angeht, so was wie der erste moderne Roman.

„Nennt mich Ismael“: Dieser erste Satz pocht aber zugleich auf die Fiktion, die Freiheit der Fantasie, das muss nicht so, es kann auch ganz anders gewesen sein. Der junge Melville war selbst drei Jahre auf einem Walfangschiff im Pazifik, was den wichtigsten Erlebnishintergrund für den späteren Autoren darstellte und zu Romanen wie „Taipi“ und „Omu“ geführt hat. Die Geschichte von der Jagd auf den weißen Wal Moby Dick hat er indes nicht selbst erlebt.

„Thor“ in einem Historienfilm: Chris Hemsworth als Erster Maar Owen Chase
„Thor“ in einem Historienfilm: Chris Hemsworth als Erster Maar Owen Chase © Jonathan Prime/Courtesy Warner Bros. Pictures | Jonathan Prime/Courtesy Warner Bros. Pictures

Da auch sie aber auf einer wahren Begebenheit beruht und wahre Begebenheiten im Moment im Kino die Beliebigkeit computergenerierter, aber emotionsarmer Blockbuster kompensieren, ist nun die wahre Geschichte von Moby Dick auf der Leinwand zu erleben.

Man kennt die alte Verfilmung mit Gregory Peck als Käpt’n Ahab mit schwerem Holzbein und Narbe über dem eisigen Bart. Kennt vielleicht auch die weniger gelungene TV-Adaption mit Patrick Stewart. Vergesst Ahab. Vergesst das Holzbein. Die gab es in Wahrheit nicht. Die echte Geschichte ist aber nicht weniger packend.

Eine lang verschwiegene Geschichte

Eingebettet ist „Im Herzen der See“ in eine Rahmenhandlung: Da kommt ein noch recht junger Melville (dargestellt von Ben Wishaw, James Bonds Quartiermeister „Q“) zu einem alten, trunkenen Seebären namens Thomas Nickerson (Brendan Gleeson) und presst ihm seine Geschichte ab, die nur schwer über dessen Lippen kommt.

Dann aber sieht man den Alten als noch pubertierenden Schiffsjungen (nun dargestellt von Thomas Holland, der demnächst den neuen Spider-Man spielen wird), wie er im August 1819 in Nantucket, Massachusetts, an Bord des stolzen Walfängers „Essex“ geht. Und auf eine schicksalhafte Reise.

Duldet keine Widerworte: Benhamin Walker als Captain George Pollard
Duldet keine Widerworte: Benhamin Walker als Captain George Pollard © Jonathan Prime/Courtesy Warner Bros. Pictures | Jonathan Prime/Courtesy Warner Bros. Pictures

Das ist reichlich Seemannsgarn, wie es kein Drehbuchautor besser hätte stricken können: Ein frühes Manöver mitten in einen Sturm hinein legt sich wie ein böses Omen über die „Essex“, ebenso die Fehlentscheidung, nicht zur Reparatur zurückzusegeln. Am 20. November 1820 dann, Tausende Kilometer vom Land entfernt, rammt ein weißscheckiger Pottwal das Schiff.

Das hat die Menschheit nie zuvor gehört: Dass ein Wal scheinbar absichtlich ein Schiff zum Kentern bringt. Das will man kaum glauben, die haftende Versicherungsfirma schon gar nicht. Die Crew kann sich auf die Jagdboote retten, treibt dann drei Monate ohne Nahrung auf offener See, bis am Ende acht von ihnen überleben. Die erzählen die unglaubliche Geschichte. Die ­Nathaniel Philbrick in dem Bestseller „Im Herzen der See: Die letzte Fahrt des Walfängers Essex“ nachzeichnete.

Die Schlüsselszene: Der Wal rammt das Schiff
Die Schlüsselszene: Der Wal rammt das Schiff © Courtesy Warner Bros. Pictures | Courtesy Warner Bros. Pictures

Regisseur Ron Howard hat das, trotz mancher digitaler Effekte und unnötiger 3-D-Optik letztlich als Abenteuerfilm nach guter, alter Art inszeniert. Und ihm quasi die Struktur seines letzten Films, dem Niki-Lauda-Drama „Rush“, verpasst, nur eben auf See statt in der Formel 1: Wieder geht es im Grunde um den Konflikt zweier Männer, wer die Nummer eins ist.

Der Kapitän George Pollard oder der Erste Maat Owen Chase. Schade nur, dass Chris Hemsworth in „Rush“ mit Daniel Brühl einen veritablen Gegenspieler hatte, während ihm hier als Kapitän der eher uncharismatische Benjamin Walker gegenübersteht, der immer so aussieht, als hätte das Budget für Eric Bana nicht gereicht.

Viel Superheldenpotenz

Gleichwohl: Mit Hemsworth, dem amtlichen „Thor“-Darsteller, dem künftigen Spider-Man und dem Bond-Spezi Q wird hier, nicht ohne Ironie, eine ganze Ladung von Superheldenpotenz aufgeführt, die nun aber einmal echte, hautnah mitzuerlebende Kata­strophen zu überstehen hat. Deren finsterste, und das hielt die Lippen des alten Nickerson so lang so verschlossen, Kannibalismus auf den Booten ist.

Das freilich war, als Herman Melville 1850 das Buch schrieb, das seinen Weltruhm begründen sollte, noch ein absolutes gesellschaftliches Tabu. So sieht man am Ende, wie er eine andere, nicht weniger faszinierende Geschichte niederschreibt. Wie er seinen ersten Satz schreibt. Und damit die Fiktion über die Fakten stellt.