Literatur

Berlin ist „fern und fremd, beinahe undeutsch“

Karl Scheffler wurde mit seinen Schriften über Berlin berühmt, doch ist er an der Stadt verzweifelt.

Berühmt machte Karl Scheffler die Prophezeiung, dass Berlin dazu „verdammt“ sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein“

Berühmt machte Karl Scheffler die Prophezeiung, dass Berlin dazu „verdammt“ sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein“

Foto: bpk/Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie/ Archiv Kester

Berlin ist eine hässliche Stadt. Keine Großstadt in Deutschland ist so unansehnlich. Freiwillig und bei Verstand kommt in diese Stadt kein Mensch. Der Berliner kann nichts eigenes erschaffen. Was er kann, ist das Werk der anderen zu kritisieren. Arbeitsam, roh, hart und spöttisch sind die Menschen hier. Seit jeher ist es eine unfreundliche Stadt. Und außerdem, vielleicht der schlagendeste Beweis dafür, wie heruntergekommen dieses Berlin ist, schmecken die Brötchen nicht. „Die kolonistenmäßige Anspruchslosigkeit der Berliner“ zeige sich, so der Autor, an den „Brotsorten, womit die Stadtbevölkerung sich jahrhundertlang begnügt hat“.

Gern hat Karl Scheffler nicht in der Stadt gelebt, aber dafür lange. Der Hamburger, der 1869 zur Welt kam und 1951 am Bodensee starb, verbrachte hier seine Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 2. Weltkriegs. Knapp dreißig Essays umfasst sein Buch „Berlin – ein Stadtschicksal“ aus dem Jahr 1910, das der Suhrkamp Verlag nun wieder herausgebracht hat. Das Vorwort stammt von Florian Illies, früher Leiter des Feuilletons der „Zeit“, heute Mitgesellschafter des Auktionshauses Villa Griesebach. Eine „hasserfüllte Liebeserklärung“ sei das Buch, schreibt er, obgleich es sich mehr wie ein angeekelter Bericht eines Ethnologen über einen komplett hoffnungslosen Ureinwohnerstamm liest. Karl Scheffler selbst würde sich zudem gegen diese Verniedlichung seiner Kritik verwahren: „Man kann jedes Verhältnis zu Berlin gewinnen, aber lieben kann man die Stadt nicht“, schreibt er.

Mit dem Namen Karl Scheffler können wohl die wenigsten etwas anfangen, bekannt machte ihn ein Satz, genau genommen der Schlusssatz des Essays „Die Bestimmung Berlins“, wonach die Stadt dazu „verdammt“ sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Er ist, wie Florian Illies bemerkt, „der Smalltalk-Gassenhauer der literarischen Salons“. Scheinbar kann sich jeder darauf festlegen, egal, wie sie oder er zur Stadt steht. Schon allein das zeigt seine Qualität.

„Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt“

Kurios ist, dass ausgerechnet eine Doppeldeutigkeit Schefflers Nachruhm begründet, die ansonsten weiß Gott nicht seine Sache sind. Sein Urteil ist nie differenziert, jeder Satz ist eine Behauptung, die sich liest, als hätte der Autor ein ums andere Mal ein Ausrufezeichen an das Ende gesetzt. Das ist irgendwann ein wenig ermüdend, aber wenn der Leser sich erst daran gewöhnt hat, permanent angeschrien zu werden, dann entwickelt das Buch in seiner Unversöhnlichkeit, seiner Empörung und seinem harschen Urteil durchaus Charme.

Für Karl Scheffler ist Berlin ein absolut hoffnungsloser Fall, denn es war „niemals ein natürliches Zentrum, niemals die vorbestimmte deutsche Hauptstadt gewesen“. Es liegt irgendwo im Osten, „tief im Lande, mitten im Sande, einer mit künstlichen Mitteln spärlich nur bevölkerten Kolonialgegend“, es war „den Kulturträgern lange, lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße von Süden nach Norden und Nordosten“. Die, die blieben, hatten nichts mehr zu verlieren: „Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt, der im Mutterlande sein Auskommen finden konnte“, das umgeben ist „von schwermütiger Einsamkeit“, auch besser bekannt unter dem Namen Brandenburg.

Karl Scheffler hatte ein klar strukturiertes, naturalistisches Wertesystem. Es gibt ein behutsames, geordnetes Wachstum. Das ist gut für die Stadt. Nur so entstehen die alleredelsten Werke, weil die Menschen ein Leben in Tradition und einer transparenten Rangordnung führen.

„Es fehlte von vornherein der große Stil, die geniale Rücksichtslosigkeit“

So liebte er Paris, die organisch gewachsene Stadt. Und als es dort zu wuselig wurde, beauftragte man Georges-Eugène Haussmann, der in der Innenstadt keinen Stein auf den anderen ließ. Diese Radikalität imponierte ihm, so etwas hätte er sich auch von Berlin, das ja „wie im neunzehnten Jahrhundert die amerikanischen und australischen Städte tief im Busch entstanden“ ist, gewünscht: „Es fehlte von vornherein der große Stil, die geniale Rücksichtslosigkeit, weil das Geld fehlte, das sichere Selbstbewusstsein und die Ruhe des Genußes“, schreibt er.

Stattdessen bildeten sich ohne erkennbaren Plan immer wieder neue Stadtteile in Berlin, das um die Wende des 20. Jahrhunderts rasant wuchs. Die Folge war, dass „man zehn Jahre in Berlin leben und sich in den nördlichen oder östlichen Stadtteilen noch rettungslos verlaufen kann“.

„Barbarisches Kolonistenvolk“

Karl Scheffler verachtet die Stadtplanung, und er misstraut dieser „Mischbevölkerung“, diesem Gemisch aus „Germanen und Slawen, Franzosen und Juden“. So ist Berlin für ihn „fern und fremd, beinahe undeutsch“. Der Aufbruch der Moderne überforderte Karl Scheffler, zu einem abwägenden Urteil konnte er nicht gelangen, so wie es anderen Zeitgenossen möglich war. Der Schriftsteller Alfred Kerr notierte 1896: „Die Zeitläufe, in denen wir in Berlin leben, sind nicht arm an sonderbaren Erscheinungen. Auf der einen Seite: straffes, starkes Emporblühen neuer Kräfte. Auf der anderen Seite: auffallende Äußerungen einer tiefen Zurückgebliebenheit.“

„Verblüffend aktuell“, wie ein Rezensent behauptet, ist das Buch unter Garantie nicht, wenn man von den Passagen absieht, in denen Karl Scheffler über die Architektur der Stadt klagt: Wie wäre Karl Scheffler wohl verzweifelt, hätte er mitbekommen, wie viele Milliarden Euro seit dem Fall der Mauer in glanzlose, fade, der reinen Zweckmäßigkeit sich unterordnenden Bauten in der Stadt geflossen sind?

Ansonsten ist Karl Schefflers Buch, wenn man so will, verblüffend inaktuell. Kaum ein Mensch würde Berlin mehr als „zufällige Siedlung“ oder als Emporkömmling bezeichnen. Die Stadt wird heute auch von denen als deutsche Hauptstadt akzeptiert, die ansonsten wenig mit ihr anfangen können.

Das Schöne an dem Buch ist: Schefflers Tiraden mildern den Blick auf die Gegenwart. Dafür, dass Berlin aus einem „barbarischen Kolonistenvolk“ entstanden ist, hält sich die Stadt doch dann ganz ordentlich.