Crossover

Ludovico Einaudi komponiert auf dem Weingut der Familie

Ludovico Einaudis Musik hat schon jeder gehört, aber kaum einer kennt den Menschen dahinter. Eine überraschende Begegnung.

Mag die Stille nach dem Lärm: Der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi wird im Februar in der Berliner Philharmonie gastieren

Mag die Stille nach dem Lärm: Der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi wird im Februar in der Berliner Philharmonie gastieren

Foto: Decca/Ray Tarantino / BM

Mit der linken Hand dirigiert er sein Fünf-Mann-Ensemble, mit der rechten schlägt er vorsichtig kleine Tonfolgen auf dem Klavier an. Erst ganz behutsam, dann immer lauter, immer schneller. Ein Crescendo, das das Herz schneller schlagen lässt, dazu Violine, Cello, Percussion, und plötzlich in Stille mündet. Dann lächelt Ludovico Einaudi, dreht sich halb zum Publikum um und schiebt seine runde Nickelbrille wieder hoch. „Ist das nicht schön?“, sagt der Komponist und Pianist später im Gespräch über diesen Moment. Lärm neben Stille. So, wie in dem französischen Film „Ziemlich beste Freunde“, für den er den Soundtrack komponierte. Aus Freude an der Geschichte, wie er sagt, aber wohl eher aus Spaß an den zwei gegensätzlichen Charakteren, die irgendwie zusammenfinden.

Flucht aus der eigenen Familie

Ludovico Einaudi (60) ist selbst ein Mann voller Gegensätze. Seine Musik hat wohl jeder im Ohr, aber kaum einer kennt den Menschen dahinter. Er wirkt offen und zugleich ungreifbar. Vielleicht gehört es zu seiner Lebensgeschichte. Bereits als 18-Jähriger zieht es Ludovico Einaudi von einem Extrem ins andere. Er will weg von den Eltern, weg von den Großeltern. Raus aus dem großen Schatten seiner Familie: Sein Großvater Luigi ist der zweite Staatspräsident Italiens, sein Vater Giulio ein populärer Verleger, der mit Literaturgrößen wie Primo Levi und Italo Calvino zusammenarbeitet. Die Familie Einaudi ist prominent – vor allem in seiner Heimatstadt Turin.

Um ihr Gewicht nicht mehr zu spüren, sagt er, zieht es ihn nach Mailand. Er mag das hektische Treiben der Stadt, sagt er, den Bäcker um die Ecke und sein Lieblingscafé in der Altstadt. Ein einfaches Leben, wie er selbst es nennt. Aber zum Komponieren fährt er aufs Land, auf das Weingut seiner Familie im Piemont. Vom Lärm in die Stille.

Einaudis Klavier steht im Mittelpunkt

Das meint man auch auf den letzten zehn Platten zu hören, die weltweit seither die Klassikcharts toppen. Es geht ihm immer wieder um Natur, wie schon 2006 im Album „Divenire“ (Werden) oder in dem Stück „Primavera“ (Frühling). Und um Fortbewegung, wie in „In a Time Lapse“ von 2013. Und immer wieder dreht sich alles um diese kleine Musiksentenz, die oft nur aus sieben oder acht Tönen besteht und fortwährend wiederholt wird, um auf dem klimatischen Höhepunkt abzubrechen. Dazu kommen rockige Stücke mit E-Bass, Gitarren und kraftvollem Sound. Auch auf seiner aktuellen Platte „Elements“ scheint ihn das nicht loszulassen. Einaudis Klavier ist der Mittelpunkt, um den die anderen Instrumente arrangiert werden. So, wie auf der Bühne.

Dort sitzt er mit dem Rücken zum Publikum und nicht wie andere Pianisten parallel zum Saal oder an der Seite der Bühne. Dieses rituelle Korsett, wie er sagt, habe er sprengen wollen. Es hat ihn gelangweilt. Außerdem will er lieber seine Musiker im Blick haben, das Publikum muss er nicht unbedingt sehen. Er ahnt ja, dass der Saal voll ist – seit mittlerweile über 20 Jahren. Um ihn herum steigt Nebel auf, Videoprojektoren lassen Sterne oder Polarlichter durch den Konzertsaal fliegen. Es ist mehr Happening als Klavierkonzert. „Mir gefällt es, auf der Bühne der Master of Ceremonies zu sein“, sagt Einaudi und lacht.

Er sucht überraschend lange nach passenden Worten

Wenn er über Musik spricht, dann sucht er überraschend lange nach Worten. Dann sagt er, etwas pathetisch, mehrere Leben würden nicht ausreichen, um die Magie der Musik zu entschlüsseln. „Als ob man versucht, einen Raum aufzuschließen und nicht weiß, welcher Schlüssel passt, so ist es beim Komponieren“, sagt er und fährt mit den Fingern über seine ergrauten Koteletten. Wenn er aber den Schlüssel gefunden hat, dann eröffnet sich eine ganz neue Welt. Obwohl der Soundtrack von „Ziemlich beste Freunde“ ihm große Aufmerksamkeit und Verkaufszahlen einbrachte, will er sich momentan nicht mit Filmmusik beschäftigen. Denn das hat er schon oft getan, ob in Hollywoodproduktionen, britischen Serien, italienischen Filmen. „Man kann ja nicht sein ganzes Leben im selben Raum bleiben“, sagt er.

Es ist nicht leicht, Einaudis Musik einzuordnen. Klassikpuristen haben oft nur ein müdes Lächeln übrig: Zu simpel, zu emotional, nicht genügend Tiefgang. Aber Einaudi geht es nicht ums Denken, sondern ums Fühlen. Er will eine Atmosphäre schaffen, das Kino im Kopf ankurbeln, dem Zuhörer dabei nicht zu viel diktieren. „Regeln und akademische Berechnungen können eben keine neue Musik erschaffen“, sagt er. Einaudi gibt sich ausgeglichen, wirkt sehr drahtig. Vielleicht liegt das an seinem ganz unitalienischen Lieblingsgetränk, Grünem Tee. Nur manchmal, wenn die Scheinwerfer seine Halbglatze wie einen Heiligenschein erstrahlen lassen, da fragt man sich schon, was Zufall oder wirklich gutes PR-Konzept ist.

Symbiose verschiedener Genres

„Ein neues Stück kann mich immer mehr berühren als etwas, was ich schon hundertmal gehört habe“, sagt er. Außer Chopin. Sobald er Chopins „Préludes“ hört, erinnert er sich an seine Mutter. Fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit, als Musik ihm die Bestätigung gibt, die ihm die Schule versagt. Seine Mutter Renata liebt Chopin, steckt ihn damit an, weckt so sein Interesse für Musik und das Klavierspielen. „Klassische Musik gehörte einfach so zu meiner Kindheit, dass ich sie vermisst habe, wenn sie nicht da war.“

In Mailand studiert er Komposition am Verdi-Konservatorium, aber Studenten werden in den frühen 70er-Jahren von Rockmusik geprägt. In seiner Freizeit tanzt Einaudi lieber zu Pink Floyd, den Rolling Stones, The Who, statt sich mit Vivaldi oder Händel zu beschäftigen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Er hört mal Coldplay, mal U2, mal Klassik, mal Pop oder die Stücke von Kollegen wie Thomas Newman oder John Barry. Vielleicht hören sich seine Stücke deshalb an wie Symbiosen verschiedener Genres. Mal mehr Stille, mal mehr Lärm.

Philharmonie: Ludovico Einaudi gastiert am 22.2. um 20 Uhr

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