Kalter Krieg

Tom Hanks pokert in Spielbergs "Bridge of Spies" hoch

Der neue Spielberg-Film mit Tom Hanks ist ein Meisterwerk. Aber als Berliner Zuschauer kann man ihn nicht ohne Einschränkung genießen.

Bridges of Spies. Der Unterhändler u.a. mit Tom Hanks

Bridges of Spies. Der Unterhändler u.a. mit Tom Hanks

Foto: Foxfilm / BM

Berlin kann so kalt sein. Schon in West-Berlin kommt der von Tom Hanks gespielte Anwalt James Donovan, weil er die USA nicht offiziell repräsentiert, in einem ziemlich zugigen Hotel unter. Als er dann nach Ost-Berlin kommt, wird ihm gleich sein feiner, maßgeschneideter Anzug von einer Halbstarken-Bande abgenommen.

Unterkühlt und schlotternd trifft er in der Russischen Botschaft ein, wo er ebenfalls eisig empfangen und von einem zum nächsten weitergeleitet wird. Ein mehr als frostiger Empfang. In Steven Spielbergs Film „Bridge of Spies“ ist Berlin nicht nur Frontstadt, sondern Inbegriff des Kalten Krieges.

Tom Hanks einmal mehr als Held der Zivilgesellschaft

Dabei ist der Titel ein wenig irreführend. Denn die damals geteilte Stadt ist nur Kulisse. Und es dauert fast eine Stunde, bis der Film in Berlin landet. „Bridge of Spies“ ist ein durch und durch amerikanischer Film, der die Grundwerte der USA verteidigt – und zwar erst mal gegen sich selbst.

In einer grandiosen Eingangssequenz (Spielberg ist ein Meister der Exposition) wird im New York des Jahres 1957 ein russischer Spion (Mark Rylance) verfolgt und verhaftet. Die Todesstrafe ist ihm gewiss, aber ein Prozess muss ihm schon gemacht, der rechtsstaatliche Schein muss gewahrt werden. Der Anwalt, der ihn vertreten soll, ist besagter James Donovan.

Der ist eigentlich Versicherungsanwalt, ein solcher Prozess also nicht seine Kragenweite. Aber wie in allen Spielberg-Filmen, in denen Tom Hanks mitspielt, ist er auch diesmal der All American Guy, der für die Grundwerte seiner Nation einsteht und über sich selbst hinauswächst.

Während in der Sowjetunion ein US-Pilot, der bei einem Spionageflug abgeschossen wurde, gefoltert wird und vor einem Schauprozess landet, pocht Donovan bei der Verteidigung des Russen Abel (oscar-verdächtig: Mark Rylance) auf das Motto „Gleiches Recht für alle“. Er nimmt sein Mandat ernster, als man es erwartet. Gegen den Willen seiner Auftraggeber. Und gegen den seiner Frau.

Bald wird Donovan selbst von CIA-Agenten verfolgt. Auf dem Weg zur Arbeit im Zug argwöhnisch beobachtet. Schließlich wird sogar auf sein Haus geschossen. Nur einer ist in seinem Land noch unbeliebter als er. Und das ist der Spion selbst. Dennoch hält Donovan unbeirrbar an seiner Verteidigungslinie fest. Und erwirkt, die Todesstrafe in ein Lebenslänglich abzumildern. Mit dem sinnigen Verweis, er könnte ja vielleicht einmal für einen Agentenaustausch nützlich sein.

Da erst kommt Berlin ins Spiel, wo Donovan kurz nach dem Mauerbau noch einmal hoch pokert. Seine Regierung will nur den Piloten gegen Abel eintauschen, die Sowjets signalisieren auch ihre Bereitschaft. Donovan will aber zudem einen amerikanischen Studenten aus DDR-Gewahrsam befreien. Und eckt damit an allen Fronten an.

Steven Spielberg ist mit seinem nunmehr 28. Film ein Werk gelungen, das jetzt schon klassisch anmutet. Raffiniert weiß der 68-Jährige die ganze Paranoia jener Hochphase des Kalten Krieges in wenigen, eindringlichen Szenen begreifbar zu machen.

Nationalpathos wird ironisch gebrochen

Dass Hanks’ Donovan dabei eine Schlüsselszene mit seinem Filmsohn hat, ist kein Zufall: Spielberg, Jahrgang ’46, ist ja selbst ein Kind des Kalten Krieges. Sein Vater war damals wegen Devisengeschäften in der Sowjetunion und hat ihm eindringlich seine Erlebnisse geschildert.

Die These einer gerechten Behandlung von Gefangenen in den USA wird heute durch Guantanamo natürlich ad absurdum geführt. Immerhin wird das bei Spielberg stets latent vorhandene Nationalpathos immer wieder ironisch gebrochen, was vor allem das Verdienst der Coen-Brüder ist, die ja selbst veritable Filmemacher („Fargo“, „No Country for Old Men“) sind, hier aber „nur“ das Drehbuch verfasst haben und bei allem historischen Ernst doch immer wieder ihren subversiven Schalk durchblitzen lassen.

Der Checkpoint Charlie ist eindeutig zu schmal

Und doch: Bei aller Brillanz, die man diesem Werk attestieren darf, kann man es als deutscher Zuschauer nicht ohne Einschränkung genießen. Denn so sehr Spielberg und die Coens die Russen als Gegenseite ernst nehmen, die Ost-Berliner, allen voran Sebastian Koch als Anwalt Wolfgang Vogel und Burghart Klaußner als Stasi-Offizier, geraten zu Karikaturen, um Anerkennung heischende Lachnummern.

Das Schwarzweißdenken wirkt sich sogar klimatisch aus: Während die Neue Welt in milde sonniges Herbstlicht getaucht ist, wird Berlin stets in kühle, kalte, graue Bildern getaucht. Selbst der Akt des Mauerbaus ist in frühwinterliche Trübe getaucht. Aber geschah das nicht im Hochsommer?

Am schlimmsten gerät dabei der Checkpoint Charlie, der leider viel zu schmal ausfällt. Wie kann einem solchen Film, an dem historische Berater beteiligt waren, ein solcher Patzer un terlaufen? Noch dazu, wo er zu großen Teilen im Studio Babelsberg entstand? Den Checkpoint kennt schließlich nicht nur jeder Berliner, den kennt jeder Amerikaner, der je in Berlin war.

Erst ganz am Ende kommt „Bridge of Spies“ dann auf jener Brücke an, die dem Film den Titel gibt. Aber auch da mag sich ein Genius loci nicht recht einstellen. Durch allerlei Kunstschnee wirkt die Glienicker Brücke dann doch nur wie eine Attrappe.

Und dafür hat man, vor ziemlich genau einem Jahr, für Tage den Verkehr zwischen Berlin und Potsdam unterbrochen? Ist das wirklich die richtige Werbung für den Filmstandort Berlin, für die selbst Angela Merkel und Monika Grütters so aus dem Häuschen geraten sind?

„Bridge of Spies“ ist also ein Vergnügen mit Einschränkung. Man erkennt die Größe des Altmeisters Spielberg. Über einige Details und seine Sicht auf Berlin aber muss man großzügig verzeihend hinwegsehen.