Klassik

Die Berliner Philharmoniker in der Carnegie Hall

Simon Rattle und sein Spitzenorchester spielen im New Yorker Musik-Olymp. Die Amerikaner sind begeistert. Unsere Autorin war dabei.

Hier sind die Besten der Besten zu hören: Sim Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen in der Carnegie Hall in New York Beethoven-Symphonien

Hier sind die Besten der Besten zu hören: Sim Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen in der Carnegie Hall in New York Beethoven-Symphonien

Foto: Rob Davidson / BM

"Es fühlt sich wie zu Hause an", sagt Sir Simon Rattle beim Gespräch in seiner Garderobe in der Carnegie Hall. "Es ist nicht einfach zu sagen, aber es gibt hier eine gewisse Magie." An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Bilder von legendären Dirigenten wie Arturo Toscanini und Leonard Bernstein, die der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker als "nicht die schlechteste" Gesellschaft anerkennt.

Rattle wirkt gut gelaunt. Die Philharmoniker gastieren unter seiner Führung mitten in Manhattan in einem der weltweit wichtigsten Konzerthäuser. Der 1891 eröffnete, seinerzeit vom Stahl-Tycoon Andrew Carnegie finanzierte Ziegelsteinbau im italienischen Renaissancestil gilt heute in den Vereinigten Staaten als Heimstatt für klassische Musik wie auch für Jazz und Pop. Hier sind die Besten der Besten zu hören.

Rattle genießt einen exklusiven Ruf

Die neun Beethoven-Symphonien, die Sir Simon in New York dirigiert, dienen nicht nur dazu, den vom Chefdirigenten erwarteten Gesamtzyklus vorzulegen, bevor seine Amtszeit in Berlin 2018 endet. Der Beethoven steht in New York am Beginn einer zweijährigen Konzertreihe. Nachdem die Philharmoniker den Zyklus in Berlin, Paris und Wien vorstellten, sind sie nun in New York, um "Perspectives: Sir Simon Rattle" zu eröffnen.

Dabei ist die symphonische Programmwahl eigentlich ein Zufall. Vor einigen Jahren hatten der Chefdirigent und seine Musiker entschieden, das Beethoven-Projekt zu wagen und es in vier große Städte zu bringen, darunter natürlich New York.

Eine bereits 60-jährige Beziehung zu New York

Gerade auch in der englischsprachigen Klassikwelt genießt Simon Rattle einen exklusiven Ruf. Nächste Saison hat er in den USA in Sachen Oper und Konzert einiges zu tun – zwischen Wagners Oper "Tristan und Isolde" an der Metropolitan Opera und Gastauftritten mit dem Philadelphia Orchestra.

Auf den Beethoven-Zyklus angesprochen, verweist der Dirigent auf die Tradition, die es im Orchester zu leben gilt. "Es ist wie mit der Royal Shakespeare Society, die natürlich Shakespeare macht", so Rattle. "Wir machen so etwas nicht sehr oft und dennoch ist Beethoven ein zentraler Bestandteil für die Existenz eines Orchesters wie der Berliner Philharmoniker."

Die erste Gäste nach dem 11. September

Für Soloflötist Emmanuel Pahud hat die fünftägige Residenz in Carnegie Hall nach den Terroranschlägen in Paris noch an Bedeutung gewonnen. "Wir waren das erste Orchester, das nach den furchtbaren Ereignissen vom 11. September hierher kam", erinnert er sich vor einer Probe und fügt hinzu: "Wir können nur nach mehr Harmonie und Ausdruck streben."

Die Philharmoniker haben schon eine besondere, bereits 60-jährige Beziehung zu New York, und umgekehrt gibt es immer viel Aufmerksamkeit, ja Rummel um ihre Besuche. Neben den Wiener Philharmonikern gelten sie hier als Weltklasse pur.

Die "New York Times" vermisst Modernes

Bei aller Bewunderung waren aber auch einige skeptische Töne zu vernehmen über die Entscheidung, ausschließlich Beethoven aufs Programm zu setzen "Im Laufe der Jahre hat Herr Rattle sein starkes Engagement für die zeitgenössische Musik vorgezeigt, indem er das Alte und das Neue in seinen Programmen an Carnegie Hall fantasievoll durchmischte", schreibt die "New York Times".

Im Blog des Radiosenders WQXR, der auch das Konzert am Donnerstag live übertrug und als Co-Moderatorin die Sopranistin Susan Graham verpflichtet hat, war einige Tage zuvor zu lesen, dass eine Zeitreise von Beethoven bis zur zeitgenössischen Musik nicht nur interessanter, sondern auch kennzeichnender für Rattles Amtszeit bei den Philharmonikern gewesen wäre.

Da wippt der weiße Haarschopf

Die New Yorker Konzertkritiker äußern sich schwärmerisch, aber auch zweiflerisch. "Die Hörner hätten nicht zarter spielen können", so die "Associated Press" zur "Eroica", der dritten Symphonie: "Die Schulter hochgezogen und mit den Armen schwingend, dabei wippt der weiße Haarschopf, Rattle hat der Aufführung ungewöhnliche Details entlockt."

Im Gespräch auf dem Radiosender WNYC sagte der langjährige Kritiker David Patrick Stearns nach dem ersten Konzert, dass Rattle, obwohl er ein großartiger Dirigent ist, nie mit dem Orchester verschmolzen ist. "Das Orchester hat einen Markenklang, aber der ist nicht immer passend für das, was er erreichen will." Rattles "Stimme als Beethoven-Interpret käme viel klarer durch", so Stearns, "wenn er mit Ensembles agiert, die auf historischen Instrumenten spielen."

Zwei völlig verschiedene Säle

Am dritten Abend des Beethoven-Abends klingen die schneidenden dynamischen Kontraste, die Rattle am Pult vorgibt, durch die runde, warme Raumakustik der Carnegie Hall etwas entschärfter als in der klaren, ja nackten Akustik der Berliner Philharmonie.

Beide Säle sind für ihre Akustik berühmt, die zugleich aber unterschiedlich ist. Rattles gewählte Tempi wirken auch etwas lockerer. Das Menuett der achten Symphonie ist prächtig und keinesfalls überheblich; der schnelle Schlusssatz entfaltet sich voller Leichtigkeit und Spielfreude.

Schon wieder auf dem Rückweg

In der "Pastorale", der sechsten Symphonie, ist nachzuvollziehen, warum die New Yorker Medien die Holz- und Blechbläser der Berliner Philharmoniker überschwänglich bewundern. Nach dem Gewitter im Schlusssatz bricht die Sonne mit einem Schäferlied durch.

Die Streicher spielen voller Zartheit, es ist gleichsam transparent wie bodenständig. Das Publikum in der Carnegie Hall spendet am Konzertende teilweise stehende Ovationen, bevor es sich durch die verregneten und mit Autos zugestauten Straßen Manhattans auf den Weg nach Hause macht.

Die Philharmoniker sind auf dem Heimweg, am heutigen Montag kommen sie in Berlin an. Am 29. November spielen sie bereits wieder in der Philharmonie, dann unter Leitung von Francois-Xavier Roth.

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