Literatur

Neil MacGregor - der coole Brite in Berlin

Neil MacGregor, Intendant des Humboldt-Forums, stellt im Renaissance Theater sein Buch vor und zeigt, was ihn so außergewöhnlich macht.

Neil MacGregor, Chef des Humboldt-Forums, hat ein anschauliches Buch über seine künftige Heimat geschrieben: „Deutschland: Erinnerungen einer Nation

Neil MacGregor, Chef des Humboldt-Forums, hat ein anschauliches Buch über seine künftige Heimat geschrieben: „Deutschland: Erinnerungen einer Nation

Foto: dpa Picture-Alliance / RICHARD LEWIS / picture alliance / AP Photo

Einen Ratschlag, wie Deutschland mit seinen Flüchtlingen umgehen solle, wolle er nicht geben, sagt Neil MacGregor. Das hätte auch überrascht, für einen höflichen Mann mit erlesenen Manieren geziemen sich keine Ratschläge an andere Nationen. Aber auffällig sei, so viel lässt er sich dann doch entlocken, dass alle Länder in Europa die wachsende Flüchtlingszahl als ein innenpolitisches Problem gesehen haben, während allein Deutschland sie als „eine moralische Herausforderung“ betracht habe. Das sei „bewundernswert“, sagt er, so wie die Deutschen die Flüchtlingskrise angehen, „müssen wir sie in Europa alle betrachten“. Das Publikum im Renaissance-Theater klatscht, Neil MacGregor erwähnt nur die liebenswerte Seite des Landes, die Demonstrationen der Pegida und die Angriffe auf Flüchtlinge, von denen er sicher weiß, lässt er außen vor.

Kaum einer kann Deutschland in ein so grundsympathisches Land verwandeln

Neil MacGregor ist an diesem Sonntagmittag in das gut gefüllte Theater gekommen, um sein Buch „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ vorzustellen. Im kommenden Jahr übernimmt er in Berlin die Gründungsintendanz des Humboldt-Forums. Was die Stadt und die Befürworter des Schlosses erwartet, verrät Neil MacGregor auch dieses Mal nicht. „Wait and see“ ist das Einzige, was sich der Direktor des Britischen Museums von Moderator Thomas Hüetlin, einem Redakteur des „Spiegels“, entlocken lässt.

Falls Neil MacGregor eines Tages des Wartens müde werde sollte, ist er aber auch jederzeit als deutscher Sonderbotschafter vorstellbar. Kaum einer kann Deutschland in ein so grundsympathisches Land verwandeln wie er. Und er trifft dabei hierzulande auf eine riesige, bislang kaum befriedigte Nachfrage, diskutieren viele Deutschen doch über kaum ein Thema leidenschaftlicher als über andere Deutsche. Neil MacGregor versüßt das Grübeln über das Deutschsein durch sein Wohlwollen gegenüber dem Land; eine Zuneigung, die es in den vergangenen Jahrzehnten aus nachvollziehbaren Gründen selten erfuhr.

Die Veränderung des Ansehens der Deutschen habe viel mit der Weltmeisterschaft 2006 zu tun, erzählt Neil MacGregor, in britischen Schulen lerne man Deutschland vor allem über den 2. Weltkrieg kennen, die WM habe die Briten dazu gebracht, Deutschland neu zu betrachten, auf einmal sei das Land „cool“. Er habe 1962 das erste Mal das Land besucht und lebte bei einer Familie in Hamburg. Die verbotenen Filme, die er erstmals anschauen durfte, die zuvor nicht gekannten Daunenbetten wie auch die endlos langen deutschen Wörter hätten ihn gleichermaßen fasziniert. Intellektuell bewundere er den Umgang mit der Geschichte. In Großbritannien (und wohl an den meisten Plätzen der Welt) werde an die Siege, an die Triumphe erinnert, „we are always the good guys“: „Unsere Denkmäler zeigen die edle Tradition. Ihre Denkmäler mahnen zur Zukunft.“

„Eine ganze Gemeinschaft kann niemals kriminell sein“

Das Publikum, das muss man so sagen, ist ein wenig verliebt in Neil MacGregor, klatscht und lacht und ist jede Minute bei ihm, und so wäre es fast ein harmonischer Mittag geworden, hätte Moderator Thomas Hüetlin gegen Ende der Veranstaltung nicht gepatzt. Die Integration in Frankreich sei gescheitert, sagt er, die Anschläge von Paris würden es ja zeigen. Das Publikum wird laut, eine Frau ruft, dass schuld an den Anschläge ja nicht die Franzosen seien. Thomas Hüetlin bleibt auf Irrweg-Kurs, zwei Anschläge innerhalb eines Jahres zeigten, dass die Integration nicht funktioniere. Neil MacGregor rettet erst ihn, in dem er unverbindlich und luftig britische und französische Integration vergleicht. Dann gibt er, ohne den Moderator zu brüskieren, dem Publikum recht: „Es mag Einzeltäter geben, es mag viele Täter geben, aber eine ganze Gemeinschaft kann niemals kriminell sein.“