Berliner Admiralspalast

Randy Newman spielt sich einmal durch seine Karriere

Randy Newman ist auch mit 71 Jahren immer noch auf Tournee. Im Admiralspalast spielt er Songs, die offenbar ein neues Album ankündigen.

Randy Newmann ist wieder auf Tournee

Randy Newmann ist wieder auf Tournee

Foto: Warner Music

Seine Songs sind präzise inszenierte Beobachtungen. Pointierte Kurzgeschichten, in denen sich menschliche Abgründe auftun. Der kalifornische Songschreiber Randy Newman schabt seit bald 50 Jahren mit satirischer Schärfe und voyeuristischer Lust am schönen Schein des American Way Of Life. Dabei ist es oft nur eine einzige kleine Songzeile, die die ganze Leichtigkeit eines Liedes abrupt kippen lässt. Nun sitzt er am Sonntagabend im bis unters Dach gefüllten Admiralspalast und singt und spielt sich einmal quer durch seine Karriere.

Ein Flügel in der Bühnenmitte, ein paar Scheinwerfer darüber, eine exakt eingepegelte Soundanlage. Mehr braucht Randy Newman nicht. Die mitunter üppigen Arrangements seiner Platten komprimiert er in einem kraftvollen Pianospiel, das von Ragtime und Blues, Boogie und Rock 'n' Roll, Gospel und Musical getrieben wird. Er erschafft mit dieser mal wehmütigen, mal leidenden, mal komödiantisch quengelnden Stimme ein Panoptikum der Spinner und Ausgestoßenen, der Psychopathen und Lebensmüden, der Einsamen und Größenwahnsinnigen. Und der Liebenden.

Filmmusik Steve Martin und Disney

Es ist Punkt 20 Uhr, als Randy Newman unter laustarkem Jubel auf die Bühne kommt, sich ein wenig schwerfällig an den Flügel setzt und den Abend mit dem leichtgängigen „I Love To See You Smile", das er für den Steve-Martin-Film „Parenthood" geschrieben hatte, eröffnet. Damit stellt er auch gleich klar, dass das zweite Standbein seiner Karriere immer auch die Filmmusik war. Er hat Soundtracks komponiert für Filme wie Milos Formans „Ragtime", „Michael" mit John Travolta, „Meine Braut, ihr Vater und ich" mit Ben Stiller und ist bis heute so etwas wie der Hauskomponist von Disneys Pixar-Studios.

Er versteht es, Tragik und Komik perfekt auszubalancieren. Auf „There's A Jungle Out There", den swingenden Titelsong zur Fernsehserie „Monk", folgt die düstere Ballade „In Germany Before The War", in der er sich mit dem Düsseldorfer Serienmöder Peter Kürten beschäftigt. Auf das sarkastische Hohelied des Mammon, „It's Money That I Love", folgt „I Miss You", ein Lied, das er für seine erste Ehefrau geschrieben hatte. Da war er aber schon in zweiter Ehe verheiratet. „Ich kann das Lied nicht überall spielen", sagt er. „Aber hier geht's."

Neben Klassikern wie „I Love L.A." oder „Louisiana 1927" gehören auch einige brandneue Stücke zum Repertoire, die offenbar ein neues Album ankündigen. Sein letztes Studioalbum „Harps & Angels" stammt aus dem Jahr 2008. In „Putin" etwa nimmt er sich, na wen wohl, Wladimir Putin vor und ätzt mit Zeilen wie „When he takes his shirt off, it drives the ladies crazy. When he takes his shirt off, it makes me want to be a lady."

„Zu Hause applaudiert keiner"

Zu einem Highlight in der ersten Konzerthälfte gerät „I'm Dead But I Don't Know It". Es sei doch auffällig, dass die Konzerthallen mehr von Musikern der 60er- und 70er-Jahre blockiert würden als von Bands der Neunziger oder von Heute. Das habe ihn auf den Song über diese geriatrische Form des Rock'n'Roll gebracht. Er schließt sich dabei nicht aus. Schließlich geht er mit 71 Jahren auch immer noch auf Tournee. Der Grund, so sagt er, sei ganz einfach: „Zu Hause applaudiert keiner." Er animiert das Publikum zum Mitsingen der Zeile „You're Dead". Das klappt prächtig.

Nach der Pause geht es im großen Bogen weiter mit „Baltimore" und mit „Great Nations of Europe", in dem Newman mal kurz die Weltgeschichte in zweieinhalb Minuten erklärt. Und auch „Sail Away" gibt es, jene Ballade, die gern als Hymne auf Amerika missverstanden wurde. Aber Randy Newman singt sie als Inkarnation eines Sklavenhändlers. Wie er sich überhaupt gern die Haut seiner Charaktere überzieht. Er singt in der dritten Person. Ist mal Rassist, mal Killer, mal Lebemann. Auch das hebt ihn ab von anderen Singer/Songwriter-Kollegen, die in ihren Liedern meist ihr ganz persönliches Innerstes nach außen kehren.

Viele seiner Lieder wurden erst durch andere Interpreten zum Erfolg. Wie etwa „You Can Leave Your Hat On", das sowohl von Joe Cocker als auch von Tom Jones gecovert wurde. Aber nur in Randy Newmans spröder Originalfassung, die er nun auch im Admiralspalast spielt, kommt das ganze Elend eines Paares mit Vorliebe für seltsame Sexualpraktiken in seiner ganzen Tragik zur Geltung. Dann wieder spielt er ein Leichtgewicht wie seinen „Toy Story"-Filmsong „You've Got A Friend In Me".

Außenseiter für Insider

Natürlich gibt es auch seinen größten Hit „Short People", einen so fröhlichen wie falsch verstandenen Popsong, der die Ausgrenzung von Minderheiten zum Thema hat. Es hagelte in den USA geharnischte Proteste und Rassismusvorwürfe, was dem Song aber unerwartete Popularität bescherte. Randy Newman hat sich damit abgefunden. Er wirkt zufrieden mit dem, was er geschaffen hat. Er hat sich damit abgefunden, dass er nie wirklich den Mainstream geknackt hat.

Aber natürlich kokettiert er auch gern damit, dass er so etwas wie ein Außenseiter für Insider geblieben ist. Zwei gewonnene Oscars bei 22 Nominierungen, drei Emmy Awards, die Aufnahme in die Songwriter's Hall Of Fame und die Rock 'n' Roll Hall Of Fame und ausverkaufte Tourneen rücken das dann aber wieder ein wenig zurecht. Randy Newman hat Songs geschrieben, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Und er hat sichtlich großen Spaß, sie auch im Alter immer und immer wieder für sein Publikum zu singen.

Mit der Einsamkeitsballade „I Think It's Going To Rain Today" setzt er nach gut 30 Titeln einen bewegenden Schlusspunkt unter ein großes Konzert im Admiralspalast. Ein augenzwinkerndes „Lonely At The Top" und das melancholische „Feels Like Home" folgen nach erschöpften, lang anhaltenden Ovationen im Zugabenteil.