Wegen „Sieben Jahre in Tibet“ war Jean-Jacques Annaud Persona non Grata in China. Nun haben ihn die Chinesen „Der letzte Wolf“ drehen lassen. Nach einem Öko-Erfolgsbuch, das in der Volksrepublik fast so oft gelesen wurde wie die Mao-Bibel. Eigens für den Film wurden über Jahre mehrere Wölfe großgezogen. Und Oscar-Preisträger Annaud („Der Name der Rose“, „Der Liebhaber“) musste dabei täglich durch eine peinliche „Sauberschleck“-Aktion.

Berliner Morgenpost: Monsieur Annaud, erst „Der Bär“, dann „Zwei Brüder“ über zwei Tiger und nun „Der letzte Wolf“: Warum immer Filme über Tiere?

Jean-Jacques Annaud: Doch nicht immer. Das waren nur drei von 13 Filmen.

Eben. Drei Filme mit wilden Tieren. Andere machen nicht mal einen.

Nun, erst mal liebe ich die Natur. Wenn ich Freizeit habe, haue ich ab aus den Städten mit ihrer schlechten Luft. Ich ziehe die Wildnis vor. Andere gehen gern in Nachtclubs, ich gehe lieber in den Wald. Und dann gab es den einen großen Wandel in meinem Leben, als ich mit der Filmhochschule fertig war. Ich war die Karikatur eines französischen Intellektuellen. Dann wurde ich nach Afrika geschickt, ähnlich wie der Autor vom „Letzten Wolf“ in die Mongolei, und hatte den Schock meines Lebens. Bis dahin hatte ich keine Ahnung von Afrika. In wenigen Tagen änderte sich mein Leben. Ich bekam ein Gespür für die Universalität des Menschen. Ich konnte mich nicht durch Sprache verständigen, ich musste das durch Verhalten tun. Dadurch, in Augen zu schauen.

Tierische Verbundenheit: Der Student Chen Zhen (Shaofeng Feng) zieht einen Wolfswelpen auf
Tierische Verbundenheit: Der Student Chen Zhen (Shaofeng Feng) zieht einen Wolfswelpen auf © BM | MM Filmpresse

Daraus wurde dann „Am Anfang war das Feuer“?

Ja, da ging es um unsere Ursprünge. Und unsere Abstammung von Tieren. Müssten Sie dann noch auch unter Tierfilmen verbuchen. Der nächste Schritt musste dann ein Film mit einem Tier in der Hauptrolle sein. Weil man auf diese Weise unheimlich viel über die menschliche Natur lernt.

Sie haben eigens für Ihren Film Wölfe aufziehen und dressieren lassen. Wäre es nicht einfacher gewesen, sie am Computer digital zu generieren?

Das ist sehr teuer und zeitaufwendig. Für ein paar Einstellungen haben wir das gemacht. Aber bei den emotionalen Szenen bekommt man das nicht hin. Die Produktionsfirma hat das abgesegnet, dass allein die Vorbereitung bis zur ersten Klappe drei Jahre dauerte. Ich kenne nicht viele, die sich auf so was einlassen würden. Während unsere Wölfe aufwuchsen, habe ich erst mal „Black Gold“ gedreht. Wir hatten mehrere Wölfe, zahmere und wildere. Und man muss halt viel Geduld haben. Manchmal brauchte es Tage, bis man eine Szene im Kasten hatte.

Sind Sie jetzt der wahre Kevin Costner? Der mit dem Wolf tanzt, der ihn gar knutscht?

(lacht) Das war wirklich bizarr. Unser Leitwolf, King Cloudy, hat mich jeden Morgen erst mal zehn Minuten abgeschleckt. Eine regelrechte Sauberschleck-Session. Er hat dabei mit dem Schwanz gegen die Jeans gerieben und den Zungenkuss neu erfunden. Er hat meine Zähne auseinandergeschoben und seine extralange Zunge reingesteckt. 600 Leute mussten warten, bis das vorbei war. Und waren peinlich berührt.

Nicht jedermanns Geschmack: Zungenkuss mit einem wilden Tier
Nicht jedermanns Geschmack: Zungenkuss mit einem wilden Tier © BM | MM Filmpresse

Hatten Sie nie Angst?

Es war ein liebenswerter Albraum. Ich bin ein Feigling, aber ich musste diese Prozedur über mich ergehen lassen. Das hat einige Anoraks zerschlissen. Ich hab’ auch jeden Tag Kratzer abbekommen. Aber irgendwie hat mich dieser Enthusiasmus ja auch gerührt. Richtig Angst hatte ich nicht wegen der Tiere. Ich wachte nachts oft schweißgebadet auf, weil ich nicht wusste, wie ich die Szenen in den Kasten kriegen soll.

Sie waren nach „Sieben Jahre in Tibet“ lange Persona non Grata in China, der Film ist noch heute verboten. Jetzt haben Sie den erfolgreichsten Bestseller der Volksrepublik in China gedreht, mit chinesischem Geld und der Unterstützung Peking. Wie geht das zusammen?

Das ist vielleicht das Schöne an orientalischen Kulturen. Erstens: Die Vorstellung, dass alles im Wandel ist. Und zweitens redet man nicht über etwas, was deine Gäste stören könnte. Darüber wurde nie gesprochen. Das ist vielleicht ein sehr elegantes Verhalten. Sie hatten offensichtlich ein Gespür dafür, dass ich die Mongolei lieben würde. Wo im Übrigen kein Chinesisch gesprochen wird. Sie haben auch wohl verstanden, dass ich China liebe. Durch meinen Film „Der Liebhaber“. Auch wenn der ebenfalls noch immer dort verboten ist.

Der Wolf wird im Film zur Metapher einer unberührten Natur, die mutwillig zerstört wird
Der Wolf wird im Film zur Metapher einer unberührten Natur, die mutwillig zerstört wird © BM | MM Filmpresse

Und dann drehen Sie dort einen Film über unberührte Natur und deren Bedrohung und Zerstörung.

Weil es wohl mein Thema ist. Dieses Buch hat in China entscheidend zu der Erkenntnis beigetragen, dass man die Natur so nicht weiter belasten kann. In den Städten kann man kaum ohne Atemschutzmaske auf die Straße, und auf dem Land werden die Bewohner durch verseuchtes Wasser vergiftet. Normalerweise braucht es Monate, bis Sie in China grünes Licht für eine Drehgenehmigung bekommen. Bei mir ging das sehr schnell. Sie sprachen von unserem gemeinsamen Interesse, dass es so nicht weiter gehen könne. Und ließen mir freie Hand.

Es gab keine Zensur? Szenen, die Sie nicht drehen durften oder danach wieder herausschneiden mussten?

Am Set war ich völlig frei und konnte drehen, was ich wollte. Danach musste ich den Film plötzlich der Zensur vorlegen. Und dann habe ich fünf Wochen nichts mehr gehört. Da begann ich panisch zu werden. Am Ende ging es nur um ein einziges Wort: Da wurde „Nation“ gesagt, das sollte durch „Volk“ ersetzt werden. Und um eine Szene, in der eine Hirtin barbusig ist. Das hat das Schamgefühl verletzt. Sonst nichts. Der Film, den Sie sehen, ist exakt der Film, den ich geschnitten habe.

Verspürten Sie, nach der Ächtung von „Sieben Jahre in Tibet“, so etwas wie Genugtuung?

Es ist mir schrecklich, wenn ich jemanden gegen mich aufgebracht habe. Das ist nicht mein Stil. Ich will meine Meinung sagen. Aber so, dass der Gegner auch zuhört. Deshalb bin ich jetzt sehr glücklich. Ich glaube, „Der letzte Wolf“ ist mehr als ein Film.

Er hat das Potenzial, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Wir können unsere Natur nicht weiter so missbrauchen. Das ist meine tiefste Überzeugung. Ich bin nicht einer, der auf den Straßen demonstriert. Aber ich leide darunter, dass niemand was dagegen tut. Das ist meine Art, darauf hinzuweisen. Und in Sachen Umwelt kann man nichts verändern ohne die USA und China.

Die USA macht nichts, im Gegenteil, sie finanzieren Universitäten, um zu beweisen, dass es keine Probleme gibt. Eine unglaubliche Lüge. Jeder sieht doch, wie sich die Natur verändert! China scheint zumindest einzusehen, dass man so nicht weitermachen kann. Es war ihnen ein Anliegen, diesen Film zu drehen.

China war not amused: Annauds Film „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt
China war not amused: Annauds Film „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt © picture alliance / United Archiv | United Archives/IFTN

China wollte den Film sogar für den Oscar als bester fremdsprachiger Film einreichen. Die Academy hat aber abgelehnt, weil er „nicht chinesisch genug“ ist.

Das habe ich gerade erst vor drei Wochen erfahren. Und ich bin wirklich sauer. Das ist eine der wichtigsten Bücher für die chinesische Kultur, alle Schauspieler sind Chinesen, die Produzenten tragen 80 Prozent des Risikos. Von den 600 Leuten der Crew waren sieben Franzosen. Und ein Amerikaner, der Komponist James Horner. Von den 2000 der Postproduktion waren alles Chinesen. Und die sagen: Jean-Jacques ist Franzose und James Horner nicht Chinese.

Die Amerikaner können Filme mit Fritz Lang, Marlene Dietrich, Volker Schlöndorff oder Werner Herzog drehen – es sind amerikanische Filme. Die kaufen alle Talente der Welt ein. Wollen aber, dass andere Nationen hübsch für sich bleiben und die Südafrikaner immer noch Tam-Tam spielen. Liebes internationales Kino, bleib hübsch stammeszugehörig!

Sie stehen ja wie kaum ein Zweiter für ein solches internationales Kino.

Und ich bin stolz darauf. Ich habe für Bernd Eichinger einen deutschen Film gedreht, „Der Name der Rose“. Niemand sagte Bernie, dass das ein deutscher Film war. Weil ich Franzose war. Und James Horner auch damals schon die Musik gemacht hat. War es aber. Ich habe meinen Oscar für einen Film der Elfenbeinküste bekommen...

… gleich 1977 für Ihren ersten Film „Sehnsucht nach Afrika“...

Und ich habe für „Der letzte Wolf“ den chinesischen Oscar, den Golden Hahn, für den Besten Film bekommen. Die Chinesen sehen ihn als chinesischen Film – und die Academy will ihnen vorschreiben, wie es wirklich ist? Das ist klare Diskriminierung.