Es ist 34 Jahre her, seit U2 erstmals auf eine Berliner Bühne trat. Die Premiere zum Debüt-Album „Boy“ wird auf den 17. Februar 1981 datiert. Im Kant-Kino war das, jenem legendären Ort, an dem damals so ziemlich alles auftrat, was in Rock, Punk und Wave einen Namen hatte, von AC/DC bis Police, von Joy Division bis The Jam. Nur neun Monate später, das zweite Album „October“ war gerade erschienen, kehrten U2 im November für eine TV-„Rockpalast“-Aufzeichnung wieder.
Ins gut 2000 Besucher fassende Metropol am Nollendorfplatz waren gerade mal ein paar hundert Zuschauern gekommen, von denen die meisten wegen der anderen Band des Abends, den Psychedelic Furs, da waren. Ein paar Gitarrenriffs später spielten U2 bereits in der ersten Rock-Liga. Ihr 1987 erschienenes Album „The Joshua Tree“ ist in Deutschland unter den Top 50 der meistverkauften Alben aller Zeiten.
U2 spielen seit 1976 in unveränderter Besetzung
Nun sind sie wieder auf Achse. Die vier Iren mit dem chronischen Weltverbesserungsdrang und dem ungebrochenen Glauben an die reinigende Wirkung des Rock ’n‘ ‘Roll, haben sich erneut auf Pilgerreise um die Welt gemacht. Im Rahmen ihrer „Innocence + Experience Tour“ spielen sie mehr als 70 Konzerte in 22 Städten und 13 Ländern. Europa-Auftakt war am 4. September in Turin. Am 24., 25., 28. und 29. September kommen sie für vier Konzerte in die Mercedes-Arena nach Friedrichshain.
Sie halten sich diesmal mit Superlativen etwas zurück. Etwas. Denn die neue Bühnenshow ist nicht für große Stadien, sondern „nur“ für große Hallen konzipiert. Mit einer High-Tech-Bühnenkonstruktion, die größtmögliche Nähe zum Publikum suggeriert. Die aber immer noch ganz im Geiste Muhammed Alis ein unausgesprochenes „Wir sind die Größten“ vor sich herträgt. Man mag es ihnen sogar abnehmen. Die Mittfünfziger – Sänger Bono, Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton und Schlagzeuger Larry Mullen – sind seit ihrer Gründung 1976 in unveränderter Besetzung zusammen.
Bono glaubt an eine kathartische Wirkung von Musik
U2 sind eine Band, die sich den akuten Themen der Zeit stellt. Die sich aber gern auch mal unangenehm aufdrängt. Wie zuletzt, als sie das aktuelle Album „Songs of Innocence“ 500 Millionen iTunes-Kunden weltweit kostenlos und automatisch auf ihre iPods luden. Ungefragt. Der Schuss ging nach hinten los. Viele wollten solch ein Geschenk gar nicht haben, protestierten dagegen. Ein grandioser PR-Flop.
Bonos Glaube an die im biblischen Sinne kathartische Wirkung des Rock ’n‘ Roll scheint bis heute ungebrochen. Glaubenskrieg in Irland, US-Politik in Mittelamerika, Apartheid in Südafrika, Umweltzerstörung, Hunger in der Dritten Welt, Krieg im Nahen Osten – der Themen gab und gibt es viele, und Bono und seine Mitstreiter wurden mehr und mehr zum Anwaltsbüro gegen alle Ungerechtigkeiten auf der Welt. „Es ist schon komisch“, meinte Bono einmal. „Als die Leute sich über uns lustig machten als diese Band, die die Welt verändern will, sagten wir: Nein, nein, wir wollen doch nur Musiker sein. Die Wahrheit ist: wir wollten tatsächlich die Welt verändern.“
Ein Wendepunkt in der Karriere von U2 war 1990 in Berlin. In den 90ern wechselte der Sound zu einer mehr düsteren Weltsicht mit der CD „Achtung, Baby!“, deren Cover ein Trabi zierte. Der in Berlin lebende Künstler Thierry Noir hatte das Auto bemalt. Und große Teile der Platte wurden kurz nach dem Fall der Mauer im Kreuzberger Hansa-Studio aufgenommen. Hier, im klangmächtigen Studio 2, das von den Musikern „The Big Hall By The Wall“ getauft wurde, hatten schon David Bowie, Iggy Pop oder Depeche Mode aufgenommen.
Das Berliner Album entstand unter Schmerzen
Mit „Achtung, Baby!“ entstand, wie man heute sagen kann, das vielschichtigste Album von U2. Man kann auch sagen: es entstand unter Schmerzen. Denn die Band war sich im kalten Berlin über die neue Zielrichtung überhaupt nicht einig. Sie zerstritten sich, Auflösungsgerüchte machten gar die Runde, bis schließlich Produzent Brian Eno, der schon 14 Jahre zuvor im Hansa-Studio an Bowies „Heroes“ gearbeitet hatte, es schaffte, die Wogen zu glätten. Die Berliner Aufnahmen sorgten auch für einen kleinen Eklat, als der Roh-Mix aus dem Studio als Raubpressung auf Doppel-Vinyl in der Stadt kursierte. So mancher Sammler hütet das Bootleg noch heute wie einen Schatz.
Auf „Achtung, Baby“ begannen U2 vorsichtig mit Dancefloor und Techno anzubandeln. Für viele ihrer Fans waren sie freilich zu einer Stadion-Rockband verkommen, deren Größenwahn in aufwendigen Tournee-Inszenierungen wie „Zooropa“ und „PopMart“ kulminierte. Mit ihrer „360° Tour“, die sie 2009 auch ins Olympiastadion geführt hatte, landeten sie den bislang größten Coup ihrer Tourneekarriere: mit 110 Shows und 7,2 Millionen Zuschauern machten sie 736 Millionen Dollar Umsatz und verwiesen die Rekordhalter der bestbesuchten Tournee, die Rolling Stones, auf Platz 2. Dem Hang zur Gigantomanie bleiben U2 treu.





