Flashmob

In Mitte spielt das größte Orchester Berlins

Profis und Amateure geben in der „Mall of Berlin“ ein spontanes Konzert mit Werken von Brahms und Dvorák. Die Zuhörer sind begeistert.

Die zum Shopping entschlossenen Besucher der „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz erleben am Sonnabend etwas Ungewöhnliches: Auf der lichtdurchfluteten Piazza des riesigen Einkaufszentrums in Mitte hat sich ein opulentes Orchester eingerichtet und spielt Tänze von Johannes Brahms und Antonín Dvorák.

Bereits zum zweiten Mal hat das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) zum „Symphonic Mob“ aufgerufen, bei dem Profis und Amateure gemeinsam spielen – ein Flashmob also für klassische Musik.

Von Emotionen bewegt, spielen die rund 400 Musiker Dvoráks Slawische Tänze Nr. 1 und Nr. 2 und die Ungarischen Tänze Nr. 1 und Nr. 5 von Brahms. Damit das einigermaßen funktioniert, gibt es zwei Stunden zuvor eine gemeinsame Probe mit dem Dirigenten Manuel Nawri. Der musikalische Leiter der Neuen Szenen an der Deutschen Oper Berlin und Professor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ versteht es, die so unterschiedlichen Musiker anzuleiten und zu motivieren. „Laut ist einfach und leise schwer“, sagt er bei Dvoráks Slawischem Tanz Nr. 2, „ihr müsst leise spielen und laut hören.“

Der Jüngste ist gerade mal fünf Jahre alt

Beim zweiten Durchgang klappt das schon richtig gut. „Macht es euch nicht zu schwer, Achtel sind sowieso schwer“, sagt er. „Und passt auf, wenn es wieder schneller wird. Das hängt mit dem Crescendo zusammen.“ Konzentriert achten die Musiker in ihren türkisblauen T-Shirts auf ihren Dirigenten. Der Jüngste ist gerade mal fünf Jahre alt, die Älteste ist 73.

„Insgesamt haben sich zum Symphonic Mob 373 Laienmusiker angemeldet“, sagt DSO-Orchestermanager Sebastian König. „Das Durchschnittsalter ist 33.“ Auch wer spontan erscheint, kann mitmachen, wenn er es sich zutraut. 43 Musiker und Musikerinnen des DSO komplettieren die Großformation. Die Profis sorgen dafür, dass in den einzelnen Gruppen alles gut funktioniert.

Akkordeonspielerin findet bei Cellisten Platz

„Wir haben allein 112 Violinen“, sagt Sebastian König. 40 Querflöten sind dabei, dazu noch zehn Blockflöten und eine Panflöte. Und eine Akkordeonspielerin, die bei den Cellisten ihren Platz gefunden hat. Die Cellisten dürfen sitzen. Gut drei Dutzend sind es, Musikschüler, Hausmusiker, Hobbymusiker aller Altersklassen. Der Rest steht. Viele Kinder sind dabei.

„Diese Tänze sind ja eigentlich schwer, auch technisch“, sagt Dirigent Nawri, der sich begeistert zeigt über den engagierten Einsatz der Amateure. „Es ist außergewöhnlich, dass so viele Menschen aufeinander hören, dass 400 Musiker und Musikerinnen gemeinsam atmen. Und natürlich ist es für alle auch ein großer Spaß.“

Die klassische Musik sei im Prinzip ja ein geschlossener Kreis. In einem Orchester spielen eben sonst nur die Musiker, die eben im Orchester spielen. „Aber bei so einer Gelegenheit mal Grenzen aufzubrechen und andere Menschen mit ins Boot zu holen, finde ich sehr schön und auch sehr wichtig.“ Viel Sorgfalt wurde auf die Auswahl des Programms gelegt. „Es soll schon wichtige Musikliteratur sein“, sagt Lea Heinrich, Musikvermittlerin des DSO. So stand beim ersten Symphonic Mob im vergangenen Jahr Beethovens „Ode an die Freude“ auf dem Programm.

Etwas Vorbereitung war schon notwendig

Eine ähnliche Veranstaltung im Rahmen eines Festivals in Kanada brachte das DSO auf die Idee, so etwas auch hier zu versuchen. Bei aller Spontanität aber doch mit etwas mehr Vorbereitung. Der in Berlin lebende finnische Pianist und Arrangeur Jarkko Riihimäki schrieb vereinfachte Stimmen für Instrumente in allen möglichen Tonlagen. Die konnte man sich im Vorfeld von der DSO-Internetseite herunterladen.

Die Piazza der „Mall of Berlin“ ist bis auf den obersten Rang dicht gefüllt, als das Konzert um 15 Uhr mit Dvoráks Slawischem Tanz op. 46 Nr. 1 beginnt. Molltönende Sehnsuchtsmelodien sind das, die mit verspielter Leichtigkeit über den überdachten Platz tänzeln. Angereichert mit Polizeisirenen von der nahen Leipziger Straße. Der Jubel im Anschluss ist geradezu frenetisch. Es folgt Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 1. Die Ungarischen Tänze entstanden in den Jahren 1858–69 ursprünglich als vierhändige Klavierfassung. Für drei der Tänze, darunter auch die Nr. 1, schrieb Brahms 1873 orchestrale Arrangements.

Der Jubel ist aufbrausend, es gibt Zugaberufe

Nicht wenige der Besucher der Konzerte des DSO spielen selbst auch ein Instrument, machen in ihrer Freizeit Kammermusik, musizieren in Laienorchestern und Big Bands, machen Blasmusik oder singen in Chören. Beim Symphonic Mob haben sie nun die Gelegenheit, zu erfahren, was für ein wunderbares Gefühl es ist, mit vielen anderen zusammen zu musizieren. Wie in diesem wunderbaren Spontanorchester.

DSO-Tubist Johannes Lipp hat zu diesem Anlass ein besonderes Instrument mitgebracht, ein Helikon, den Vorläufer des Sousafons. „Das kann ich im Orchester sonst nicht spielen“, sagt er. Bereits im vergangenen Jahr war er dabei. „Man wusste ja nicht, was auf einen zukommt“, sagt er begeistert. „Es ist wirklich ein Genuss, mit den Amateurmusikern zu spielen. Im vergangenen Jahr hatten wir auch ein Sousafon dabei. Doch diesmal ist derjenige leider nicht gekommen.“

Halbzeit. Immer mehr Menschen hören den an diesem Ort ungewohnten Klängen zu. Dvoráks Slawischer Tanz Nr. 2 und als Finale Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 5, das wohl populärste Stück in dieser Aktion. Der Jubel ist aufbrausend, Zugaberufe schallen durch die „Mall of Berlin“. Die gibt es dann auch. Glückliche Musiker liegen sich beim Abschied in den Armen. Der nächste Symphonic Mob kommt bestimmt.