Kino

Kein Horror, aber auch keine Komödie: „The Visit“

Einst galt M. Night Shyamalan als Kino-Wunderkind. Das Image ist inzwischen ramponiert. Auch sein jüngster Film ändert daran nichts.

Völlig aufgelöst Mutter Paula (Kathryn Hahn , M.) mit ihren Kindern (Olivia DeJonge, l., und Ex Oxenbould)

Völlig aufgelöst Mutter Paula (Kathryn Hahn , M.) mit ihren Kindern (Olivia DeJonge, l., und Ex Oxenbould)

Foto: Universal Pictures / dpa

Um halb zehn geht’s ins Bett. Sagen die Großeltern. Die Kinder gucken sich dabei nur grinsend an. Aber bald trauen sie sich nach dieser Uhrzeit wirklich nicht mehr aus dem Zimmer. Und wünschten, dass sie schlafen könnten. Während das Grauen vor der Tür lauert. Regisseur M. Night Shyamalan hat selbst drei Kinder. Und vielleicht den ultimativen Film gedreht, um sie zu disziplinieren. Vielleicht aber den ultimativen Film, dass sie nie wieder Nachtruhe finden.

Nach dem Sensationserfolg seines Films „The Sixth Sense“ galt der indischstämmige Regisseur lange als Wunderkind von Hollywood (auch wenn er nie außerhalb von Philadelphia dreht). Als 2006 die Produktionschefin von Disney es wagte, sein Script für „Das Mädchen im Wasser“ zu kritisieren, wurde sie geschasst. Der Film aber wurde zum Flop. Seither ist das Wunderkindimage deutlich ramponiert.

Zurück zu den Wurzeln

Nach zwei ziemlich durchwachsenen Hollywoodproduktionen, „Die Legende von Aang“ und „After Earth“, die weit hinter ihren Erwartungen zurückblieben, kehrt Shyamalan nun zu seinen Wurzeln zurück. Drehte wieder einen Horrorfilm mit Kindern. Und das ohne Stars und mit kleinstem Budget. Finanziert von der Gage, die er als Regisseur von „After Earth“ einstrich. Herausgekommen ist aber ein sehr durchwachsener Film, der die Shyamalan-Krise eher unterstreicht, als dass er sie durchbricht.

The Visit“ handelt von zwei Kindern (Olivia DeJonge und Ed Oxenbould), die das erste Mal ihre Großeltern besuchen. Das ist gleich die erste Kröte, die der Zuschauer schlucken muss: Weil irgendwas Schlimmes, Unverzeihliches zwischen der Mutter und den Großeltern passiert ist, herrscht seitdem Funkstille zwischen ihnen.

Als die Großeltern nun aber per Brief die Enkel einladen, um sie endlich mal kennenzulernen, sagt die Mutter schließlich zu. Und setzt die Kinder in den Zug. Ohne sie zu begleiten! Da sträubt sich jedem echten Elternteil das Nackenhaar. Das ist wohl Horrorfilmlogik.

Weil die Kinder sich erst mal begeistern, in Muttis altem Zimmer zu schlafen. Nach und nach stellen sich die Großeltern allerdings als immer merkwürdiger heraus. Die Oma schlurft nachts durchs Haus, muss sich dabei übergeben und kratzt die Tapeten von der Wand. Der Opa türmt Windeln im Schuppen, fällt Passanten auf der Straße an und putzt allzu säuberlich sein Gewehr.

Das Ganze wird erzählt als Film im Film. Weil die Kinder für die abwesende Mama alles mit ihrer Kamera festhalten. Das ist die zweite Kröte des Films und eines Shyamalan, der seine Zuschauer noch immer überrascht und verblüfft hat, nicht würdig.

Horror im Wackelmodus

Selbstgedrehte Filmchen im Wackelmodus waren angesagt in den Neunzigern, als die Digitalkamera ihren Siegeszug antrat. Jetzt ist sie selbst im Horrorfilmgenre mehr als ausgelutscht. Und irgendwann ist der Moment erreicht, wo jedes Kind, auch jeder Heranwachsende nur noch schreiend weglaufen, die Kamera aber fallen lassen würde. Während sie hier noch im haarsträubendsten Moment nie aus der Hand genommen wird.

„The Visit“ will Horror und Komödie zugleich sein. Für eine Komödie ist das aber nicht lustig, für einen Horrorfilm auch nicht grauslig genug. Es bleibt bei einem merkwürdigen Zwischending. Alles läuft mal wieder, wie so oft bei Shyamalan, nur auf die schlimmstmögliche Überraschung hinaus. Auch wenn man diesmal ziemlich früh darauf kommen könnte. Ein Comeback? Mehr eine müde „Sixth Sense“-Variation für alle, die den sechsten Sinn verloren haben. Peter Zander

Horror USA 2015 94 min., von M. Night Shyamalan, mit Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Kathryn Hahn

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