Konzert

Bryan Ferry - „Musik ist doch wie eine zarte Pflanze“

Revival mit Roxy Music: Bryan Ferry spielt im Berliner Tempodrom in seinen 70. Geburtstag hinein. Ein Gespräch mit dem Künstler.

Elegant: Der britische Sänger Bryan Ferry ist auf Tournee  in Deutschland

Elegant: Der britische Sänger Bryan Ferry ist auf Tournee in Deutschland

Foto: dpa Picture-Alliance / EVA TEDESJÖ / DN / TT / picture alliance / DN

Bryan Ferry wird nach seiner krankheitsbedingten Absage nun mit ziemlich genau einem Jahr Verspätung im Berliner Tempodrom gastieren. Der reife, immer noch glamouröse Pop-Dandy ist fast ebenso zeitlos wie seine Songs, die ja nun überhaupt nicht altern. Im Tempodrom wird Ferry am 25. September, einen Tag vor seinem 70. Geburtstag, denn auch Klassiker in Hülle und Fülle präsentieren – ausgesuchte Hits der Ex-Band Roxy Music („Avalon“), das Schönste seiner langen Solokarriere („Slave to Love“), kleine Abstecher in den Jazz sowie Songs des aktuellen Albums „Avonmore“. Wir sprachen mit Ferry – dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, die Krawatte hat er abgelegt – in seinem Studio-und Büro-Anwesen im Londoner Edelstadtteil Kensington.

Berliner Morgenpost: Bryan Ferry, eines ihrer neueren Stücke heißt „One Night Stand“. Es ist sicher taktlos, Sie zu fragen, wann ein solches Erlebnis zuletzt bei ihnen stattgefunden hat.

Bryan Ferry: Sie sind tatsächlich der erste Journalist, der das von mir wissen möchte. Die ehrliche Antwort lautet, dass ich mich nicht mehr erinnern kann.

Das ist eher die bequeme Antwort oder?

Nein, es ist wirklich sehr lange her. Dieser Song beruht rein auf Vorstellungskraft. Ich habe mich immer erst verliebt, bevor ich mit einer Frau schlief. Ich glaube in der Theorie an die Liebe, und die Praxis hat mich weitgehend, wenngleich nicht immer, in meinem Glauben bestätigt. Ich bin ein Mensch, der romantischem Gedankengut zugeneigt ist. Flüchtige Liebesabenteuer hatten für mich nie einen romantischen Reiz.

Das elegante und traurige Lied „Lost“, das ein wenig an „Slave to Love“ erinnert, behandelt das Ende einer Liebesbeziehung. Ist „Avonmore“ ein Trennungsalbum?

Nein, das klingt so billig. (lacht laut)

Warum lachen Sie?

Musik war und ist für mich kein Mittel, um mich damit zu therapieren. Meine Songs sind ein Illusionstheater. Ich will die Phantasie der Hörer stimulieren. Über die Liebe zu schreiben, immer und immer wieder, bietet sich deshalb für mich an. Das ist einfach erfüllender, als wenn man über Politik oder über Möbel singt. Ich bin selbst oft verblüfft, wie viele Variationen an Liebesliedern es gibt.

Konsultieren andere Männer Sie etwa in Beziehungsfragen?

Nun, sie wären schlecht beraten, wenn sie das täten. Die Frauen sind ein unendliches Mysterium. Weil Frauen undurchschaubar sind, dreht die Welt sich immer weiter. Ich mag diese Faszination, auch wenn es sich manchmal um eine fatale Faszination handelt.

Ein Schnipsel aus dem Album „The Jazz Age“, auf dem Sie instrumentale Jazz-Versionen ihrer Klassiker spielen, waren im Film „The Great Gatsby“ zu hören.

Ja, außerdem lud uns Regisseur Baz Luhrmann ein, bei der Eröffnungsfeier der Filmfestspiele in Cannes zu spielen. Ich liebe die Romane von F. Scott Fitzgerald und habe es genossen, ein kleiner Teil dieses Films gewesen zu sein.

Sie werden 70. Denken Sie gelegentlich daran, sich zur Ruhe zu setzen?

Nein. Jeden Tag Golf zu spielen oder Tennis, das mag angenehm sein. Aber sehr wahrscheinlich würde es mich schnell langweilen. Ich erhole mich gern an den Wochenenden, besuche einen Freund in Frankreich oder einen auf Ibiza. Ich bin nicht so der Partylöwe, ich gehe nicht tanzen.

Sondern?

Nein. Ich bevorzuge eine ruhige Atmosphäre. Was nicht heißt, dass ich nicht gerne Dance Music höre. Mein Lieblingslied war „Get Lucky“ von Daft Punk. Mein Freund Nile Rogers spielt dort bekanntlich mit. Und er ist selbstverständlich auch wieder auf meinem Album dabei, genau wie Johnny Marr, den ich ebenfalls sehr schätze. Wussten Sie, dass Johnny Marathon läuft?

Wusste ich nicht.

Ja. Unglaublich, oder? Das wäre mir zu viel der Anstrengung. Mir macht es Freude, schön zu essen zu gehen und vielleicht hin und wieder in einen dieser Gentlemen’s Clubs.

Sind Sie ein Gentleman?

Vielleicht bin ich ein Mann, den man üblicherweise so bezeichnet. Ich achte auf mein Äußeres, ich habe Manieren, ich bin höflich. Ich bin gut erzogen worden, das war die entscheidende Grundlage. Meinen vier Söhnen eine sehr gute Erziehung und Ausbildung zu geben, war mir daher sehr wichtig.

Die Jungs sind Mitte 20 bis Anfang 30. Hatte ihr Bemühen Erfolg?

Das hängt davon ab, wen sie fragen. Überwiegend höre ich Gutes über sie.

Sie sind mit Roxy Music schon Mitte der Siebziger zum Weltstar geworden. Worin besteht heute ihr Ehrgeiz?

Weiterzumachen. Ich behandele meine Musik pfleglich, jeder neue Song ist wie eine zarte Pflanze, um die ich mich kümmere. Ich glaube, man übersteht keine vier Jahrzehnte in diesem Geschäft, wenn einem die eigene Musik gleichgültig wird. Viele Menschen sind ja überrascht, dass ich mir immer noch die Mühe mache und neue Alben veröffentliche. Aber mein Ehrgeiz hat nie gelitten: Ich will interessante und besondere Musik veröffentlichen und Konzerte spielen. Ein neues Album mit eigenen Songs aufzunehmen, das ist harte Arbeit. Ich mag „Avonmore“ sehr gern. Die Lieder haben Energie, Funk, Rock’n’Roll, sie sind groovy, und nicht ohne erotische Ausstrahlung.

Singen Sie gegen ihr Alter an?

Ich habe nie darunter gelitten, älter zu werden. Gesundheitlich geht es mir sehr gut, und beim Tennis nehme ich es jederzeit mit Jungs auf, die halb so alt sind wie ich. Mir ist auch sehr daran gelegen, dass meine Kunst nicht einstaubt.

Fühlen Sie sich jünger, wenn Sie mit jüngeren Musikern spielen?

Eigentlich nicht. Ich fühle immer gleich. Die Jungs, mit denen ich jetzt spiele, sind bloß ein bisschen lauter.

Wie wird bei den Konzerten ihr Programm aussehen?

Zwei bis drei Stücke vom neuen Album, die größten Hits von Roxy Music, viele meiner Solo-Songs und ein paar Cover-Nummern.

In ihrer Band begleitet Sie Tara, der zweitjüngste ihrer Söhne, am Schlagzeug. Führt er die Familientradition fort?

Das muss ich ihm überlassen. Grundsätzlich mag ich Traditionen sehr gern. Sie sind wichtig und sollten bewahrt werden.

Welche Traditionen liegen ihnen konkret am Herzen?

Alles, was durch den Computer in Vergessenheit gerät oder verlernt wird. Gerade verliert die Handschrift total an Bedeutung. Die Kinder lernen gar nicht mehr richtig zu schreiben in der Schule, sie wissen kaum noch, wie man einen Füller hält. Ich werde auch immer traurig, wenn ich eine der roten Telefonzellen sehe. Die wenigen, die noch übrig sind, sehen so einsam und verloren aus. Auch finde ich, dass regionale Eigenheiten und Kulturen bewahrt werden sollten. Ich reise viel und stelle fest, dass die Länder, die Geschäfte, die Kleidung sich immer ähnlicher werden. Wer übrigens einen exquisiten Sinn für Traditionen hat, das sind die Bayern. Die Lederhosen und die engen Dirndl-Kleider sehe ich unheimlich gerne.

Tempodrom, Möckernstraße 10, 25. 9, 20 Uhr