Musikszene

Pop-Kultur im Berghain - Was das neue Festival bietet

Berlin Music Week adé - jetzt gibt es das Festival Pop-Kultur im Berghain. Welche Künstler man unbedingt erleben sollte.

Die Berlin Music Week gibt es nicht mehr, seit diesem Jahr heißt sie Pop-Kultur und will sich zum Besucherfestival verwandeln. Vom 26. bis 28. August findet das neue Festival im Berghain statt. Hier soll statt der Musikindustrie wieder der Künstler, vor allem der unbekannte, im Mittelpunkt stehen. Fachunkundiges Publikum ist sehnlichst erwünscht.

Es geht bunt zu. Balbina, die vor wenigen Wochen allseits hochgelobte Berliner Indie-Schlager-Sängerin, wird ihre selbst geschriebenen, noch unveröffentlichten Gedichte vorlesen, während Justizminister Heiko Maas mit Dieter Gorny und Alec Empire über zeitgemäßes Urheberrecht diskutiert, und die Musikzeitschrift „Spex“ ihren 35. Geburtstag mit einem Gender-Talk zelebriert.

Wie all das genau klingen wird, kann man natürlich nicht vorhersagen. Präzisere Aussagen lassen sich nur über das musikalische Line-up treffen. Wir haben uns vorab durchgehört.

Schnipo Schranke: Nichts liegt momentan so im Trend wie Schlager. Es wurde Zeit für den Post-Schlager und da ist er. Friederike Ernst und Daniela Reis wohnen in Hamburg, sind jung und sind Schnipo Schranke. Hört man nicht genau hin, könnten sie auch eine schmissige Vorband für Nena sein. Die Texte aber sind es, die hier die Musik machen.

Ihr Debüt „Satt“ klingt wie stoppelige Mädchenbeine, über die man einen bierbefleckten Baumwolltanga gezogen hat. „Feminist“ steht auf dessen Popo-Seite. Sie singen sie seien „ne Kurze und ne Kranke“. Sie reimen, mehr lustig als diskursiv und – sie sind Frauen – natürlich vornehmlich über die schrittverschwitzte Liebe zum anderen Geschlecht.

Getränke-Empfehlung dazu: ein Trinkpäckchen „Biene Maja“. Der Biene auf der Packung bitte unbedingt ein Genital malen – das ist lustig. (27.8. um 18.40 Uhr)

Isolation Berlin: Rundwangige Indie-Boys in erwartbarer Lederjacke bekennen zu traurigen Gitarren- und Orgeltönen, dass sie ein Produkt sind, ein Produkt, von dem sie wollen, dass man es schluckt. Wirklich schlucken kann man ihren Steppenwolf-Rock aber nicht.

Bislang haben die Berliner nur eine EP auf dem Markt gebracht. Ihr Debüt erscheint im nächsten Jahr. Ein Termin, den man sich durchaus vormerken kann, denn wenn die Jungs, wie in ihrem Titel gebenden Song „Isolation Berlin“ zunehmend wütend und verzweifelt vom Großstadtschmerz singen, machen sie sehr viel Spaß. Ein Spaß, zudem man unbedingt ein Bier trinken sollte. (26.8. um 20 Uhr)

Disco Anti-Napoleon: Dahinter verbirgt sich eine Band aus Nantes, die klingt wie ein Ufo in einem Französischen Science-Fiction-Film, der englisch synchronisiert wurde. Den Kapitän des Ufos ersieht man als rotlippige Garçonne. Sie raucht. Ihre Crew, die vier großen Anti-Napoleons entheben den Hörer aus dem Alltag, immerzu geht es nach oben, dorthin wo hohe Gitarrentöne und chorische Synthies die Gehörknöchelchen zu kitzeln versuchen.

Ihr Debütalbum „Ascent“ ist vergangenes Jahr erschienen. Ihrer Lieder heißen – ja genau – „Ufo“ und „Gremlins“. Es ist Musik, die einen Weißwein verträgt. Tief ins Glas gucken. Schimmert es da auch so schön wie in der Musik? (28.8. um 18.40 Uhr)

DJ Kane West: Er ist ein Produzent und DJ aus London, der Musik macht, die ziemlich genauso klingt, als würde man amerikanisches Werbefernsehen schauen, während man auf einem andere Bildschirm mit links, noch ein wenig „Super Mario“ spielt. Schnell hüpfen, Punkte sammeln, in ein Loch stürzen, noch ein Leben haben. Von vorne anfangen.

House und Trance werden hier vermischt mit Trillerpfeifen und Ansagen: „Hey, my name is Sara, and I’m singing on this track.“ Wests Debüt „Western Beats“ erschien im vergangenen Jahr. Der Herr ist gekommen, um Quatsch auf dem Tanzboden zu machen. Trinkempfehlung: Mineralwasser mit viel Kohlensäure. (27.8. um 20 Uhr)

Bianca Casady: Sie ist eine Hälfte des amerikanischen Indie-Schwesternduos CocoRosie. Auf der Pop-Kultur stellt sie gemeinsam mit der Band The CiA ihr neues Solowerk vor. Wie die ausgekoppelte Single „Fucking Neighbour“ eindrucksvoll beweist, ist das ist nicht unbedingt Wohlfühlmusik: Verstimmte Violinen schnaken zu Flüstern und leisem Klopfen an Kindergeschrei neben Tanz vorbei.

Es ist die vertonte einsam schwingende Schaukel auf einem verlassenen Kinderspielplatz. Das Ganze könnte unheimlich werden. Vor der Performance empfiehlt sich ein Glas mit heißer Milch und Honig – zur Beruhigung. (26.8. um 19.20 Uhr)

Pantha du Prince: Das ist Hendrik Weber aus Hamburg. Ein Kritikerliebling, ein Techno-Konzeptkünstler, der damit begann, Computerabstürze willentlich herbeizuführen und aufzunehmen. Irgendwann begann er dann, einen Beat darunter zu legen. Die Musik, das Projekt nannte er Pantha du Prince.

Es ist elektronische Musik, die klingt, als sei sie wie ein Baum im Wald gewachsen. Dumpfes Knacken mächtiger Äste im rauschenden Wind. Kleine Blätter flirren, bringen mit ihrem Schlagen junge Knospen wie alte Glocken zum läuten.

2014 verbrachte er als Stipendiat des Musicboards drei Monate in der Villa Aurora. Von dort hat er sein neues Drei-Mann-Projekt The Triad mitgebracht, das wird er im Berghain vorstellen. Dazu kann man einen Tee trinken, einen organischen am Besten, den man mit einem Besen aufschäumt, nur um dann knisternden Industriezucker beizuschütten. Den kann man bei seinem kreisförmigen Versinken im Tee beobachtet. Fertig. (26.8. um 19.20 Uhr)