Blutig wird es irgendwann fast immer. Oft sogar sehr blutig. Auch wenn das Umfeld auf den ersten Blick so harmlos wie eine britische Plattenfirma ist. Aber das Fantasy Filmfest, das heute im Cinestar am Potsdamer Platz beginnt, hätte sich eine Satire wie „Kill Your Friends“ nicht als Eröffnungsfilm ausgesucht, wenn es darin nicht rabenschwarz und triefend rot zur Sache ginge.
Schließlich will man den Genrefans einen furiosen Auftakt bieten für die kommenden zwölf Tage, in denen vom Horror über Thriller und Action bis Science-Fiction und Trash so ziemlich alles geboten wird, was nicht Mainstream ist und später oft nur in den hinteren Regalen der Videotheken zu finden.
Ein veritabler Coup
Mit „Kill Your Friends“ ist dem Festival dabei ein veritabler Coup gelungen. Der Film feiert heute in Berlin Weltpremiere, zur Gala kommen auch Regisseur Owen Harris und Autor John Niven, der seinen eigenen Skandalroman adaptierte, die bitterböse Abrechnung eines Insiders über die Praktiken der Musikindustrie.
Wenn man ihm glauben darf, manipulierte, zumindest in den hedonistischen Neunzigern, ein Haufen zugedröhnter Psychopathen den Geschmack von Millionen. Im Film spielt Nicholas Hoult den skrupellosen Jungmanager eines Plattenlabels, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht.

Das Porträt eines Yuppiemonsters zwischen Partys und Drogenexzessen erscheint wie ein Bastard aus „American Psycho“ und „Trainspotting“ und macht als sarkastische Tour de Force mit schnellen Schnitten und dosierter Drastik auch ähnlich viel Spaß. Das gilt auch für Moritz Bleibtreu, der als prolliger deutscher Technoproduzent einen unvergesslichen Auftritt hinlegt.
Zum 29. Mal findet das Fantasy Filmfest statt und hat sich in den drei Jahrzehnten zu einem breit aufgestellten Forum von Genrefilmen entwickelt, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Ein Großteil der Filme in diesem Jahr hat noch keinen deutschen Verleih, die anderen laufen hier lange, bevor sie regulär ins Kino kommen.
Die Lust an der Grenzüberschreitung
Es ist ein Festival unter Gleichgesinnten, kein Glamour wie auf der Berlinale oder in Cannes, es regiert der Enthusiasmus fürs Abseitige. Insektenmonster treffen auf Vergewaltigungsopfer im Racherausch, durchgeknallte Exorzisten auf gnadenlose Gangster, Vampire auf Aliens. Unmöglich, all die ausgewählten Filme in ihrer bunten, bisweilen schrillen Vielfalt auf einen Nenner zu bringen. Was sie aber gemeinsam haben, ist die Lust an der Grenzüberschreitung, oft auch eine erfrischende Selbstironie.

Auch einige deutschsprachige Produktionen stehen auf dem Programm. Das eigenwillige Kammerspiel „Der Bunker“ etwa seziert genüsslich den Alltag einer merkwürdigen Spießerfamilie in ihrer unterirdischen Behausung.
Vater erzählt schlechte Witze, Mutter spricht mit ihrer von einem Dämon besessenen Wunde am Bein und der studentische Untermieter wird zur Nachhilfe für den grenzdebilen Sohn verdonnert, der acht sein soll, aber von einem 31-jährigen dargestellt wird.
Das Debüt von Nikias Chryssos ist mit seinem skurrilen Charakteren und dem an David Lynch und Tim Burton erinnernden Szenario sicher nicht jedermanns Geschmack, ist aber in der oft gescholtenen deutschen Filmlandschaft außergewöhnlich.
Erste Eigengeburt des Festivals
Das mit dem schwarzen Humor können die Nachbarn im Süden in der Regel eh besser, wie die österreichische Komödie „Therapie für einen Vampir“ beweist. Darin hat Tobias Moretti das jahrhundertelange Blutsaugen satt und legt sich im Wien der 30er-Jahre bei Sigmund Freud auf die Couch, um über seine fade Existenz zu jammern.
Und auch die erste Eigengeburt des Festivals erblickt das Licht der Leinwand: Der Splattertrash „Stung“ über mutierte Riesenwespen entstand bei einem vor vier Jahren ausgerufenen Schreibwettbewerb.
Kunstblut und Herzblut
Erstaunlich viele Filme sind hochgradig besetzt. Nicole Kidman ist im Thriller „Strangerland“ als Mutter zweier verschwundener Jugendlicher so gut wie lange nicht mehr. In Matteo Garrones opulentem Cannes-Beitrag „Das Märchen der Märchen“ verspeist Salma Hayek als Königin mit unstillbarem Kinderwunsch das Herz eines Seemonsters.
Und in einer ungewöhnlichen Rolle ist auch Arnold Schwarzenegger in „Maggie“ zu sehen. Er spielt den verzweifelten Vater eines Mädchens, das sich langsam in einen Zombie verwandelt. Statt des üblichen Gemetzels konzentriert sich der Film auf das Drama eines Mannes, der wehrlos der Transformation seiner Tochter zusehen muss.

Nicht alles freilich ist so feinsinnig und geschmackvoll. „Excess Flesh“ über eine WG von Essgestörten etwa setzt statt subtiler Spannung auf puren Ekel, bei dem sich einem der Magen umdreht. Und einer der lustigsten Beiträge, „Deathgasm“, macht endlich Ernst mit dem ewigen Vorwurf, Death Metal sei Satansmusik. Als drei Jungs Songs einer berüchtigten Metalband nachspielen, mutieren die Nachbarn zu Zombies.
Das Herzblut, mit dem die Macher um Rainer Stefan das Programm gestalten, ist dem Fantasy Filmfest anzumerken. Es ist ein Publikumsfestival, und die Fans diskutieren zwischen den Filmen im Kino und in zahlreichen Blogs im Internet. Und sie entscheiden über den Zuschauerpreis für den besten Debüt- oder Zweitfilm. Der heißt passenderweise Fresh Blood. Und davon gibt es auch dieses Mal wieder reichlich.
Fantasy Filmfest: 5.-16.8., Cinestar am Potsdamer Platz. Programm unter www.fantasyfilmfest.com




