Film

"Slow West" - Ein Milchbart revolutioniert den Western

Der Western ist das toteste aller Genres. Mit "Slow West" feiert es nun ein Revial. Michael Fassbender reitet darin in Unterwäsche.

Mannbarkeitswerdung: Greenhorn Jay (Kodi Smit-McPhee) erhält vom hartgesottenen Cowboy Silas (Michael Fassbender) seine erste Rasur

Mannbarkeitswerdung: Greenhorn Jay (Kodi Smit-McPhee) erhält vom hartgesottenen Cowboy Silas (Michael Fassbender) seine erste Rasur

Foto: prokino / Prokino

Was für ein Bild. Da reiten zwei Cowboys durch die Prärie. Gut, werden Sie sagen, das ist nun wirklich nichts Neues. Aber sie reiten in Unterwäsche. Diesen roten Ganzkörperstrampelanzügen. Und zwischen ihren Pferden, an ihren Satteln festgezurrt, baumelt ein Seil voller Kleidungsstücke, die noch trocknen müssen.

Ein fast emblematisches Bild. Es verrät uns ganz nebenbei eines der letzten großen Geheimnisse des Wilden Westens: Wie haben die dort, ewig durch den Staub reitend, zumindest ab und an ihre Klamotten gesäubert? Es erzählt uns aber vor allem, und das ganz bildlich, von der Bande zwischen zwei Männern in der Einsamkeit der Prärie.

Der Western ist ja eigentlich tot. Das toteste aller Filmgenres. Jeder Neuversuch, der gelingt, ist immer auch ein Schwanen- und Abgesang. Zuletzt musste der Western eher als Parodie („Lone Ranger“) oder bizarrer Genre-Mix („Cowboys vs. Aliens“) herhalten, und auch das hat nicht ganz funktioniert. „Slow West“ aber, der am Donnerstag in die unsere Kinos kommt, findet eine z simple und doch überzeugende Art, das Ganze noch mal völlig neu, unbelastet zu sehen.

Er schickt anno 1870 einen 16-jährigen Schotten in die Neue Welt, der alles, was der Zuschauer schon zum x-ten Mal gesehen hat, mit dem unschuldig-naiven, staunenden Blick eines Teenagers betrachtet. Es ist auch der Blick eines Frischlings, der erwachsen, der mit dem Leben klar kommen, der sich buchstäblich seine Sporen verdienen muss.

Ein Film, der mehrfach fremd geht

Gleich zu Beginn reitet dieses Greenhorn (Kodi Smit-McPhee) durch einen rauchenden, qualmenden Wald. Traumatisierte Indianerinnen kreuzen seinen Weg, abgefackelte Wigwams und ein, zwei Indianer, die nicht sein Leben wollen, sondern an ihm vorbeihetzen, weil sie gejagt werden. „Slow West“ zeigt uns hier, ganz en passant und in kurzen Einstellungen, mehr über die blutige Eroberung der Neuen Welt als ganze Indianerfilme.

Und er tut das mit nie gesehenen Bildern. Recht bald aber steht plötzlich ein Desperado (Michael Fassbender) vor ihm, ein klassischer Cowboy, der dem Jungen klar macht, dass er hier draußen alleine nie überleben wird. Er will ihn beschützen. Nicht umsonst, versteht sich.

So haben wir ein klassisches Gegensatzpaar. Der naive Knabe, der an das Gute, an die Neue und bessere Welt glaubt, und ein alter Zyniker, der schon alles gesehen hat und an gar nichts mehr glaubt. Und doch verbindet sie bald eine enge Bande. Und damit meinen wir nicht nur die Wäscheleine.

Dieser Western geht in vielerlei Hinsicht fremd. Der Western, das war ja gemeinhin immer das letzte Derivat echter Männer, die sich nicht den Gesetzen der Zivilisation anpassen wollen. Und die lieber einsam in den Sonnenuntergang reiten. Frauen haben darin nichts zu suchen, weil sie ja gerade diese Gesellschaft mit ihren Zwängen (die Ehe!) verkörpern. Es sei denn, sie suchen als Cowgirls und Flintenweiber das Macho-Gehabe noch zu übertreffen.

Western als Liebesfilm

„Slow West“ dagegen ist im Innersten ein Liebesfilm und stellt damit schon mal das Genre auf den Kopf. Da reist ein Schotte durch die halbe Welt, um sein Mädchen wiederzufinden, das aus der Heimat hat fliehen müssen. Was er nicht weiß, ist, dass auch in der Neuen Welt längst ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt ist und sie von Desperados gejagt wird, die er unwissentlich auf ihre Fährte führt.

„Slow West“ geht auch deshalb fremd, weil er eben nicht in den ewigen Weiten der John-Ford-Landscape gedreht wurde, sondern in Neuseeland, auf dem Boden der Hobbits und der Elben. Der Wilde Westen war schon immer ein dehnbarer Begriff, die Italo-Western etwa wurden in Spanien gedreht, die deutschen Winnetou-Filme in Jugoslawien. Die Prärie funktioniert überall, wo kein Hund begraben sein möchte. Sie funktioniert hier sogar besonders gut, nie glaubt man anderes, als wirklich durch Colorado zu reiten.

Und dann ist da noch der fremde Blick des Regisseurs. John Maclean ist nicht nur ein Schotte, der mit dem Blick des Außenseiters auf das amerikanischste aller Filmgenres blickt. Maclean ist vor allem eigentlich ein Musiker, der mit der schrägen Indie-Band „Beta Band“ bekannt wurde. Und nur auf Umwegen zum Film kam, indem er erstmal Videoclips für die Betas und später auch für seine Nachfolgeband The Aliens drehte.

„Slow West“ ist nun sein erster großer Film und einer der ungewöhnlichsten Regiedebüts des Jahres. Denn natürlich ist Maclean das Kino-Greenhorn, er guckt mit denselben unschuldigen Augen wie sein junger Hauptdarsteller auf das Business. Und hat ebenfalls mit Michael Fassbender einen Kumpel an seiner Seite.

Ein Regisseur und sein Star

Den Briten hat er schon 2009 für seinen ersten Kurzfilm „The Man on a Motorcylce“, der noch auf seiner Handykamera gedreht wurde, gewinnen können, da drehte der gerade „Inglourious Basterds“ und stand kurz vor seinem Drehbuch. Fassbender hat auch bei seinem zweiten Kurzfilm „Pitch Black Heist“ mitgespielt und hat bei „Slow West“ zugesagt, noch bevor auch nur ein Script existierte. Enge Bande fürwahr.

„Slow West“ ist kein Neubeginn, kein Revival des Westerns. Aber, das ist ja auch schon viel, er ist ein großartiger Western. Und einer, der dem ausgelutschten Genre ein paar wirklich neue Bilder und Sichtweisen verpasst. Ein lakonisches Werk, das natürlich an Neo-Western von Jim Jarmusch („Dead Man“) oder den Coens („True Grit“) erinnert. Aber doch eine ganz eigene Handschrift aufweist. Da reitet ein unbescholtener Schotte voller Optimismus in die weite Prärie des Kinos. Da kann noch viel kommen.