Sie: ein spätes Mädchen. Lehrerin vielleicht. Im hellen Sommerkleidchen wartet sie in ihrem hellen, mit bescheidenen Ikea-Möbeln eingerichteten Wohnzimmer auf den Galan aus der Bekanntschaftsanzeige. Nervös rückt sie die Obstschale zurecht, trinkt noch einen Mut machenden Tequila. Sie ist offenbar Mexiko-Liebhaberin, die roten Knüpfteppiche und Frida Kahlos Selbstbildnis als verwundeter Hirsch über dem Sofa deuten darauf hin. Deshalb vielleicht auch ihr merkwürdiges Dating-Pseudonym: Montezuma.
Er: Draußen klettert nun ihr Galan über den Zivilisationsschrott aus alten, schwarzverschmierten Autos, auf welchen ihre Wohnung weißgleißend von Johannes Leiacker aufgebockt wurde. Der Glatzkopf im schwarzen Mantel trägt seine Blumen stolz vor sich her, zögert aber schüchtern, anzuklopfen. Sein Passwort: Cortez. Der Eroberer als Rosenkavalier.
Was hier in der Salzburger Felsenreitschule anhebt, vorher mit fiesgelbem Operationsnarbenlicht das Publikum als Edelmumien in einer Luxusleichenhalle erscheinen lassend, bringt zunächst Angela Denoke und Bo Skovhus, Peter Konwitschnys famoses „Wozzeck“-Paar von 1998 neuerlich zusammen. Was folgt, so grotesk wie komisch, erinnert ebenfalls an die gloriose Hamburger Operndramaturgie, an der auch der im offenen Graben waltende Ingo Metzmacher zehn Jahre lang entscheidend beteiligt war: an jene lustig-verunglückte Essenseinladung-Pantomime, welche die Prinzessin Eboli für die spanische Königsfamilie schmiss.
Das sind Insider-Witze. Eigentlich sollte doch hier, zur szenischen Festspiel-Eröffnung und weil György Kurtàgs Beckett-Oper „Endspiel“ nicht fertig wurde, Wolfgang Rihms sechstes Musiktheaterwerk, „Die Eroberung von Mexico“ gespielt werden. Uraufgeführt 1992 in Hamburg, schon damals von Ingo Metzmacher dirigiert. Und ja, man hört es auch, dieses suggestive Schlagwerkwettergrollen, das durch den Raum grummelt, von drei Emporen und aus ORF-Radio-Symphonieorchester Wien. Aber man sieht es nicht. Zumindest nicht das von ihm erdachte blutige Schlachten und Göttergebären, welches sich Rihm, der konsequenteste, aber eben oft nur schwer fasslichste Mythengründler unter Deutschlands Komponisten mit seiner Trüffelscheinnase da aus Antoin Artauds gleichnamigem Dramenentwurf, seinem „Seraphim-Theater“, einem Gedicht von Octavio Paz sowie altmexikanischen Gesängen zusammenhalluziniert hat. Zwei Stunden lang modernes Musiktheater als Rätselsingspiel mit darin verwobenen männlichen Sprechern, einer hohen und einer tiefen Frauenstimme, Chor vom Band und zwei Sologeigen als leuchtenden Klanginseln der wenigen Hoffnung. Einem erbarmungslos fragenden Regisseur wie Peter Konwitschny genügt das nicht. Der will keinen exotischen Altaraufsatz hinstellen, der will etwas erzählen. Das tut er. Denn wie sollen eigentlich Nationen, Menschen miteinander umgehen, wenn es noch nicht einmal im Zwischenmenschlichen, mit Mann und Frau klappt? Und vielleicht hat Rihm deshalb den aztekischen Gottkönig Moctezuma, mit einer Frauenstimme besetzt.
Wolfgang Rihm hat vorher förmlich das Aztekenreich akustisch zerdeppern lassen, und Ingo Metzmacher hat das prima angeleitet. A-capella, im Dunkel, vor dem Kahlo-Bild sieht man die Schatten von Montezuma und Cortez. Sie singen, im Duett. Ist Liebe, Einssein gar, konfliktfrei möglich. Und so findet eine luzide, tolle erste Salzburger Opernpremiere einen versöhnlichen Schluss.

