Das Palace Theatre in Manchester ist ein liebevoll in Schuss gehaltenes Stadttheater aus dem späten 19. Jahrhundert. Jede Menge Rot und Gold und Schnörkel an den Wänden, die Sitze sind mit sympathisch abgerocktem Plüsch bezogen, das ganze Haus verströmt diese neoantike Opulenz, wie man sie in einer Arbeiterstadt wie Manchester wenigstens früher mit festlichem Kulturgenuss verband. Ballett und Opern werden im Palace auch gegeben, aber am besten liefen immer die leichten Sachen, Musicals und Rockkonzerte von Bands wie Status Quo. Die Tourneeproduktion „Jesus Christ Superstar“, die im Frühjahr in Manchester Station machte und ab heute für eine gute Woche an der Deutschen Oper läuft, ist irgendwie beides. Der Klassiker von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice fusioniert die Rockshow ideal mit dem Musical.
Wilderei in allen Stilen
Die kompakte Band spielt so druckvoll, als gehöre sie nicht in den Graben, sondern mit auf die Bühne. Die Musik beschwört eine Zeit herauf, als das E-Gitarrensolo noch geholfen hat. Aber auch krumme Takte wie 5/4 oder 7/4 kommen häufig vor. Vom Generalverdacht auf Sülz und Schmalz, der sonst stets über dem Genre Musical lastet, ist „Jesus Christ Superstar“ nahezu frei. Kein Wunder: Andrew Lloyd Webber war Anfang 20 und noch an der Musikhochschule, als er 1970 mit dem Texter Tim Rice die tollkühne Idee verwirklichte, die Passion Jesu zu einer Rockoper zu verarbeiten. Schon Webbers Vorgänger „Joseph and The Amazing Technicolor Dreamcoat“ (1968) verhandelte einen biblischen Stoff, war aber musikalisch eher eine hübsche Wilderei in alten Stilen.
Weil sich kein Produzent dem Vorwurf der Blasphemie, der angesichts des knallig auftrumpfenden Titels „Jesus Christ Superstar“ nahelag, aussetzen wollte, brachten Webber und Rice ihr Werk zunächst als Konzeptalbum heraus, mit dem Deep-Purple-Sänger Ian Gillan als Jesus und Murray Head als Judas Ischariot. Die Platte aber verkaufte sich so überragend, dass „Jesus Christ Superstar“ bereits 1971 am Broadway in New York uraufgeführt wurde. Knapp viereinhalb Jahrzehnte, unendlich viele Bühnenshows in aller Welt und zwei Verfilmungen später hat das Stück nichts von seiner Vitalität und erschütternden Kraft eingebüßt, jedenfalls dann, wenn es so stringent inszeniert wird wie die Fassung, die Bob Tomson jetzt mit dem Segen von Webber und Rice neu erarbeitet hat.
Wer sich noch an das wallende blonde Haar und das adonismäßig schöne Gesicht des jungen Ian Gillan erinnert, mag in Glenn Carter beinahe dessen Wiedergänger erblicken. Carter verkörperte schon am Broadway und in der Filmproduktion von 2000 die Titelrolle, und auch jetzt, wo er bereits 18 Jahre älter ist als Jesus bei der Kreuzigung, überzeugt er als starker Darsteller, der auch stimmlich die überaus schwere Partie bestens bewältigt.
Der Australier Tim Rodgers als sein Gegenspieler Judas bringt vielleicht etwas weniger Charisma auf die Bühne. Aber die Seelenpein des Gefährten, der die Wege Jesu nicht billigt und ihn verrät – in der Lesart dieses Stücks beinahe in bester Absicht –, nimmt man Rodgers mühelos ab. Rachel Adedeji ist eine begabte und sympathische junge Sängerin aus London, die nichts dafür kann, dass die Rolle der Mary Magdalene in diesem Musical einem unfassbar antiquierten Frauenbild folgt. Hier ist das Weib fraglos des Mannes Untertan, so wie der Apostel Paulus es im Brief an die Epheser anmahnt. Maria Magdalena hockt vorzugsweise zu Füßen des Meisters, massiert den Müden und schaut unentwegt barmend zu ihm auf. Ob die beiden auch das Bett miteinander teilen, bekommt der Zuschauer in Tomsons Inszenierung wohlweislich nicht zu sehen. „So wie die Regie uns geführt hat, sind wahre Liebe, echte Freundschaft und gegenseitige Unterstützung in der Konstellation dieser Figuren viel wichtiger und wertvoller als ein eventuelles eigennütziges sexuelles Begehren“, sagt Glenn Carter. „Ich persönlich glaube, dass sie Sex hatten. Aber für dieses Stück ist das nicht von Belang.“ Auch seine Bühnen-Maria Rachel Adedeji ist augenscheinlich froh, dass die Frage nach der genaueren Natur des Verhältnisses zwischen Maria und Jesus unbeantwortet bleibt: „Manche sagen, Maria Magdalena sei eine Prostituierte gewesen. Ich gebe ihr nur in kurzen Augenblicken eine Anmutung davon, denn nach der Begegnung mit Jesus Christus ist sie ein völlig anderer Mensch.“
Peinigend intensives Ende
Von Anfang an thront als Menetekel eine mächtige, stilisierte Dornenkrone über der Szene. Das peinigend intensive Ende nimmt die komplette zweite Hälfte der Show ein. Die Auspeitschung ist grässlich (und bereitet dem dafür zuständigen Schauspieler regelmäßig schmerzende Arme), der Tod am Kreuz, der 18 quälend lange Minuten dauert, ist großartig inszeniert und doch kaum mit anzusehen. Da schweigt die Musik, von der Webber den Akteuren seiner Shows immer wieder sagt: „Vertraut ihr einfach.“ Glenn Carter schwört darauf, dass Webber recht hat. „Die Musik trägt alles.“ Ob die letzten Atemgeräusche des Gekreuzigten nicht übertrieben theatralisch seien? Nein. Genauso, sagt er, klangen sie auf dem Sterbebett seiner Mutter.
Jesus Christ Superstar: Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg.
Tel.: 343 84 343. 28.7–31.7., 20 Uhr, 1.8.,
15 und 20 Uhr, 2. August, 14 und 19 Uhr.


