Berlin-Konzert

SoKo singt im Gretchen bis zur Grenze der Erschöpfung

Gymnastische Übungen und ein fliegender Büstenhalter: Die französische Sängerin bietet einen unterhaltsamen Abend in Kreuzberg.

Stephanie Sokolinski aka SoKo spielt im Kreuzberger Gretchen

Stephanie Sokolinski aka SoKo spielt im Kreuzberger Gretchen

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

SoKo spielt zumeist am Keyboard, aber auch Gitarre, gegen Ende setzt sie sich hinter das Schlagzeug. Sie hüpft wirbelwindig auf der Bühne, schwitzt und japst nach Luft und schüttet Wasser in das Publikum. Nach einigen Liedern dürfen vier Zuschauer auf die Bühne und hopsen für zwei Songs mit.

SoKo animiert die Zuschauer zu gymnastischen Übungen. Sie lässt sich vom Publikum einmal quer durch den Raum tragen. Sie singt mit einem Büstenhalter auf dem Kopf, deren Besitzerin halbnackt auf der Bühne mit SoKo mittanzt. Kurzum, man kann nicht sagen, dass man sich an diesem Abend nicht bestens unterhalten fühlte.

Verzicht auf "I kill her"

Die Französin SoKo, Jahrgang 1986, hat schon alle erdenklichen Haarfarben getragen, für den Aufritt im ausverkauften Gretchen am Sonntagabend hat sich für den dunkelhaarigen Wuschelkopf entschieden. Stéphanie Sokoliniski ist ihr richtiger Name, aufgewachsen ist sie in Bordeaux, dankenswerterweise spricht sie ein akzentfreies Englisch, schließlich lebt sie jetzt auch in Los Angeles.

Vielleicht kennt man sie als Schauspielerin, in dem Cannes-Film "Der Retter" hat sie mitgespielt, aber mit Sicherheit kennt sie aus den Jahren 2007/2008, als es kein Entrinnen vor ihrem Lied "I kill her" gab. Selten wurde in der Popgeschichte einer Blondine, die ihr den Liebsten ausspannt, so glaubhaft Rache angekündigt.

Sie spielt an dem Abend das Lied, wie auf ihrer gesamten Tournee, nicht, was für eine Sängerin mit zwei Alben und einer EP eine interessante Entscheidung ist. Ihren Hit auszusparen, liegt wohl daran, dass sie die Zeit nach ihrem großen Erfolg nicht genießen konnte, in Interviews spricht sie von Depressionen und Burn-out und vor allem, dass sie keine Lust mehr hat, darüber zu sprechen.

Eines der besten Alben des Jahres

So sei es. Ihr neues Album "My Dreams Dictate My Reality" ist eines der besten Alben des Jahres, da kann nicht mehr viel Besseres kommen. Bis auf melodiös-träumerisches Einsprengsel wie "I come in peace" nimmt es Anleihen von The Cure, The Clash, Siouxsie Sioux und anderes New-Wave-Material, ohne das man eine Sekunde auf die Idee kommen könnte, dass man Teil einer ironisch gemeinten Retro-Veranstaltung sein könnte.

"Who wears the pants" oder "Peter Pan Syndrome" sind exzellente Popstücke, und SoKo, begleitet von vier Musikern, trägt sie bis an die Grenze zur Erschöpfung vor. Das Gretchen ist wie immer bei Konzerten nach kurzer Zeit gut warm und, auch das wie immer, ist der Sound großartig abgemischt. Wenn nicht idiotischerweise die Toiletten hinter der Bühne wären, was auf der Seite der Bar auf der linken Seite zu einem ständigen Geschiebe führt, wäre es der ideale Veranstaltungsort.

SoKo hat auf bemerkenswerte Weise das Publikum im Griff. Bei dem getragenen-hymnischen Song "Visions" bittet sie um Ruhe, insbesondere von denen da vorne, und dabei zeigt sie auf ein paar Leute. Bei einem anderen Lied empfiehlt sie den Gästen "einen Tritt in den Hintern" zu geben, die weiterhin quatschen. Das Erstaunliche ist: Es funktioniert. Keine dummen Sprüche, ein konzentriertes, in diesen Augenblicken geradezu artiges Publikum. Der Abend endet ruhig. Vor der Zugabe einer ihrer schönsten Lieder "First love never die", am Ende einer ihrer traurigsten: "We might be dead tomorrow".

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