Filmproduktion

Regina Ziegler hatte nie Angst vor Männern

Die Berliner Filmproduzentin wird für ihr Lebenswerk geehrt. Regina Ziegler über Familien im Büro und das Verhältnis zu ihrem Bankberater.

Foto: Massimo Rodari

Sie gehört zu den erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands. Und ist die einzige Power-Frau in der noch immer von zigarrenschmauchenden Herren dominierten Branche. Im kommenden Jahr kann Regina Ziegler ihr 40-jähriges Firmenjubiläum feiern.

Am heutigen Sonnabend wird sie an anderer Stelle gefeiert. Beim diesjährigen European Broadcasting Festival, das derzeit in Berlin stattfindet, wird ihr der Prix Europa für ihr Lebenswerk verliehen. Er wird ihr in der russischen Botschaft Unter den Linden überreicht. Morgenpost Online hat mit der 68-Jährigen gesprochen.

Morgenpost Online: Frau Ziegler, stimmt es eigentlich, dass Sie mal eine Zeitlang die Berliner Morgenpost ausgetragen haben?

Regina Ziegler: Stimmt. Ich war damals 19 oder 20 und musste Geld verdienen. Das war für die Waden ganz gut, jeden Tag treppauf, treppab Charlottenburg zu versorgen. Ich habe das aber nach einem Vierteljahr aufgegeben, weil so früh morgens in vielen Hauseingängen Betrunkene lagen, die mich meistens angemacht haben.

Morgenpost Online: Sie haben schon so viele Preise bekommen. Bedeuten die Ihnen eigentlich noch was oder nimmt man die halt so mit?

Ziegler: Nee nee nee. Ein Prix Europa fürs Lebenswerk ist schon etwas, worüber ich mich sehr freue. Diese Preise sind ja nicht nur für mich, sondern für das ganze Ziegler-Team. Wir werden nächstes Jahr 40 mit der Firma und sind sehr stolz darauf, dass wir so kontinuierlich Preise erhalten. Ein Preis ist ja auch die Wahrnehmung und Anerkennung einer Arbeit.

Morgenpost Online: Schreckt ein Preis fürs Lebenswerk nicht? Sie denken ja noch lange nicht ans Aufhören!

Ziegler: Es ist ja nicht der erste. Ich habe ja schon 1999 den Grimme-Preis fürs Lebenswerk von Rita Süssmuth überreicht bekommen. Damals hab ich mich natürlich gefragt, ob das nicht ein wenig früh ist. Aber wenn man fürs Lebenswerk ausgezeichnet wird, wenn man noch in der Blüte steht, motiviert das besonders, noch mal nachzulegen. Und das ist jetzt wieder so. Ich habe diese Firma 1973 gegründet, als persönlich haftende Einzelfirma. Und dass es uns als unabhängige Produktionsfirma immer noch gibt, finde ich ganz wunderbar.

Morgenpost Online: Sie zählen zu den mächtigsten Produzenten in Deutschland. War das am Anfang eigentlich schwierig, sich als Frau in dieser Branche durchzusetzen?

Ziegler: Was ich schnell zu spüren bekam, war dieses, wie ich das immer nenne, Old Boys’ Network. Ich sagte, dann machen wir ein Nice Ladies’ Network. Ich habe nie im Leben Angst vor Männern gehabt. Ich bin keine Feministin, wie man weiß, sondern eine Frau, die versucht, mit allen Mitteln - von Charme bis Leidenschaft – Dinge möglich zu machen. Ich war anfangs geprägt von großem Optimismus. Was ich mir mit diesem Sprung ins kalte Wasser angetan hatte, merkte ich erst bei meiner ersten Kinoproduktion „Ich dachte, ich wäre tot“. Damals gab es ja noch keine öffentliche Förderung, kein Filmförderungsgesetz. Als 29-Jährige hoffte ich, einen Fernsehsender zu finden, der das koproduziert. Das war aber nicht der Fall. In dieser Situation habe ich entschieden: Okay, dann machen wir’s halt alleine. Meine Mutter hat gepumpt, die Eltern des Regisseurs Wolf Gremm haben gepumpt, Freunde haben gepumpt. Dieser Film entstand wirklich nur auf Pump. Ich denke, ich habe mir den Respekt verdient, weil ich den Film allein fertiggestellt habe. Und dann kamen viele Preise und eine Produktionsprämie – das war schon mal ein guter Start.

Morgenpost Online: Wenn es in Berlin einen Empfang gibt, kommen immer zwei Paradiesvögel. Rosa von Praunheim – und Sie. Sie sind berühmt für ihre roten Roben und Hüten. Ist das einfach nur Ihr Stil oder war das auch ein Signal, um als Frau wahrgenommen zu werden?

Ziegler: Ich sehe mich da eher als Kunstwerk von Wolf Gremm, mit dem ich jetzt auch schon seit Ewigkeiten zusammen bin. Der berät mich immer und ist auch sehr kritisch. Der sagt mir immer gnadenlos, was mir steht und was nicht. Ich habe immer rote Teppiche im Büro gehabt. Die Idee ist, wenn du über einen roten Teppich gehst, betrittst du das Land der Fantasie. Wir sitzen, wie Sie sehen, ja jetzt auch auf einem roten Teppich, rote Servietten gibt es auch. Ich habe Ihnen allerdings nicht den Gefallen getan, im roten Outfit zu erscheinen. Ich habe auch eine lila Phase und finde die auch ganz nett.

Morgenpost Online: Bei 40 Jahren Firmengeschichte, gibt es da klare Lieblinge – oder ist das immer der nächste Film?

Ziegler: Filme sind immer wie ein Kind, das man großzieht. Bis es dann erwachsen wird und ins Kino oder ins Fernsehen kommt. Aber natürlich gibt es Lieblinge. Es wird immer der erste Film sein, es wird immer „Fabian“ sein, meine erste große Sechs-Millionen-Mark-Produktion mit Oscar- und Golden-Globe-Nominierung. Die Serie „Weissensee“, an die anfangs keiner so richtig geglaubt hat, und jetzt haben wir gerade die 2. Staffel fertiggestellt. Natürlich „Die Wölfe“, ausgezeichnet mit dem Emmy Award, und last but not least: „Korczak“.

Morgenpost Online: Ab wann wissen Sie, der Stoff interessiert mich? Gibt es da Instinkte oder ein Film-Gen?

Ziegler: Man muss schon eine Nase haben wie das Schwein, das Trüffel sucht. Nur ein Beispiel: Als ich von Udo Jürgens „Der Mann mit dem Fagott“ gelesen habe, wusste ich sofort, das muss ich verfilmen. Da waren auch schon andere interessiert, die Herren Jürgens und Burger haben sich dann so angeguckt, wie die Männer das halt so machen. Aber ich konnte sie überzeugen, dass ich die Beste bin. Nach mehrmaligem Autorenwechsel war Udo dann zwischendurch nicht mehr so richtig überzeugt und hätte die Rechtekosten rückerstattet Aber nix da: Ich hatte die gekauft und ich wollte das machen. Und Udo war am Ende mit dem Ergebnis überglücklich - und jetzt noch der Deutsche Fernsehpreis! Ich bin immer mit meinem Herzblut dabei. Unsere Firma lebt ja nicht vom Serien produzieren , wir haben immer nach Überraschungen gesucht. Dafür brenne ich, dafür kämpfe ich.

Morgenpost Online: Und wenn es dann mal nicht so gut läuft wie Ihr Mammutprojekt „Henri 4“? Schmerzt das?

Ziegler: Aber ja. Da musste ich erst mal meine Wunden lecken. Das hat schon sehr geschmerzt. Aber so etwas passiert immer wieder. Wenn eine Quote im Fernsehen nicht stimmt oder ein Film wie „Kamikaze 1989“, der letzte Film mit Rainer Werner Fassbinder als Schauspieler, im New Yorker MoMA immer wieder gezeigt wird, nicht aber hier, in Deutschland – das ist schon traurig.

Morgenpost Online: Sie haben regelmäßig Ihr Vermögen riskiert, haben sich eine Zeitlang sogar als „Minus-Millionärin“ bezeichnet. ..

Ziegler: Das war ich auch!

Morgenpost Online: Hatten Sie je Angst, unterzugehen?

Ziegler: Wenn ich ehrlich bin: Nee. Meine Familie hat schon immer mal wieder mit einem Lächeln gesagt, wenn das so weitergeht, werden wir am Hungertuch nagen. Aber irgendwie habe ich es doch immer geschafft. Das hat auch damit zu tun, dass ich unheimlich fleißig bin. Der Job ist oft reine Selbstausbeutung. Einen Satz, der hier oft fällt in unserem Büro, ist: „Bei Ziegler Film hat der Arbeitstag 24 Stunden, danach fangen die Überstunden an und die werden auch nicht bezahlt.“

Morgenpost Online: Wie gut verstehen Sie sich mit Ihrem Bankberater?

Ziegler: Bis heute bekomme ich ja keinen Kredit, für den ich nicht selber bürge. Und meine Tochter bürgt auch. Von daher finden die Bankberater uns sehr in Ordnung, weil wir uns immer an die Absprachen halten.

Morgenpost Online: Sie arbeiten sehr oft mit Ihrem Mann zusammen, Ihre Tochter ist in die Firma eingestiegen. Ist das das Erfolgsrezept der Firma Ziegler: Es bleibt in der Familie?

Ziegler: Tanja ist jetzt Mehrheitsgesellschafterin. Ich finde, wenn man was aufgebaut hat, muss man irgendwann darüber nachdenken, wie man das weiterführen kann. Dass sie schon vorher als Produzentin erfolgreich war, ist wunderbar. Dass sie bereit war, diese Verantwortung zu übernehmen, fand ich noch wunderbarer. Und das Wunderbarste ist, dass wir uns so wundervoll verstehen. Sie hat gerade einen großen Erfolg mit „Mutter muss weg“, wo ich sie schon gefragt habe, was der Titel bedeutet. Sie hat spontan geantwortet, dass der nächste „Mutter forever“ heißen wird.

Morgenpost Online: Und wie ist das, mit einem Regisseur liiert zu sein? Redet man da abends noch über was anderes?

Ziegler: Haha. Bei uns sind schon auch mal Fetzen geflogen. Auch manchmal Geschirr. Das muss man ja nicht gleich kaputtmachen, man kanns ja auch mit Berechnung aus dem Fenster werfen, wenn draußen Laub liegt. In aktiven Produktionsphasen konnte das schon ganz schön kritisch sein. Wir haben uns aber irgendwann gesagt, dass man sich im Alter nicht mehr so fetzen muss. Deswegen haben wir jetzt einen ausführenden Produzenten, der das ein bisschen abfedert. Wir sind da ruhiger geworden. Und ich genieße unsere kleine Film-Family.

Morgenpost Online: Darf man fragen, wie es Ihrem Mann geht? Er leidet an Knochenkrebs. Wird er Sie zur Preisverleihung begleiten?

Ziegler: Das dürfen Sie. Er ist momentan sehr gut drauf, seine Werte sind super. Diese Monster sitzen zwar noch in den Knochen, kriegen aber kein Futter mehr. Er wird mich nicht nur heute begleiten, wir wollen auch im November gemeinsam zur Emmy-Preisverleihung nach New York fliegen.