Italienische Nacht

Über sieben Brücken nach Mailand und Neapel

Mirjam Miesterfeldt singt Oper, Musical, Pop und tanzt. Bei Classic Open Air auf dem Berliner Gendarmenmarkt trifft die Sopranistin nun auf ihr bislang größtes Publikum.

Foto: classic open air

Manche Sänger schwören darauf, sich vor der Vorstellung immer den rechten Schnürsenkel zuerst zuzubinden. Solche Rituale sollen bei Lampenfieber helfen. Andere beruhigen sich mit Handyspielen vor dem Auftritt. „Eine Bekannte nimmt immer fünf Plüschtiere mit, Lampenfieber ist wirklich ein Riesenthema“, findet auch Mirjam Miesterfeldt. Dabei gibt es Lehrer, die sich darauf spezialisiert haben. „Viele sagen, man muss die innere Mitte finden. Aber ehrlich, ich habe noch nichts entdeckt, was mir hilft, außer tief durchzuatmen.“

Die 32-Jährige fragt sich hinter der Bühne regelmäßig, warum sie diesen Beruf gewählt hat und nicht auf einem gemütlichen Bürosessel sitzt. Die zweite Frage lautet, „ob da überhaupt ein Ton herauskommt“. Wenn sie mit ihrer Band Lysander auftritt, verfliegt das Lampenfieber beim Griff zum Mikrofon. Auf der Opern- oder Konzertbühne weiß sie nach dem ersten gesungenen Ton wieder, warum sie ihren Traumberuf ergriffen hat.

Mimi lautet ihr Spitzname. Als Kind verliebte sie sich in eine Opernarie, die sie ständig trällerte: „Si mi chiamano Mimi“, die Arie der Mimi in „La Bohème“. Mit 13 Jahren nahm sie Gesangsunterricht. Drei Jahre später begann sie, in verschiedenen Bands zu singen, erst Heavy Metal, dann Rock, schließlich akustischen Pop. Die Zweigleisigkeit hat sie nie aufgegeben. Sehr oft hat sie gehört: „Sie müssen sich entscheiden. Oper und Pop gehören nicht zusammen. Sie können nicht in beidem wirklich gut sein.“

Mirjam Miesterfeldt wollte sich nicht entscheiden. Ihre Band Lysander, in der sie singt, ihr Bruder Keyboard und ihr Freund Gitarre spielt, ist gut gebucht. Sie ist beim „Made in Germany“-Open Air aufgetreten, hat einen Werbevertrag mit den Bad Liebenwerda Mineralquellen und ist vierfacher Sieger des 29. Deutschen Rock & Pop Preises.

Facettenreiche Figuren

Ihre Opernkarriere nimmt ebenso Fahrt auf. In der Titelrolle von Dvořáks Oper „Rusalka“ gab die Sopranistin aus Stendal beim Choriner Opernsommer ihr Debüt. An der Neuköllner Oper sang sie die Micaëla in „Der Fall Carmen“. Auch an der Uraufführung von Walter Thomas Heyns Kammeroper „RevoLuther“ wirkte sie mit. Demnächst stehen Agathe im „Freischütz“ und Konstanze in der „Entführung aus dem Serail“ auf der Agenda.

Auch im Musicalbereich ist Mirjam Miesterfeldt gefragt, obwohl sie keine ausgebildete Tänzerin ist. In dem Ostrock-Musical „Über sieben Brücken“ spielt sie abwechselnd zwei Rollen: ein junges Mädchen, das aus dem Osten in den Westen flieht, oder die 72-jährige Tante Erna aus Norddeutschland. Auch in den Musicals „Halt mich“ und „Romeo und Julia“ verkörperte sie ältere Damen. „Das mache ich ausgesprochen gern“, erklärt sie. „Als Julia würde ich mich selbst spielen, als Amme kann ich mich in eine völlig andere Person versetzen, das ist doch viel spannender.“

Sie liebt auf der Bühne kraftvolle, facettenreiche Figuren, die sie herausfordern. „Die Rusalka war so eine Rolle. Sie beginnt mit kindlicher Naivität, steigert sich sehr und dreht am Ende durch. Ich lebe auf der Bühne gern explosive Emotionen aus.“

Besonders gern denkt sie an ihre Zusammenarbeit mit dem spanischen Regisseur Calixto Bieito in der Regiewerkstatt an der Deutschen Oper Berlin zurück. „Er hat eine ganz besondere Art, den Darstellern eine Szene so nahezubringen, dass man auf der Bühne Sex mit einem Stuhl haben kann, ohne sich komisch zu fühlen.“ Nicht nur das Singen, auch das Spielen ist ihr wichtig. In dem Theaterstück „Dinner For One – wie alles begann“ hat sie ihr Schauspieldebüt gegeben.

Musikalische Familie

In der Familie Miesterfeldt wurde immer viel musiziert. „Elf meiner 13 Cousins und Cousinen machen Musik“, erzählt die Sopranistin. Der Vater nutzt seine kräftige Stimme eher für Reden. Der ehemalige Pastor ist heute Politiker. Die Mutter wäre gern Sängerin geworden, das war mit dem christlichen Hintergrund in der DDR aber zu kompliziert. Beide haben ihre Tochter in ihren Plänen immer unterstützt, vor allem in der großen Krise, in die Mirjam Miesterfeldts Stimme mit 24 Jahren geriet. Während ihres Gesangsstudiums in Magdeburg lernte sie die falsche Technik. Die Stimmbänder schlossen nicht mehr, und es gab Knötchenansätze. Es fielen Sätze wie: „Das reicht nicht einmal für den Chor.“

Die junge Sängerin unternahm eine Odyssee von Lehrer zu Lehrer, bis sie in Berlin zu Caroline McPherson kam. „Sie ist eine erstklassige Stimmbildnerin, die meine gesamte Gesangswelt auf den Kopf gestellt hat“, sagt die Sopranistin dankbar. Bei der Lotte Lehmann Stiftung gewann sie einen Preis und ein Stipendium für die Lotte Lehmann Akademie. Nach drei Wochen mit Lehrerinnen wie Karan Armstrong und Janet Williams war die Stimme wieder voll da. „Vorher sagten alle: ‚Die Stimme ist wie ein ungeschliffener Diamant‘, danach nicht mehr.“

Mit der Band tritt Mirjam Miesterfeldt oft open air auf, bei Stadtfesten und Popfestivals. Als klassische Sängerin sind Freiluftkonzerte für sie eher selten. Vor so vielen Tausend Menschen wie beim Classic Open Air-Festival hat sie noch nie gestanden. Auf dem Gendarmenmarkt singt sie bei der „Italienischen Nacht“ am 3. Juli „O mio babbino caro“, Rossinis Katzenduett, das Duett „O soave fanciulla“ aus „La Bohème“ und neapolitanische Lieder.

Im vergangenen Jahr sang sie bei den Elblandfestspielen. Dadurch wurden die Veranstalter des Classic Open Airs auf sie aufmerksam. Ihre Bühnenpartner Fabio Andreotti und Lindsay Funchal lernte sie dort kennen. „Wir haben nicht zusammen gesungen, aber uns auf Anhieb gut verstanden“, erzählt die Sopranistin. „Toll, dass wir jetzt zusammen singen. Ich bin sicher, dass wir auf der Bühne gut harmonieren und viel Spaß haben.“