Mit 200 km/h mit dem Auto übers Kottbusser Tor zur Oranienstraße? Was für eine Vorstellung. So abstrus es scheint, in den autofanatischen 60er-Jahren gab es tatsächlich Pläne für eine Stadtautobahn in Kreuzberg. Und die waren gnadenlos, die Turbokreuzung am Oranienplatz sieht aus wie aus L.A. importiert. Die Autobahn endete – direkt an der Berliner Mauer. Auf dem Entwurf sieht das kurios aus, als ob man direkt mit voll PS an den Beton donnert.
Gebaut wurde diese Strecke glücklicherweise nicht, Kreuzberg wäre sonst ein anderer Kiez. Für Fußgänger gab es 1969 ein PS-Äquivalent – oberirdisch verlegte „rollende Gehsteige“ am Kudamm. Ein Transfer in ziemlich dunklen Röhren zum KaDeWe, wahrscheinlich hätten es nur die Touristen geliebt. Auch dieses Projekt blieb ungebaut. Ein bisschen darf man die Architekten aber schon beneiden, darum, wie kompromisslos sie damals planten, ohne Rücksicht auf städtebauliche Vorgaben, einfach ihrer Idee der Zukunft verpflichtet. Sputnik und Mondlandung verkörperten diesen Aufbruchsgeist.
Trennendes, Gemeinsamkeiten
Eins ist schnell klar, in der Architekturausstellung „Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre“ in der wiedereröffneten Berlinischen Galerie darf man staunen über so manche Entwürfe, manches dürfen wir auch schrecklich finden. Das ist auch der Ansatz der Kuratorin Ursula Müller für das ambitionierte Vorhaben, Ost- und West-Architektur dieser Jahre erstmals gemeinsam zu beleuchten, nach Trennendem und auch Gemeinsamkeiten zu befragen.
Es gibt kein Architekturjahrzehnt, um das so leidenschaftlich gestritten und das derart pauschal abgeurteilt wird wie die 60er-Jahre. Gerade erleben diese Jahre in der öffentlichen Diskussion ein Revival, vielleicht auch deshalb, weil diese Bauten in die Jahre gekommen sind und renoviert werden müssen. Fragen stellen sich angesichts der Sanierung: Wie gehen wir überhaupt mit diesem Erbe um? Warum bauten die Architekten so, täuschten sie sich?
Das Bauhaus-Archiv wird saniert, ebenso wie die Nationalgalerie, zum Mies-Bau gab es extra ein internationales Symposium. Der Mies-Bau überstrahlt als Ikone das negative Image der 60er-Bauten. Das jedenfalls beginnt sich langsam zu wandeln, erlebt in den jüngeren Generationen eine Neubewertung, so hat es Ursula Müller bei ihren Recherchen erlebt. Bestes Berliner Beispiel, der Umbau von St. Agnes als Galerie in Kreuzberg. Dieser Brutalismus-Bau in seiner spröden Klarheit hat viele Fans, die Künstler lieben ihn, wenn sie es schaffen, ihn in seiner Größe zu bespielen. Auch das Hansa-Viertel, lange verpönt, hat heute viele Liebhaber, die dort gerne in eine der Wohnungen von Walter Gropius einziehen würden.
„Der Blick derjenigen, die mit den 60er-Jahren aufgewachsen sind, ist verzerrt“, meint Müller. Ein Plädoyer dafür, mit dem städtebaulichen Nachlass wachsam umzugehen. In Berlin begegnen wir tagtäglich den Bauten der Nachkriegsmoderne: den Neubauten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dem Europa-Center, eine der ersten deutschen Shoppingmalls, Staatsratsgebäude, Fernsehturm, Wahrzeichen der Stadt, Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Und auch an das gezackte Ahornblatt auf der Fischerinsel werden sich einige noch gut erinnern. Das Megarestaurant wurde im Jahr 2000 abgerissen, wer heute vor dem Modell steht, weiß, die Entscheidung damals war falsch.
Die Bauten der 60er, das führt uns die Schau nicht nur anhand anonymer Großsiedlungen vor, sind ein Statement, wenn man will, ein in Beton gegossener Selbstbehauptungswille: dominant, funktional, nicht selten klotzig, ja, monumental, dabei wollten sich die Stadtplaner von der Nazi-Ästhetik abgrenzen. Die Materialen sind pur und ehrlich, wie man gut an der Nationalgalerie erkennt: Stahl, Glas, Holz, vor allem aber der raue Sichtbeton, an dem sich die Geister scheiden.
Die Schau zeigt, unter welchen Voraussetzungen die Gebäude und konkurrierenden Stadtlandschaften wie der Breitscheidplatz und der Marx-Engels-Platz (heute Schloßplatz) überhaupt entstanden. Den ärmlichen Zustand der Mietwohnungen im Nachkriegsdeutschland, kein Bad, alles beengt, dunkel, ein einziges Waschbecken für alles, Außenklo, die zerbombten Straßenzüge. Siedlungen wie das Märkische Viertel erscheinen wie moderne Paradiese in Beton.
Egon Eiermann allerdings musste erkennen, dass der Abriss der Turmruine nicht die Lösung war, die Berliner protestierten. Und so wurde der zerbombte Hauptturm als Mahnmal des Krieges in der Kaiser-Wilhelm-Kirche integriert. Doch Architektur in den 60ern war mehr als nur Sozialutopie, Bauen war Politik im Kampf zweier Systeme. Kalter Krieg zwischen Platte und Stahl.
Zunächst gab es noch die Idee eines Kollektivplanes für den Wiederaufbau ganz Berlins, initiiert von Hans Scharoun 1946 als Abkehr vom „Steinernen Berlin“ der Nazi-Architektur. Doch Scharoun geriet schnell zwischen die Fronten: Die eisige Aufteilung in Blöcke führte zu eigenen städtebaulichen Planungen in Ost- und West-Berlin. Der Wettbewerb zur „Hauptstadt Berlin“ 1955 war für die Planer im Ostteil die reinste Provokation – man zog 1958 nach mit dem „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der DDR“.
Dokumente aus dem Privatbesitz
Müller hat versucht, Ost und West gleichermaßen zu bespielen. „Da machen wir keinen Unterschied“, sagt sie. Dabei war es ungleich schwerer, Materialien aus dem Berliner Osten zu bekommen. Vieles wurde vernichtet, einiges hat sie mühsam aus Privatbesitz zusammengestellt. Ein Großteil der Exponate stammt aus dem Archiv des Magistrats, dass die Berlinische Galerie übernommen hat.
Schade ist, dass die Ausstellungspräsentation so gar nichts aus dem radikalen Geist der Architektur schöpft, die sie darstellt. Da hängen die einzelnen Entwürfe, Fotos und Zeichnungen, in Holz gerahmt, brav und ordentlich einreihig an der Wand, in Vitrinen liegen alte Magazine. Noch bedauerlicher aber ist, dass die Ausstellung es nicht schafft, an aktuelle städtebauliche Diskussionen anzuknüpfen. Man könnte Architekten befragen, ein Forum öffnen. Schließlich ist die Berlinische Galerie ein freies Haus für die Künste – das Kulturforum liegt vor der Tür und das Schloss hat demnächst Richtfest.



