Ausstellung

Für immer malen – Liebeserklärung an die Leinwand

Den vorgezogenen Auftakt zur Berliner Art Week macht die Nationalgalerie mit der großen Malerei-Schau „Painting Forever!“. Zu der flotten Boygroup gehören Martin Eder, Anselm Ryle, Thomas Scheibitz und Michael Kunze

Foto: © Staatliche Museen zu Berlin,Nationalgalerie / Matthias Kolb

Es ist eher selten, dass Künstler in einer Pressekonferenz in der ersten Reihe im Publikum sitzen wie brave Gymnasiasten. Anselm Ryle hockt da neben Martin Eder, der im coolen Camouflage-Look gekommen ist. Vielleicht will er lieber nicht erkannt werden. Wäre verständlich, bei all den Fragen. Welcher Künstler möchte seine Werke schon erklären? Warum man immer wieder nackte Girls malt, stets wieder erläutern muss, dass das nichts mit dem eigenen Sex zu tun hat. „Verlorene Lebenszeit, wenn die Bilder nicht verstanden werden“, findet Eder.

An diesem Vormittag in der Nationalgalerie spricht man viel über das Medium Malerei, über malerische Prozesse, über Figuration und Abstraktion, über Obsession und Repräsentation, und, ja, über Lieblinge des Kunstmarktes. Malerei sei in den letzten Jahren in Berliner Museen generell unterrepräsentiert gewesen, sagt Museumschef Udo Kittelmann. Daher die Idee zu dieser groß angelegten Liebeserklärung an die Leinwand. „Painting Forever!“, so heißt dann auch das Gemeinschaftsprojekt, bei dem Berlinische Galerie, die Kunstwerke und die Kunsthalle der Deutschen Bank mit unterschiedlichen Schwerpunkten kooperieren. Der Kultursenat hat gesponsert – diese vier Ausstellungen flankieren die Berlin Art Week, die am 17. September beginnt.

Die Nationalgalerie zieht zeitlich vor und pokert hoch mit „BubeDameKönigAss“. Frauenbeauftragte werden hier nicht glücklich, denn angetreten ist im Mies-Bau eine reine Boygroup. Neben Eder und Reyle gehören Michael Kunze und Thomas Scheibitz dazu. Sie leben alle in Berlin, man trifft sich schon mal auf ein Glas. Sie kommen aus der Generation der 60er, Reyle ist zwar Jahrgang 1970, der gesellschaftliche Background aber ist der gleiche. Markttechnisch sind die „Fantastischen Vier“ geadelt, auf Biennalen und Messen weltweit eingebunden.

Jeder hat sein eigenes Refugium

Scheibitz vertrat Deutschland auf der Biennale in Venedig vor einigen Jahren, Eder wird von Galeriematador Judy Lybke gemanagt, Ryle von Gagosian Gallery in New York. Nur Kunze ist weniger populär mit seinen surrealen Szenerien. Um Anerkennung aber muss hier keiner mehr kämpfen im großen Schaufenster der Malerei. Eins ist klar, nach dieser Präsentation im Mies-Bau, Ikone der Moderne, ist für die vier endgültig der museale Gütesiegel gesetzt.

Warum gerade diese vier? Kittelmanns Erklärung klingt etwas paradox. Alle vier seien ausgezeichnete Maler, von Sammlern und Publikum gleichermaßen geschätzt, nur von der Fachkritik heftig und kontrovers diskutiert, also nicht konsensfähig. Dieses Missverhältnis solle nun vor Ort aufgearbeitet werden. Es wird also gemischt, nun liegen die Karten offen. Jeder sucht sein eigenes As: Jeder Künstler nämlich hat zwei Stellwände, ein wohl aufgestelltes Refugium.

„Die Leute gucken nicht richtig in meine Bilder hinein“

„Alles ok, Martin?“, ruft Udo Kittelmann in die erste Reihe. Den Vorwurf des „Kitsch-Königs“ muss sich Martin Eder immer mal wieder gefallen lassen. „Das nervt“, sagt er. „Die Leute gucken nicht richtig in meine Bilder hinein.“ Was die Leute auf seinen Bildern sehen, sind ziemlich nackte Lolitas in ziemlich lasziven Posen und Rangeleien („Frühlingserwachen“), dazu Perserkatzen und Plüschlöwen zum Kuscheln, ein überzüchteter Königspudel wie aus dem Bilderbuch ist dabei und Blumenstillleben, die nicht schöner sein könnten. Und er malt wunderbar dramatische Himmel, die sich wie eine zweite Ebene in seine Bilderwelten einziehen. Er arbeite sehr streng und konzeptionell, sagt Eder. Jede Fertigstellung eines Bildes sei wie ein „fetter Faustschlag, wie Kampfsport, ehrlich“. Eigentlich führt er nämlich nur vor, „wie die Welt ist“. Dass Erotik immer nur in Klischees gedacht wird wie auf Bildern eines billigen Autokalenders, das eben zeigt er in seinen Mädchenakten. „Ich male die Sehnsüchte, Bedürfnisse und Verführungen. Es ist nicht meine Befindlichkeit, ich bleibe Beobachter meiner Umwelt.“

Ein ähnlich großer Verführer wie Eder ist Anselm Reyle. Seine grellen Streifenbilder, Spiegelcollagen und großen Objektkästen mit glitzernder Knitterfolie schliddern ganz auf der Oberfläche der Dinge, spiegeln und entlarven zugleich den schönen Schein des Konsums. Reyle demontiert den Mythos vom Künstlerstar: der Maler malt eben längst nicht mehr, sondern lässt industriell produzieren. Einer der größten Meister des Geschäfts ist da Jeff Koons.

Scheibitz balanciert gekonnt auf dem Grat zwischen Abstraktion und Figuration, da knutscht ein Kreis mit einer Welle („Utopia“), da purzeln Dreiecke in den lichten Bildraum. Michael Kunze bleibt mit seinen rätselhaften, labyrinthischen Tableaus der große Erzähler unter den vier Malern. Hier winkt uns die Kunstgeschichte zu, mal ist es ein Böcklin, mal ein De Chirico, mal ein Bosch.

König oder Ass? Das darf nun jeder selbst entscheiden.